S4F-Pressekonferenz „Sackgasse Stadtstraße“: Es gibt Alternativen

FacebooktwitterredditpinterestlinkedinmailFacebooktwitterredditpinterestlinkedinmail

Vier Expert:innen haben bei einer Pressekonferenz der Scientists for Future Wien am 9. 2. 2022 Alternativen zum verfahrenen Projekt „Stadtstraße Aspern“ aufgezeigt: Univ. Prof Sigrid Stagl, Ökonomin an der TU und Mitglied des Klimarats der Stadt Wien, Dr. Pau Pfaffenbichler vom Institut für Verkehrswesen an der Boku, DI Barbara Laa vom Institut für Verkehrswissenschaften an der TU Wien und Andreas Bernögger, M.Sc. vom future.lab der TU Wien.

Sackgasse Stadtstraße - Ein Ausweg ist möglich

Mit Klick auf das Bild wird eine Verbindung zu Youtube hergestellt und es werden deren Datenschutzbestimmungen wirksam!

Wir von Scientists for Future haben zu dieser Pressekonferenz eingeladen, weil uns die Vorgänge der letzten Wochen und Monate rund um die sogenannte Stadtstraße und den von manchen immer noch gewollten Lobautunnel äußerst besorgt machen. Wir befinden uns bereits mitten in der Klimakatastrophe. Das sagen nicht ein paar junge Leute, sondern der Weltklimarat IPCC. Wir müssen jetzt handeln, um unseren Beitrag zu leisten, das Schlimmste zu verhüten, und das bedeutet unter vielem anderem, dass wir die Verkehrswende jetzt anpacken müssen. Die jungen Leute, die mit ihren Aktionen das Problem ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt haben, sind bisher nicht gehört worden. Die Stadt Wien ist mit ihnen nicht in einen konstruktiven Dialog getreten, sondern hat sie von der Polizei wegtragen lassen – mit der Begründung, dass es keine Alternativen gäbe.

Genau diese Alternativen wollen wir aufzeigen. Wissenschaftler*innen auf der ganzen Welt setzen sich damit auseinander, wie ein gutes Leben und sinnvolles Wirtschaften auf einem gesunden Planeten mit stabilem Klima möglich ist. Das wollen wir hier an dem konkreten Beispiel der Donaustadt und der Seestadt zeigen, insbesondere auch am Beispiel des sozialen Wohnbaus. Wir wollen damit dazu beitragen, dass zu einem vernünftigen und sachlichen Diskurs zurückgefunden wird, in dem die großen klimapolitischen Zusammenhänge ebenso berücksichtigt werden wie die lokalen Probleme, zu einem Dialog mit einer informierten Bevölkerung, der auf Fakten und wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht und nicht auf Propaganda. Dazu haben wir vier Expertinnen und Experten eingeladen.

Univ. Prof. Sigrid Stagl: Klimagerechte Politik braucht Transparenz und Partizipation

Univ. Prof. Sigrid Stagl ist Scientist for Future sowie Ökonomin und leitet das Kompetenzzentrum Sustainability Transformation and Responsibility (STaR) der WU Wien. Sie ist Mitglied des Klimarats der Stadt Wien.

Der Wiener Klimafahrplan ist ambitioniert und richtungsweisend. Ein Grundprinzip darin ist das Zusammenbringen, was gemeinsam angegangen werden muss: Klimaanpassung gleichzeitig mit Klimagasreduktion sowie Sorge um soziale Gerechtigkeit für alle gleichzeitig mit Klimapolitik. Klimafreundliche Mobilität erfordert einen Paradigmenwechsel, der noch viele Gespräche, drastische Veränderungen und gemeinsame Überlegungen braucht. Bezüglich der geplanten Stadtstraße bedauere ich es sehr, dass es den beteiligten Seiten nicht gelungen ist, in einen konstruktiven Dialog einzutreten, der ein zukunftsweisendes gemeinsames Vorankommen erlaubt hätte. Teil einer klimagerechten Politik ist, dass diese Gespräche in Zukunft besser gelingen. Die sozialökologische Transformation erfordert drastische Veränderungen in vielen Produktions- und Lebensbereichen. Daher ist es besonders wichtig Erfahrungen zu sammeln und Institutionen zu schaffen, die gemeinsames Angehen der Herausforderungen ermöglichen. Dazu gehört Transparenz und der vermehrte Einsatz partizipativer Prozesse als Vorbereitung der größten Entscheidungen.

Dr. Paul Pfaffenbichler: Eine Stadt ohne Auto ist möglich

Dr. Paul Pfaffenbichler ist Universitätsassistent am Institut für Verkehrswesen der Boku. Er beschäftigt sich mit Mobilitätsverhalten, integrierte Flächennutzungs- und Verkehrsmodellierung, System Dynamics, Alternativen Antrieben und Bewertungsverfahren.

Die Abhängigkeit vom Auto ist kein Naturgesetz. Eine Stadt ohne Auto ist möglich. Das bedeutet nicht, dass es überhaupt keine Autos mehr gibt, sondern dass sie dort eingesetzt werden, wo dies notwendig und effizient ist. Durch entsprechende Rahmenbedingungen und Angebote ist es möglich, das Verhalten der Menschen zu ändern. Autofreie Stadtteile haben positive Auswirkungen auf die Mobilität der Menschen und der Lebensqualität. Beispiele in Paris, Madrid, Barcelona oder Oslo zeigen, dass derartige Konzepte funktionieren können. Damit ist es möglich, das Ziel einer Reduktion des Anteils des Pkw-Verkehrs an der Mobilität der Wienerinnen und Wiener auf 15% zu erreichen.

DI Barbara Laa: Ein Festhalten an der Verknüpfung des Öffi-Ausbaus mit dem Bau der Stadtstraße ist kontraproduktiv

DI Barbara Laa ist Scientist for Future, Universitätsassistentin am Institut für Verkehrswissenschaften an der TU Wien und befasst sich mit Verkehr und nachhaltiger Stadtentwicklung mit Schwerpunkt auf Verkehrsmodellierung und System Dynamics.

Mit Absage des Lobautunnels und dem Verweis der S8 zurück in die erste Instanz haben sich die Rahmenbedingungen maßgeblich geändert. Die Stadtstraße verbindet nun nicht mehr zwei Autobahnen miteinander sondern könnte lediglich der lokalen Erschließung dienen. So entfaltet sie auch keine Umfahrungswirkung und kann daher keine Entlastung bewirken. Weitere veränderte Rahmenbedingungen sind etwa die Einführung der flächendeckenden Parkraumbewirtschaftung in Wien sowie der sinkende Motorisierungsgrad. Diese Entwicklungen sollten zum Anlass genommen werden, das Projekt Stadtstraße nochmals zu überdenken und die dringend erforderliche Mobilitätswende in Wien einzuleiten.

Die Stadt hat sich das Ziel gesetzt, den Anteil des Autoverkehrs bis 2030 in etwa zu halbieren. Wenn dieses Ziel ernst genommen wird, werden in Zukunft trotz Bevölkerungswachstums insgesamt weniger Autos in der Donaustadt unterwegs sein als heute. Dadurch werden Kapazitäten im bestehenden Straßennetz frei und die Stadtstraße ist in ihrer derzeit geplanten Form überdimensioniert. Dafür müssen klarerweise Alternativen für die Bevölkerung geschaffen werden. Ein Festhalten an der Verknüpfung des Öffi-Ausbaus mit dem Bau der Stadtstraße ist daher kontraproduktiv zur raschen Schaffung von Alternativen.

Andreas Bernögger, M.Sc.: Es könnte den Wohnungsbau sogar beschleunigen, wenn man nicht auf die Stadtstraße warten muss.

Andreas Bernögger, M.Sc.: ist Scientist for Future, Raumplaner und wissenschaftlicher Mitarbeiter am future.lab der TU Wien. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der integrierten Strategieentwicklung und Partizipation insbesondere zu den Themen nachhaltige Mobilität, Wohnen, Quartiers-, Stadt- und Regionalentwicklung.

Es gibt keinen fachlichen (nur einen verfahrenstechnischen) Grund, warum die Stadtstraße und der Wohnungsbau für 17.500 Menschen in der Seestadt verbunden sind. Zudem gibt es keine Koppelung für alle anderen Entwicklungsgebiete! Es sollte also dem vielfachen Rat gefolgt und die Änderung der UVP gründlich und transparent versucht werden. Dies könnte den Wohnungsbau sogar beschleunigen, wenn man nicht auf die Stadtstraße warten muss.

Damit in der Donaustadt 2030 trotz Bevölkerungszunahme weniger Autos fahren, ist ein integriertes Gesamtkonzept wichtig. Mobilitätsplanung hat viele Ebenen, von denen das Straßennetz nur eine ist – aber nur alle Ebenen gemeinsam führen zum Ziel. 1. ist es zentral, den Umweltverbund (ÖV, Rad, Fuß, Sharing) sehr stark auszubauen, sodass es mehr und bessere Alternativen gibt. 2. müssen die Ortskerne durch Verkehrsberuhigungsmaßnahmen und 3. Steuerungsinstrumente wie die Parkraumbewirtschaftung entlastet werden. 4. brauchen die neuen Stadtentwicklungsgebiete zeitgemäße Mobilitätskonzepte, die ein Leben (fast) ohne Auto möglich machen. In der Seestadt wird dazu schon einiges richtig gemacht, aber noch nicht konsequent genug. Davon bracht es mehr! Außerdem soll 5. die Seestadt ein lokales Zentrum werden, in das die Donaustädter:innen gerne ohne Auto kommen, um alltägliche Dinge zu erledigen.

Ideen gibt es genug. Sie müssen nun (mit oder ohne Stadtstraße) sachlich diskutiert und in ein schlüssiges Gesamtkonzept gebracht werden. 2013 wurde dies bereits im Strategieplan U2 Donaustadt festgehalten. Die Donaustadt darf nicht weiter eine Ansammlung von Einzelprojekten bleiben. Daran sollten wir miteinander statt gegeneinander arbeiten. Es gibt viel zu tun!



FacebooktwitterrssyoutubeinstagramFacebooktwitterrssyoutubeinstagram