Gutes Leben innerhalb ökologischer Grenzen? – 148 Länder auf dem Prüfstand
von Nicolas Roux

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Wie können wir auf unserem Planeten die Bedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen befriedigen, ohne dabei die Stabilität des Erdsystems zu gefährden? Eine neue Untersuchung, die soeben im Fachblatt nature sustainability erschienen ist1, zeigt, dass bisher kein Land der Erde die sozialen Mindestanforderungen an ein gutes Leben erfüllt und gleichzeitig innerhalb der ökologischen Grenzen bleibt. Und auch die vorhersehbare Entwicklung bis 2050 geht bei keinem Land in die Richtung, die oberen und unteren Grenzen einzuhalten.

Die Fragestellung nach dem guten Leben innerhalb der planetaren Grenzen wird oft mit dem Bild eines „Doughnuts“ illustriert. Die innere Begrenzung des Doughnuts stellt die soziale Grundlage dar, die nicht unterschritten werden sollte, die äußere Begrenzung stellt die ökologischen Grenzen dar, über die hinaus wir den Planeten nicht belasten können, ohne sein Gleichgewicht in Gefahr zu bringen.

Doughnut Economy nach Kate Raworth.
Bild: DoughnutEconomics, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ursprünglich wurde der Doughnut von Kate Raworth entworfen. Der innere dunkelgrüne Ring stellt die soziale Grundlage dar, die nicht unterschritten werden soll. Dabei geht es um folgende Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, politische Mitbestimmung, Gendergerechtigkeit, Wohnung, Netzwerke,, Energie. Die roten Flächen der inneren Tortenstücke zeigen, wie weit wir unter den Mindeststandards liegen.

Der äußere dunkelgrüne Ring stellt die ökologische Decke dar, die nicht durchbrochen werden sollte. Hier geht es um Klimawandel, Ozeanversauerung, chemische Verschmutzung, Phosphor- und Stickstoffnutzung, Oberflächen- und Grundwasser, Landnutzung, Biodiversität, Luftverschmutzung und Ozonschicht. Diese planetare Grenzen stellen gewissermaßen eine Sicherheitszone dar. Wenn wir die Grenzen überschreiten, bringen wir den Planeten aus dem Gleichgewicht und riskieren, dass das gesamte Erdsystem in einen uns unbekannten Zustand kippt.

In der Studie, die in diesem Artikel beschrieben wird, wurden etwas andere Messgrößen verwendet.

Die Studie untersuchte 148 Länder über den Zeitraum von 1992 bis 2015. Beteiligt waren Forscher der Universität Leeds, der autonomen Universität Barcelona und der Universität für Bodenkultur Wien.

Reichere Länder verbrauchen wesentlich mehr Ressourcen als ihrem gerechten Anteil (gemessen an der Bevölkerungszahl) entspricht, während ärmere Länder ihre sozialen Ziele nicht oder zu langsam erreichen, so lautet das Fazit der Forschenden. Insgesamt 148 Länder nahm das Team unter die Lupe. Im Fokus: Elf soziale Grundbedürfnisse, darunter Ernährung, Lebenserwartung, Einkommen oder demokratische Qualität, sowie sieben ressourcenbezogene Faktoren wie CO2-Emissionen, Materialverbrauch oder die Intensität der Landnutzung. Die Studie misst und vergleicht erstmals, wie gut es einzelnen Ländern gelingt die Grundbedürfnisse der Menschen zu erfüllen und dabei nachhaltig zu agieren.

Zuckerbrot und Peitsche für Österreich

Österreich fällt dabei besonders auf: „Gemeinsam mit Norwegen erfüllt es als einziges Land während der gesamten untersuchten Zeitspanne alle sozialen Grundbedürfnisse, was sehr wünschenswert ist, aber gleichzeitig überschreiten beide durch hohen Konsum ihren fairen Anteil an allen planetarischen Ressourcen“, erklärt der Mitautor Nicolas Roux vom Institut für Soziale Ökologie an der BOKU Wien. Und das schon seit Beginn der 90er-Jahre, wenn nicht sogar schon länger. Die letzte ökologische Grenze, die Österreich kurz nach der Jahrtausendwende übertrat und in den roten Bereich vorrückte war die Landnutzung, die durch den Konsum von tierischen und Biomasseprodukten entsteht.



Soziale Grundbedürfnisse: LZ – Lebenszufriedenheit, LE – Lebenserwartung, ER – Ernährung, HY – Hygiene, EA – Einkommensarmut, EN – Zugang zu Energie, BI – Bildung, SU – Soziale Unterstützung, DQ – Demokratische Qualität, GL – Gleichheit, BE – Beschäftigung
Ökologische Grenzen
: CO2 Emissionen, Phosphor Anwendung, Stickstoff Anwendung, Oberflächen- oder Grundwasser, Landnutzung, Ökologischer Fußabdruck, Materieller Fußabdruck

Soziale Grundversorgung verbessert, aber zu langsam

Global gesehen lässt eine gute Nachricht aufhorchen: Auch wenn bei kollektiven Zielen wie Gleichberechtigung und demokratischer Qualität immer noch erhebliche Defizite bestehen, konnten die meisten Länder ihre soziale Grundversorgung in den letzten dreißig Jahren insgesamt verbessern. Der Anteil an Nationen, die ihren fairen Ressourcenanteil überschreiten, steigt allerdings parallel dazu, insbesondere in Bezug auf Kohlendioxidemissionen und Materialverbrauch. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Länder diesen gerechten Anteil schneller überbeanspruchen, als es ihnen gelingt, die sozialen Grundbedürfnisse ihrer Bevölkerung zu erfüllen.

„Das Ziel muss sein, soziale Mindestanforderungen zu erreichen und dabei möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen“, so Roux. Reichere Länder sollen deshalb ihren Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren, um eine kritische Zerstörung des Planeten zu vermeiden, während ärmere Länder ihre soziale Leistung rasch beschleunigen sollen, um kritische menschliche Entbehrungen zu beseitigen. Globaler Spitzenreiter, obwohl vom Ziel noch relativ weit entfernt, ist derzeit Costa Rica mit nur drei überschrittenen ökologischen und großteils nur gering unterschrittenen sozialen Grenzen.

Wirtschaftssysteme müssen sich ändern

„Jeder braucht ein ausreichendes Maß an Ressourcen, um gesund zu sein und in Würde an der Gesellschaft teilzunehmen, aber wir müssen auch sicherstellen, dass der globale Ressourcenverbrauch nicht so hoch ist, dass wir Klima- und Umweltzerstörung verursachen“, so der Hauptautor der Studie Dr. Andrew Fanning vom Sustainability Research Institute in Leeds und dem Doughnut Economics Action Lab in Oxford. Dieser Übergang sei allein durch technologische Ansätze zur Verbesserung der Ressourceneffizienz kaum zu erreichen. Wohlhabende Länder müssen über das Streben nach Wirtschaftswachstum als nationales Ziel hinausgehen und stattdessen eine Politik verfolgen, die das menschliche Wohlergehen verbessert und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch direkt reduziert, erklärt Fanning weiter. Eine weitere Entwicklung wie bisher ist keine Option. Die Ergebnisse zeigen, dass Wirtschaftssysteme umgedacht werden müssen – weg von unendlichen Wachstumsparadigmen, hin zu weniger Konsum und mehr globaler Gerechtigkeit.

Gesichtet: Martin Auer


1Fanning, A.L., O’Neill, D.W., Hickel, J. et al. The social shortfall and ecological overshoot of nations. Nat Sustain (2021). https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1038/s41893-021-00799-z

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