Klimanotstand: 14.000 Wissenschaftler*innen weltweit warnen vor unermesslichem Leid
Es ist weiterhin möglich, sich dem Appell anzuschließen

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Am 28. Juli haben fast 14.000 Wissenschaftler*innen aus über 150 Ländern – darunter auch Österreich – gemeinsam mit den Autor*innen Ripple, Wolf et al. die Welt erneut vor dem Klimanotstand gewarnt. Sie haben damit die dringende Warnung von 2019 wiederholt, der sich damals mehr als 11.000 Wissenschaftler*innen anschlossen. Seither haben weitere 2.800 den Artikel als Mitautor*innen unterschrieben. Dies ist keine gewöhnliche Unterschriftensammlung: Alle Unterzeichneten sind nachweislich einer Universität oder einem wissenschaftlichen Institut verbunden. Wissenschaftler*innen aller Disziplinen, die sich der Warnung anschließen wollen, können das hier tun: https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/.

​Übersetzung der Kurzfassung

(https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/):

​Alliance of World Scientists​
Warnung der Wissenschaftler*innen der Welt vor einem Klimanotfall

William J. Ripple, Christopher Wolf, Thomas M. Newsome, Phoebe Barnard, William R. Moomaw und 13,925 Wissenschaftler*innen aus 158 Ländern

Wir Wissenschaftler*innen haben die moralische Pflicht, die Menschheit vor jeglicher katastrophalen Bedrohung eindeutig zu warnen. In diesem Artikel präsentieren wir graphisch eine Reihe von Vitalparametern des Klimawandels während der letzten 40 Jahre. Die Ergebnisse zeigen, dass die Treibhausgasemissionen immer noch steigen, mit immer schädlicheren Auswirkungen. Mit wenigen Ausnahmen haben wir es verfehlt, dieses Problem in Angriff zu nehmen. Die Klimakrise ist da und sie beschleunigt sich stärker als viele Wissenschaftler*innen erwartet haben. Sie ist einschneidender als vorhergesehen, sie bedroht die natürlichen Ökosysteme und das Schicksal der Menschheit. Wir schlagen sechs entscheidende, zusammenhängende Maßnahmen vor, die die Regierungen und die Menschheit durchführen können, um die schlimmsten Auswirkungen des Klimawandels zu verringern: Sie betreffen: 1) Energie, 2) kurzlebige Schadstoffe, 3) Natur, 4) Nahrung, 5) Wirtschaft und 6) Bevölkerung. Milderung des Klimawandels und Anpassung erfordern Transformationen in der Weise des Regierens, des Managements, der Ernährung und der Befriedigung des materiellen und des Energiebedarfs. Es ermutigt uns, dass in jüngster Zeit die Besorgnis und Betroffenheit weltweit wächst. Regierungen erklären den Klimanotstand. Der Papst hat eine Enzyklika zum Klimawandel erlassen. Schüler*innen streiken. Gerichtsverfahren wegen Ökozids laufen. Bürger*innenbewegungen fordern Wandel. Als Wissenschaftler*innen finden wir es dringend notwendig, diese Vitalparameter breit zu nutzen und gehen davon aus, dass die graphischen Indikatoren es den Entscheidungsträger*innen und der Öffentlichkeit erleichtern, das Ausmaß dieser Krise zu verstehen, Fortschritte zu messen und neue Prioritäten zu setzen, um den Klimawandel einzudämmen. Die gute Nachricht ist, dass diese Transformation, die soziale und ökologische Gerechtigkeit einschließt, auf lange Sicht größeres menschliches Wohlbefinden als business as usual verspricht. Wir glauben daran, dass die Aussichten am besten sind, wenn Entscheidungsträger*innen und die Menschheit prompt auf unsere Warnung und unsere Erklärung des Klimanotstands reagieren und handeln, um das Leben auf dem Planeten Erde, unserer einzigen Heimat, zu erhalten.

Unter dieser Adresse können Wissenschaftler*innen den Artikel, der den untenstehenden Maßnahmenkatalog enthält, unterzeichnen: https://scientistswarning.forestry.oregonstate.edu/

​Übersetzung des Maßnahmenkatalogs

https://academic.oup.com/bioscience/article/70/1/8/5610806
BioScience, Volume 70, Issue 1, January 2020, Pages 8–12,
https://doi.org/10.1093/biosci/biz088

Foto: Pixabay

​Energie

Die Welt muss rasch massive Energieeffizienz- und Energiesparpraktiken verwirklichen und fossile Brennstoffe mit kohlenstoffarmen Erneuerbaren und anderen sauberen Energiequellen ersetzen, wenn das für Menschen und Umwelt sicher ist. Wir sollten die verbleibenden Vorräte an fossilen Brennstoffen im Boden lassen und sorgfältig Möglichkeiten effektiver negativer Emssionen verfolgen, wie CO2-Extraktion an der Quelle und aus der Luft und vor allem durch die Förderung natürlicher Systeme (siehe Abschnitt „Natur“). Wohlhabendere Länder müssen ärmere Nationen dabei unterstützen, die Transformation weg von fossilen Brennstoffen durchzuführen. Wir müssen Subventionen für fossile Brennstoffe abschaffen und effektive und faire Maßnahmen ergreifen um den CO2-Preis laufend zu erhöhen und deren Nutzung einzuschränken.

Kurzlebige Schadstoffe

Wir müssen schleunigst die Emissionen von kurzlebigen Schadstoffen verringern, einschließlich Methan, schwarzen Kohlenstoff (Ruß), und Fluorkohlenwasserstoffen (HFCs). Das könnte Klima-Rückkopplungen verlangsamen und potenziell die kurzfristige Erwärmung während der nächsten Jahrzehnte um 50 Prozent reduzieren, was Millionen Menschenleben retten könnte und die durch Luftverschmutzung reduzierten Ernteerträge wieder erhöhen.

​Natur

Wir müssen die Ökosysteme der Erde schützen bzw. wiederherstellen. Phytoplankton, Korallenriffe, Wälder, Savannen, Grasland, Feuchtgebiete, Moore, Humus, Mangroven und Seegras tragen massiv zur Bindung von atmosphärischem CO2 bei. Meeres- und Festlandpflanzen, Tiere und Mikroorganismen spielen eine wesentliche Rolle im Kohlenstoff- und Nährstoffkreislauf und in der Kohlenstoffspeicherung. Wir müssen rasch die Verluste an Lebensräumen und Artenvielfalt eindämmen und die verbleibenden primären und intakten Wälder schützen, besonders die mit hoher Kohlenstoffspeicherung und andere Wälder mit der Kapazität rasch Kohlenstoff aufzunehmen (proforestation) und in gigantischem Ausmaß wiederaufforsten und neu aufforsten. Obwohl das verfügbare Land dafür stellenweise eine Begrenzung darstellt, könnte ein Drittel der Emissions-Reduktionen, die bis 2030 zur Erreichung der Pariser Klimaziele (weniger als 2°C) erforderlich sind durch diese natürlichen Klimalösungen erreicht werden.

​Nahrung

Hauptsächlich pflanzliche Ernährung und die Reduzierung des weltweiten Konsums von Tierprodukten, besonders von Wiederkäuern, kann die menschliche Gesundheit fördern und die Treibhausgasemissionen deutlich senken (einschließlich Methan im Abschnitt „Kurzlebige Schadstoffe“). Weiters würde das Ackerland für den Anbau von dringend benötigter pflanzlicher Nahrung freimachen, und Weideland für natürliche Klimalösungen nutzbar machen (siehe Abschnitt „Natur“). Landwirtschaftliche Praktiken wie minimales Pflügen, die den Kohlenstoffgehalt des Bodens erhöhen sind von entscheidender Bedeutung. Und wir müssen die enorme Lebensmittelverschwendung auf der Welt reduzieren.

​Wirtschaft

Die übermäßige Entnahme von Materialien und die Überausbeutung von Ökosystemen, angetrieben durch Wirtschaftswachstum, muss schnellstmöglich eingeschränkt werden, um die dauernde Erhaltung der Biosphäre zu gewährleisten. Wir brauchen eine kohlenstofffreie Wirtschaft, die von der Abhängigkeit der Menschen von der Biosphäre ausgeht und Regeln, die ökonomische Entscheidung im Hinblick darauf lenken. Wir müssen uns abwenden vom Ziel des zunehmenden Bruttoinlandsprodukts und der Anhäufung von Überfluss hin zur Erhaltung der Ökosysteme und der Verbesserung menschlichen Wohlbefindens, indem grundlegenden Bedürfnissen Vorrang gegeben wird und Ungleichheit reduziert wird.

​Bevölkerung

Die Weltbevölkerung, die immer noch um ca. 80 Millionen Menschen pro Jahr oder über 200.000 pro Tag wächst, muss auf sozial verträgliche Weise stabilisiert und idealerweise nach und nach verringert werden. Es gibt bewährte und effektive Maßnahmen, die Menschenrechte stärken und gleichzeitig die Fruchtbarkeit senken und damit die Auswirkungen von Bevölkerungswachstum auf die Treibhausgasemissionen und den Artenverlust verringern. Diese Maßnahmen und Regulierungen machen Dienste zur Familienplanung für alle Menschen zugänglich, beseitigen Zugangsbarrieren, beinhalten Primär- und Sekundärbildung als globale Norm, besonders für Mädchen und junge Frauen, und zielen auf volle Gleichberechtigung der Geschlechter.

Übersetzung: Martin Auer
Gesichtet: Anika Bausch
Titelfoto: Wikimedia Commons

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