Renate Christ im Interview: Glasgow setzt wichtige neue Ziele – jetzt kommt es darauf an, sie einzufordern.

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Renate Christ hat lange Jahre das Sekretariat des Weltklimarats IPCC geleitet. Sie war auch diesmal wieder bei der COP26 in Glasgow als Delegierte dabei. Im Interview mit Scientists for Future analysiert sie die Ergebnisse des Klimagipfels und kommt zu dem Schluss, dass Glasgow keineswegs nur blah blah war. Sie nennt die wichtigen neuen Ziele, die in Glasgow festgeschrieben wurden:

Worauf es jetzt ankommt, sagt Christ, ist, die Glasgower Erklärung zu nutzen, um die Einhaltung der Ziele von den Regierungen einzufordern. Durch die verschärften und eindeutigeren Ziele hat die Glasgower Erklärung mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen und sollte von der Klimagerechtigkeitsbewegung entsprechend genutzt werden.

  • Das Ziel heißt jetzt eindeutig: 1,5°C. Die Erkenntnis, dass eine Erwärmung um 2°C oder auch „deutlich darunter“ katastrophal wäre, hat sich durchgesetzt.
  • Die Reduzierung der CO2-Emissionen um 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2010 wurde festgeschrieben.
  • Netto-Null Emissionen sollen in der Mitte des Jahrhunderts erreicht werden. Im Pariser Abkommen hieß es noch: in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
  • Neue und verbesserte Reduktionsziele sollen schon 2022 vorgelegt werden und nicht erst 2025.

Auch neben den Verhandlungen der Vertragspartner sind wichtige Vereinbarungen getroffen worden, für die nicht die Zustimmung aller Länder notwendig war. So das Abkommen über die Reduzierung von Methan, Selbstverpflichtungen verschiedener Industrien und auch die von Costa Rica und Dänemark initiierte „Beyond Oil and Gas Alliance“.

Das komplette Interview

Martin Auer: Liebe Renate, du hast lange Zeit das Sekretariat des Weltklimarats IPCC geleistet und bist in dieser Eigenschaft auch Trägerin des Friedensnobelpreises, den du dir mit all den beitragenden Wissenschaftlerinnen teilst …

Renate Christ: … die alle freiwillig ohne Bezahlung mitgewirkt haben. Das möchte ich unbedingt betonen.

Martin Auer: Das ist wirklich eine preiswürdige Leistung. Du warst bereits aktiv auf diversen Umwelt- und Klima-Konferenzen beteiligt. In welcher Funktion warst du diesmal in Glasgow?

Renate Christ: Ich war für eine kleine, feine Wiener NGO „neongreen“ (Verlinkung: http://neongreen.net/) in Glasgow. Sie organisieren z.B. die ERDgespräche. Seit einigen Jahren bin ich mit ihnen in Kontakt und wurde von ihnen akkreditiert, um sie bei der COP zu vertreten. Aufgrund von Covid gab es bei der Konferenz nur wenige Plätze, welche vorrangig den Vertragsparteien gegeben wurden. Da ich bei früheren Gelegenheiten selbst als Verhandlerin bei den COP Treffen auftrat, weiß ich natürlich gut, wie man sich trotzdem relevante Informationen beschafft.

Martin Auer: Wie würdest du das Ergebnis zusammenfassen? Greta Thunberg sagt: „Alles nur blabla!“, Vanessa Nakate sagt: “Wir glauben euren Versprechungen nicht.“ Der UNO Generalsekretär Antonio Guterres sagt: „Es ist ein wichtiger Schritt, aber zu wenig.“ Es ist ihm zwar bewusst, wir haben die Beendigung der Subventionen für fossile Energien nicht erreicht, wir haben den Ausstieg aus Kohle nicht erreicht, wir haben den CO2 Preis, den Schutz für gefährliche Gemeinden, die geforderten 100 Milliarden für Entwicklungsländer, etc. nicht erreicht, aber: Es wurden Bausteine für Fortschritte gelegt. Welche Bausteine könnten das sein?

Renate Christ: Die COP-Entscheidungen repräsentieren den kleinsten gemeinsame Nenner von fast 200 Staaten. Hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Aus meiner Sicht ist ein großer Fortschritt, dass das 2-Grad-Ziel, welches 2015 beim Pariser Treffen vereinbart wurde, vergessen werden kann. Alle Staaten einigten sich jetzt in Glasgow auf die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 1,5 Grad. Weiters ist positiv hervorzuheben, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bis 2030 weltweit um 45% (basierend auf den Wert von 2010) sinken muss. Außerdem ist, im Gegensatz zum Pariser Abkommen, das Erreichen der Klimaneutralität bereits für 2050 verankert, anstatt irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Besonders ist auch, dass neue nationale Beiträge bereits im Jahr 2022 geliefert werden müssen. Das bedeutet, schon nächstes Jahr sind klare Fahrpläne, klare Ziele und Maßnahmen einzureichen, welche bis 2030 erreicht sein sollen.

Wenn man nicht Verhandlungs-Insider ist, würde man dem „wording“ nicht so viel Wert beimessen, aber aus meiner Erfahrung weiß ich, in Glasgow sind sehr scharfe und klare Formulierungen vereinbart worden, was ein großer Erfolg ist. Natürlich müssen diesen Vereinbarungen nun auch Taten folgen. Die Formulierungen im Glasgow Pakt sind richtig, wichtig und ein großer Fortschritt. Jedoch muss dies nun auch umgesetzt werden und das ist nicht einfach.

Es ist uns bewusst, Papier ist geduldig. Wir erinnern uns daran, Österreich hat 1997 die Kyoto Ziele unterschrieben und sich dazu verpflichtet innerhalb der Jahre 2008-2012 seinen jährlichen Treibhausgas-Ausstoß um 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren. Tatsächlich sind die Emissionen allerdings gestiegen. Nun hat sich Österreich als Ziel gesetzt bis 2040 klimaneutral zu sein. Jetzt müssen wir schauen, wie wir dies erreichen.

Martin Auer: Einige Zeit vor der COP hat uns das United Nations Environment Program „UNEP“ davor gewarnt, dass uns die aktuell vorliegenden Verpflichtungen in Richtung 2,7 Grad Erderwärmung führen werden. Jetzt hat der Climate Action Tracker basierend auf den neuesten Verpflichtungen berechnet, wir bewegen uns auf 2,4 Grad zu. Werden wir nächstes Jahr noch bessere Versprechungen bekommen, oder werden auch die Emissionen weniger werden?

Renate Christ: Bessere Versprechungen werden eingefordert. Es ist wichtig, sich die richtigen Ziele zu setzen. In den Wochen vor Glasgow wurden bereits neue Pläne vorgelegt, welche in diesen von dir genannten Berechnungen noch nicht berücksichtigt sind. Zum Beispiel hat Indien ein netto Null Ziel bis 2070 angekündigt, welches noch nicht berücksichtigt wurde. Wenn die neuen Pläne, welche kurz vor Glasgow vorgelegt wurden, wirklich umgesetzt werden, liegt man zwischen 2 und 2,2 Grad. Es gibt also in den Versprechungen tatsächliche Fortschritte. Es ist wichtig, jetzt auch aktiv zu werden.

Martin Auer: Es gab ein großes Gerangel über die Formulierungen, was den Kohleausstieg betrifft. Es ging darum, den Begriff „phase out“ in „phase down“ zu verändern. Welche Bedeutung hat das Wording tatsächlich?

Renate Christ: Ja, hier geht es darum, dass anstatt dem kompletten Kohle-Ausstieg – „phase out“ — nur eine Reduktion – „phase down“ – als Ziel festgelegt wird. In der letzten Stunde der Verhandlung kam es bezüglich dieser Frage zu einem heftigen Kampf. Der Vorsitzende war sehr bemüht, eine gemeinsame Vereinbarung zu treffen. Er hat diesen Kompromiss vorgeschlagen und war selbst tief unglücklich mit dieser Lösung. Da Indien, Südafrika und Nigeria damit gedroht haben, die Gesamtvereinbarung zu blockieren, war es leider notwendig, ihnen in diesem Punkt entgegenzukommen.

Ein weiterer kontroversieller Begriff sind „inefficient fossil fuel subsidies“. Hier ist nicht klar, was damit gemeint ist. Ich fände es wünschenswert, wenn die Formulierung klarer wäre. Auch in Österreich müssen wir uns an der Nase nehmen. Es gibt eine gute Studie über alle Förderungen von fossilen Energieträgern. Hier ist kaum etwas passiert. Trotz Ökosteuerreform und weiteren Schritten werden immer noch fossile Brennstoffe gefördert. Es geht darum: Wie kann das, was versprochen wurde, auf nationaler Ebene umgesetzt werden.

Martin Auer: Einen anderen Konflikt um die exakte Formulierung gab es, da 200 Wissenschaftler*innen die an verschiedenen IPCC Berichten mitgearbeitet haben, einen offenen Brief verfassten. Sie wünschten sich, dass die Ergebnisse des IPCC Berichts „anerkannt“ und nicht bloß „zur Kenntnis genommen“ werden. Warum ist es notwendig, dass die Wissenschaftler erst darum bitten müssen, dass man sie anerkennt? Welche Rolle spielt die Wissenschaft? Spielen bei diesen Verhandlungen nur wirtschaftliche Erwägungen, Sonderinteressen eine Rolle?

Renate Christ: In den IPCC Berichten stehen sehr viele brisante und unbequeme Wahrheiten. Wenn man das alles anerkennen würde, damit hätten die Länder, welche man als Bremser bezeichnen würde, große Schwierigkeiten.

Es hat sich allerdings schon vieles verändert. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Verhandlern hat sich verbessert. Als ich das IPCC Sekretariat übernommen hatte, bekamen wir zwei bis drei Minuten im Plenum. Jetzt haben wir 3 Stunden. Diesmal waren insgesamt 9 Stunden vorgesehen, um im Dialog Verständnis für die Ergebnisse des IPCC Berichts zu schaffen. Wir sehen auch, einige Forderungen aus den IPCC Berichten werden in die COP-Vereinbarungen übernommen.

Martin Auer: Es hat geheißen, die größte Delegation vor Ort waren Lobbyisten für fossile Energieträger, ca. 500 Personen. Sie kommen aus der Öl-, Kohle-, Gasindustrie. Wie kommen die da rein? Wie üben sie Einfluss aus?

Renate Christ: Sie kommen über zwei Wege rein. Zum einen gibt es nationale Delegationen, in welche diese Lobbyisten von manchen Nationen aufgenommen werden. Die andere Möglichkeit ist, dass sie von einer NGO gesandt werden. Es gibt verschiedene Gruppen von NGOs: „Forschung“, „Jugend“, „Wirtschaft“ etc. NGOs müssen verschiedene Kriterien erfüllen, damit sie akkreditiert werden. Dann hat die NGO freie Hand, irgendwelche Personen zu senden. Zum Beispiel hat neongreen mich gewählt.

Martin Auer: Ein wichtiger Punkt war das „Rulebook“ von Paris. In diesem Regelheft soll die Abrechnung der Klimaschutzmaßnahmen geregelt werden. Wie weit ist man damit gekommen?

Renate Christ: Ja, man hat eine Einigung erzielt. Es wurde auch beim Emissionshandel eine Einigung erzielt. Allein davon, wie Emissionen verbucht oder und hin und her geschoben werden, davon werden sie nicht weniger. Für Länder die ambitionierter handeln wollen, war ein Wermutstropfen, dass man Credits aus der Zeit des Kyoto Protokolls, welche Ende nächsten Jahres ausgelaufen wären, nun in die nächste Paris-Periode mitnehmen kann. Das bedeutet, dass man Emissions-Reduktionen, die in der Vergangenheit bereits passiert sind, mit den neuen Reduktionen ausgleichen darf. Dieser Kompromiss wurde eingegangen, um die großen Ziele wie das 1,5-Grad-Ziel und die Netto-Null bis 2050 durchzubekommen.

Martin Auer: Welche Rolle hat die österreichische Delegation gespielt?

Renate Christ: Die EU verhandelt als ein Block. Daher spricht die EU mit einer Stimme. Die gesamt EU-Linie wird in der EU-Koordination festgelegt. Dieses Jahr wurde Frau Bundesministerin Gewessler von der EU entsandt, bei den Emissions-Verhandlungen die EU Position zu vertreten. Dies ist eine sehr wichtige Position.

Martin Auer: Paris hat – mit einer gewissen Verspätung – eine Massenbewegung ausgelöst: Fridays For Future und andere berufen sich auf das Pariser Abkommen. Jetzt hat man das Gefühl, dass diese Bewegung von der Klimadiplomatie nichts mehr erwartet und sich abwendet. Ist das gescheit?

Renate Christ: Natürlich steht es jedem frei, Unzufriedenheit zu äußern. Das Ganze generell zu verdammen ist allerdings kontraproduktiv. Ich würde empfehlen, nun zu drängen: Wo ist der Fahrplan zu null Emissionen? Wo gibt es immer noch Förderungen für fossile Brennstoffe? Es gibt nun viele Versprechungen, die wir als Zivilgesellschaft einfordern können. Ein konstruktives Pushen in die richtige Richtung, welche wissenschaftlich begründet auch vorgegeben wurde. Wir können die Errungenschaften aus Glasgow als Momentum nutzen und verlangen: Jetzt packen wir es an, weil wir haben nur mehr 9 Jahre bis zu den minus 45 Prozent. Ihr habt das in Glasgow vereinbart, wir wollen, dass ihr das jetzt liefert. Die entwickelten Staaten haben eine höhere Verantwortung, da sie in der Vergangenheit mehr Schaden verursacht haben, also sollten sie jetzt schneller reduzieren als der Weltdurchschnitt.

Es gab neben den offiziellen Verhandlungen viele andere Deklarationen: presidency program, climate action program, etc. Hier einigten sich Industrien wie z.B. die Tourismusbranche, die Modeindustrie oder Sportverbände auf Ziele oder darauf, Pläne vorzulegen. Sie legen sich eine Selbstverpflichtung auf. Als Zivilgesellschaft können wir sie darauf festnageln und die selbst genannten Ziele einfordern. Diese Industrien konnten über das Glasgow Paket hinausgehen, da hier nicht alle Länder dabei waren. Es wäre ratsam, sich auch diese Vereinbarungen anzusehen, ob man daraus Aktion ableiten kann.

Martin Auer: Wenn nicht alle Länder im selben Boot sitzen müssen, kann eine sogenannte „Koalition der Willigen“ einen eigenen, ambitionierteren Weg als die Glasgow-Versprechen einschlagen? Auf Initiative von Costa Rica und Dänemark bildete sich zum Beispiel die „Beyond Oil and Gas Alliance“. Wäre dies eine Möglichkeit, Dinge schneller voran zu treiben? Kann Europa und vielleicht noch andere, sich zusammentun und vielleicht auch ohne Indien und China weiter gehen als Glasgow?

Renate Christ: Da sehe ich schon eine Chance. Als ich die letzten Stunden der Konferenz beobachtet habe, bemerkte ich hier eine starke Allianz in Richtung Nachhaltigkeit. Zum Beispiel die USA ist wieder „back on stage“. Gerade John Kerry und Frans Timmermans von der EU haben eine große Rolle gespielt. Sie versuchten gemeinsam mit dem COP-Präsidenten das Beste herauszuholen. Der Präsident hatte klare Ziele: „I want to keep 1,5 alive“. Und das hat er geliefert. Sein anderer Agendapunkt: „Gelder für Verluste und Schäden“ konnte leider nicht erreicht werden.

Als Europa voran zu gehen ist aufgrund unserer Diversität innerhalb Europas eher schwierig. Unter den 27 EU Ländern gibt es auch große Kohleländer. Das Vorangehen der USA unter dem Präsident Biden mit einem Verhandler Kerry ist wahrscheinlich einfacher.

Martin Auer: Zusammenfassend wurde gesagt: „1,5 ist noch am Leben aber der Puls ist schon sehr schwach.“ Ich freue mich, dass du der Konferenz einiges Positives abgewinnen kannst. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Renate Christ: Ich möchte alle weiterhin motivieren unsere Regierungen zu pushen. Es gibt noch viel zu tun. Ich bedanke mich auch für das Gespräch.

Transkription: Ines Clarissa Schuster

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