Die Gefahr einer nuklearen Katastrophe in der Ukraine
von Martin Auer

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Am 27. Februar, dem vierten Tag der russischen Invasion in der Ukraine, hat der Generaldirektor der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) bekanntgegeben, dass eine Lagerstätte für leicht oder mittel radioaktiven Abfall in Kiew von einem Geschoss getroffen wurde. Das Gebäude sei aber nicht beschädigt und es gäbe keine Hinweise auf Austritt von Radioaktivität. Die staatliche Nuklearüberwachungsbehörde hatte gemeldet, dass sie das Strahlungsüberwachungssystem wieder in Gang setzen konnte, nachdem das Personal die Nacht in Schutzräumen hatte verbringen müssen.

Am Tag davor war der Transformator einer ähnlichen Anlage bei Charkiw beschädigt worden.

Diese zwei Vorfälle werfen ein Schlaglicht auf das sehr reale Risiko, dass Einrichtungen mit radioaktivem Material durch den Konflikt beschädigt werden können, was schwere Folgen für die menschliche Gesundheit und die Umwelt haben kann“, sagte Generaldirektor Grossi1.

In der Ukraine sind vier Kernkraftwerke mit insgesamt 15 Reaktorblöcken in Betrieb, die zusammen ca. 50 % des ukrainischen Strombedarfs erzeugen. Bennett Ramberg, ein früherer Mitarbeiter des US State Department, veröffentlichte am 15. Februar eine Analyse auf Project Syndicate2 zum Kriegsrisiko von Nuklearanlagen. Wie er schreibt, sind Kraftwerke in modernen Kriegen generell häufig das Ziel von Angriffen, weil die Zerstörung von Energiequellen die Kampfkraft eines Landes beeinträchtigt. Durch Bombardierung oder Artilleriefeuer könnten die Schutzhüllen eines AKW durchbrochen und / oder Kühlsysteme zerstört werden. Gefährlich sind auch Cyberattacken oder ein Ausfall der Stromversorgung.

Sollte es zu einer Kernschmelze kommen, sind große Freisetzungen von radioaktivem Material wie in Fukushima oder Tschernobyl möglich, die sich je nach Wetterlage in die nähere und weitere Umgebung und darüber hinaus über Hunderte Kilometer ausbreiten können. Das UN-Tschernobyl-Forum schätzt, dass der Unfall von 1986 in der Ukraine über die nächsten 50 Jahre zusätzliche 5000 Krebstote verursachte. Doch diese Zahl wäre weitaus größer, hätten die Sowjetbehörden damals nicht hunderttausende Menschen umgesiedelt und die land- und forstwirtschaftliche Nutzung großer Gebiete untersagt.

Nach der Tschernobyl-Katastrophe wurden 600.000 Liquidatoren eingesetzt, um das Gebiet zu dekontaminieren, und eine gigantische Betonkuppel, der „Sarkophag“ wurde über der harvarierten Anlage errichtet. Allein der Bau des Sarkophags kostete laut Süddeutscher Zeitung 1,5 Milliarden Euro3.

Unter Kriegsbedingungen, schreibt Ramberg, würden die Risiken vervielfacht, denn das Personal eines Reaktors, das die Folgen mindern könnte, würde unter Umständen fliehen müssen. Sollte sich ein beschädigter Reaktor inmitten eines chaotischen Schlachtfelds befinden, wären möglicherweise keine Einsatzkräfte wie Feuerwehren oder Rettungsmannschaften verfügbar.

Ramberg erwähnt zwei Fälle, in denen Angriffe auf Atomkraftwerke erwogen, aber nicht umgesetzt wurden, und zwar ein Angriff Serbiens auf das AKW Krško an der slowenisch-kroatischen Grenze im letzten Balkankrieg, und ein Angriff Aserbeidschans auf das armenische AKW Metsamor im Krieg von 2020. In zwei Fällen wurden solche Angriffe tatsächlich durchgeführt; Im Golfkrieg 1991 wurde Israels Dimona-Reaktor vom Irak mit Raketen beschossen, ohne dass es jedoch zu einer Beschädigung kam. Weiters wurde im selben Krieg der Forschungsreaktor Osirak bei Bagdad von der US-Luftwaffe bombaridiert, wobei es aber wohl nicht zu großen Freisetzungen kam.

Auch wenn ein Angriff auf ein Atomkraftwerk nicht geplant ist, können Fehler passieren. Raketen können ihr Ziel verfehlen, Kommandanten können Fehler machen, Soldaten können sich über Befehle hinwegsetzen. Ramberg erwähnt, dass US-Truppen im März 2017 entgegen ihrem Befehl den unter IS-Kontrolle stehenden Tabqa-Damm in Syrien bombardierten. Wäre der 60 m hohe Damm gebrochen, wären Zehntausende Menschen ertrunken. Nur durch Zufall explodierte die bunkerbrechende Bombe nicht.

Das Projekt flexRISK unter Leitung der Universität für Bodenkultur Wien hat die möglichen Auswirkungen von schweren Reaktorunfällen in Europa für eine Vielzahl von Wettersituationen untersucht. Wie in der Abbildung ersichtlich, haben neben der Ukraine selbst vor allem Weißrussland und die Republik Moldau ein hohes Risiko für radioaktive Belastung. Bei entsprechenden Wetterlagen können aber auch ganz Ost- und Südosteuropa, das östliche Mitteleuropa und Teile Skandinaviens erheblich betroffen sein.4


Die Landkarte zeigt das Risiko in Ereignissen pro Jahr für eine Kontamination des Bodens mit mehr als 184 kBq/m2 des langlebigen Radionuklids Cs-137. Ab diesem Wert wurde nach Tschernobyl der Bevölkerung die Möglichkeit zu Absiedlung gegeben. Zugleich entspricht er in etwa den in Österreich maximal erreichten Werten. Unter http://flexrisk.boku.ac.at/en/evaluationCountryExport.phtml können diverse weitere Risikoparameter und Szenarien betrachtet werden.
http://flexrisk.boku.ac.at/en/aggr/s1_A_fromUA_d0_cs137_gnd_tw4_map.gif
http://flexrisk.boku.ac.at/en/aggr/s1_A_fromUA_d0_cs137_gnd_tw4_map.pdf

Am 27. Februar hat der russische Präsident Wladimir Putin den Befehl gegeben, die strategischen Abschreckungsstreitkräfte, darunter auch Nuklearwaffen, in Alarmbereitschaft zu versetzen.5 Dies ist das erste Mal seit dem Ende des kalten Krieges, dass diese Maßnahme ergriffen wird. Wie ein russischer Sicherheitsexperte erklärte, bedeutet das vor allem, dass das Kontrollsystem besser vor einem Angriff geschützt wird.6 Die 2017 mit dem Friedensnobelpreis für ihr Engagement für das Verbot von Nuklearwaffen ausgezeichnete internationale NGO ICAN nannte diese Aktion „unglaublich gefährlich und verwantwortungslos, besonders zu Zeiten von Krieg und hoher Spannungen.“ ICAN fordert alle Nuklearwaffenstaaten dringlich auf, die Bereitschaft ihrer Nuklearwaffen zurückzusetzen und sich Drohungen mit dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen zu enthalten. Jeglicher Gebrauch von Nuklearwaffen würde katastrophales menschliches Leid verursachen, und die Konsequenzen würden Generationen schaden.7 Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut teilte mit, dass man nicht damit rechne, dass der Ukraine-Krieg zum Einsatz nuklearer Waffen führen werde. Allerdings würde es, solange Atomwaffen existieren, immer die Möglichkeit geben8.

Wie die Apothekerkammer mitteilt, kommt es aufgrund der Lage zu einer erhöhten Nachfrage nach Kaliumjodidtabletten. Während es zweifellos sinnvoll ist, solche Tabletten daheim zu haben (die Bevorratung wurde nach Tschernobyl eingeführt), sollte man sie keinesfalls einnehmen, wenn nicht tatsächlich ein Unfall eingetreten und eine radioaktive Wolke unmittelbar vor der Ankunft am Aufenthaltsort steht. In diesem Fall würde von den Behörden zur Einnahme aufgerufen. Von einer Einnahme auf Vorrat wird dringend abgeraten – sie hat keinen Nutzen, kann aber gefährliche Nebenwirkungen haben.


Gesichtet: Petra Seibert
Titelgrafik: Martin Auer

1 IAEA (2022): Update 3 – IAEA Director General Statement on Situation in Ukraine. In: Presseaussendung der IAEA vom 27.2.2022: https://www.iaea.org/newscenter/pressreleases/update-3-iaea-director-general-statement-on-situation-in-ukraine

2 Ramberg, Bennett (2022): The Risk of Nuclear Disaster in Ukraine, in: Project Syndicate 15.2.2022: https://www.project-syndicate.org/commentary/ukraine-nuclear-reactor-risk-by-bennett-ramberg-2022-02?barrier=accesspaylog

4 http://flexrisk.boku.ac.at/

5 https://tass.com/defense/1412575

6 https://tass.com/pressreview/1412885

7 https://www.icanw.org/putin_puts_russian_nuclear_weapons_on_high_alert_reckless_dangerous



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