Unwiederbringlicher Kohlenstoff: Welche Gebiete der Erde unbedingt geschützt werden müssen
von Martin Auer

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Eine brandneue Studie von Conservation International1 beschreibt, welche entscheidenden Ökosysteme auf der Erde die Menschheit schützen muss, um eine Klimakatastrophe zu vermeiden. Diese Ökosysteme sind wichtig, weil sie besonders viel Kohlenstoff pro Hektar Landfläche speichern. Es sind Mangroven, tropische Wälder und Torfgebiete sowie alte Wälder in den gemäßigten Breiten. Wenn diese Ökosysteme zerstört würden und der Kohlenstoff, den sie enthalten, in Form von CO2 in die Atmosphäre gelangen würde, dann könnte dieser Kohlenstoff nicht mehr rechtzeitig wieder zurückgeholt werden. „Rechtzeitig“ heißt hier: Uns stehen noch 30 Jahre zur Verfügung um unsere CO2-Emissionen auf netto-null zu bringen. Selbst wenn man einen abgeholzten Wald wieder aufforsten oder ein trockengelegtes Moor wieder befeuchten würde, würden sich diese Kohlenstoffspeicher in dieser Zeit auch nicht annähernd wieder auffüllen. Darum nennen die Forscher*innen diese Speicher „unwiederbringlichen Kohlenstoff“ („irrecoverable carbon“). Die Gebiete, wo dieser unwiederbringliche Kohlenstoff konzentriert ist, müssen unbedingt vor Zerstörung bewahrt werden, um die Klimakatastrophe abzuwenden.

Johan Rockström: „Wir müssen jetzt handeln!“

„Die Folgen der Freisetzung dieses gespeicherten Kohlenstoffs würden sich über Generationen erstrecken und unsere Chance, das Klima der Erde auf einem für die Natur und die Menschheit erträglichen Niveau zu stabilisieren, untergraben“, sagt Johan Rockström, leitender Wissenschaftler von Conservation International und Co-Direktor des Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam, einem führenden Institut für Klima- und Nachhaltigkeitsforschung. „Wir müssen jetzt handeln, um die Fähigkeit des Planeten, als Kohlenstoffsenke zu dienen, zu bewahren, und dazu gehört auch, diesen einzigartigen Ökosystemen Priorität einzuräumen.“

Die Weltkarte des unwiederbringlichen Kohlenstoffs

Abbildung 1: Verteilung des unwiederbringlichen Kohlenstoffs auf der Erde.
Ein Klick auf die Karte führt zur interaktiven Karte von Conservation International, auf der die Daten mit Daten zu Schutzzonen, zu Biodiversität, und zur Waldnutzung kombiniert werden können.
Quelle: https://irrecoverable.resilienceatlas.org/map/
CC BY 4.0


Die Karte zeigt, dass ungefähr die Hälfte des unwiederbringlichen Kohlenstoffs auf nur 3,3 Prozent der Landfläche konzentriert sind. Das erleichtert Schutzmaßnahmen. 23,0 Prozent befinden sich in heutigen Naturschutzgebieten und 33,6 Prozent in Gebieten, die von Indigenen oder lokalen Bevölkerungen gemanagt werden.

Der besondere Schutz dieser entscheidenden Gebiete birgt noch einen Vorteil: Sie sind auch Horte der Artenvielfalt. So kann der gezielte Schutz dieser unwiederbringlichen Kohlenstoffspeicher gleichzeitig einen erheblichen Beitrag zum Artenschutz leisten.

Mangrovenwälder bestehen aus Bäumen und Sträuchern verschiedener Pflanzenfamilien mit insgesamt fast 70 Arten, die sich an die Lebensbedingungen der Meeresküsten und brackigen Flussmündungen angepasst haben. Abgestorbene Pflanzenteile wie Laub) fallen ins Wasser und die kohlenstoffhaltigen Zersetzungsprodukte werden durch die Strömung in die Tiefe geschwemmt, wo sie über Jahrhunderte bleiben und so keine Auswirkung aufs Klima haben.
Foto: Colin Trainor, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Unwiederbringlicher Kohlenstoff in Zahlen

Alles Leben auf der Erde beruht auf Kohlenstoff und die Biosphäre enthält ungefähr 550 Gigatonnen (Millarden Tonnen) davon. Der größte Teil davon ist in Landpflanzen enthalten2. Dazu kommen 1.100 bis 1.600 Gigatonnen in Böden3. Ein bestimmter Anteil dieses Kohlenstoffs kann durch direkte menschliche Eingriffe beeinflusst werden werden – die Forscher*innen sprechen von „manageable carbon“. Von diesen Kohlenstoffspeichern berechneten sie, wie viel Kohlenstoff pro Hektar verloren gehen würde, wenn diese Ökosysteme zerstört würden, und wie viel davon in 30 Jahren wieder eingefangen („sequestriert“) werden könnte. Was nicht wieder zurückgewonnen werden kann, das ist der „unwiederbringliche Kohlenstoff“. Die Ökosysteme der Erde, so das Ergebnis, enthalten mindestens 139 Gigatonnen unwiederbringlichen Kohlenstoff. Zum Vergleich: Seit Beginn des Industriezeitalters hat die Menschheit durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen und durch die Veränderung der Landnutzung bereits 651 Gigatonnen Kohlenstoff in der Atmosphäre abgelagert. (Das entspricht 2400 Gigatonnen CO2). Laut dem Weltklimarat IPCC dürfen wir höchstens noch 109 Gigatonnen Kohlenstoff (ca. 400 Gigatonnen CO2) ausstoßen, um das 1,5°C-Ziel mit einer Zweidrittel-Wahrscheinlichkeit noch zu erreichen. Das heißt, wenn wir den gesamten unwiederbringlichen Kohlenstoff verlieren würden, wäre das verbleibende CO2-Budget weit überschritten. Seit 2010 haben wir durch Ausweitung der Landwirtschaft, Abholzung und Waldbrände schon ca. 4 Gigatonnen unwiederbringlichen Kohlenstoff verloren.

Gesichtet: Fabian Schipfer
Titelfoto: Kerbla Edzerdla, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons


1 Noon, Monica L.; Goldstein, Allie; Ledezma, Juan Carlos; Roehrdanz, Patrick R.; Cook-Patton, Susan C.; Spawn-Lee, Seth A.; Wright, Timothy Maxwell; Gonzalez-Roglich, Mariano; Hole, David G. ; Rockström, Johan; Turner. Will R. (2021): Mapping the irrecoverable carbon in Earth’s ecosystems. Nature Sustainability. Online: https://www.nature.com/articles/s41893-021-00803-6.

2 Bar-On, Yinon M.; Phillips, Rob; Milo. Ron (2018): The biomass distribution on Earth. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Jun 2018, 115 (25) 6506-6511; Online: https://www.pnas.org/content/115/25/6506

3 Rice, Charles W. (2002): Storing carbon in soil: Why and how?. In: Geotimes. 47 (1): 14–17. Online: http://www.geotimes.org/jan02/feature_carbon.html.

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