Online Podiumsdiskussion: Fleisch und Klimaschutz – Muss die Weihnachtsgans dran glauben?

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Weihnachten steht an. Und wir freuen uns auf eine besinnliche Zeit, Familie, Geschenke und natürlich den Weihnachts-Schmaus. Ob Würstelsuppe, Schweinsbraten oder Weihnachtsgans, die meisten Familien haben eine eigenen, speziellen Speiseplan in den Feiertagen. Und eines fehlt da in den seltesten Fällen: Fleisch.
Aber war da nicht irgendwas mit Fleisch und Klimaschutz? In der Klimakrise stehen wir mit dem Rücken zur Wand. Können wir uns da den Weihnachtsbraten überhaupt noch erlauben? Warum ist das mit dem Fleisch überhaupt so ein Problem und vor allem: Wie können wir es schaffen, über das Reizthema „Fleisch“ zu reden, ohne gleich den traditionellen Weihnachts-Familienkrach auszulösen?
Über diese und andere Fragen rund ums Fleisch sprechen wir in unserem Talk for Future mit
– Prof. Dr. Petra Rust, Dep. für Ernährungswissenschaften der Uni-Wien und Doctors for Future
– M.Sc. DI. Gerlinde Krawanja-Ortner, S4F und Co-Autorin des S4F-Positionspapiers zu Flächenverbrauch in Kärnten
– Mag. Martin Schlatzer, mit-Autor der kürzlich erschienenen Ja-Natürlich/Greenpeace-Studie zu Klimaschutz durch Ernährung
– Mag. Marianne Dobner vom Verein „Hallo Klima
Durch die Diskussion führt Sofia Palzer-Khomenko, langjährige Chefredakteurin von mokant.at.

Seien Sie dabei, am Donnerstag ab 18:00 und stellen Sie auch Ihre Fragen im Chat oder ganz direkt im Anschluss an die Podiumsdiskussion.
Teilnahme-Link: Link: https://jku.zoom.us/j/99634079068?pwd=WXFndW54MWdzempSRURoR0dpK2ZvZz09
Meeting-ID: 996 3407 9068
Passwort: s4f

Titelbild: Innviertlerin auf Pixabay

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Den Glasgower Klimapakt nutzen:
Einschätzung der Konferenzergebnisse der COP26
von Fachkollegium der S4F

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Trotz Mängeln hat der Glasgower Klimapakt mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen.  Er kann und soll von den Klimagerechtigkeitsbewegungen genutzt werden, um die Einhaltung der Ziele von den nationalen Regierungen einzufordern. Zu diesem Schluss kommt das aus 32 Expert*innen bestehende Fachkollegium der Scientists for Future Österreich. 

Worum ging es?

Die COP26 in Glasgow hatte ambitionierte Ziele. Die wichtigsten waren

  • die Nachschärfung der Klimaziele der Vertragsstaaten des Pariser Abkommens, die eigentlich schon 2020 hätte erfolgen sollen und bedingt durch die Pandemie verschoben wurden,
  • die Fertigstellung und Verabschiedung des Regelwerks zur Operationalisierung des Pariser Abkommens sowie
  • die Umsetzung und Nachschärfung der Klimafinanzierungszusagen an den globalen Süden.

Die Konferenzergebnisse werden von Seiten der verhandelnden Delegationen teilweise als Durchbruch und teilweise zumindest als ein Zwischenerfolg gewertet, von Fridays for Future – Aktivist:innen sowie anderen NGOs und Umweltverbänden als unzureichend, zu zaghaft, zu spät kritisiert.

Zur Einordnung

Dass sich 193 Staaten seit 1995 jährlich treffen, um an den internationalen Verhandlungen zur Stabilisierung des Weltklimas teilzunehmen, soll zur Einstimmung nochmals erwähnt sein. Dass diese Staaten unterschiedliche Interessen an den Verhandlungstisch bringen, ja dass hier die Verursacher der Klimakrise mit den am stärksten Betroffenen verhandeln, sollte auch nicht aus den Augen verloren werden, wenn man sich an einer Einschätzung der Ergebnisse einer solchen Konferenz versucht. Dass die Lösung der Klimakrise international politisch verhandelt wird, ist ein zivilisatorischer Fortschritt, der seinesgleichen in anderen Bereichen sucht. Selbstverständlich ist dieser diplomatische Erfolg alleine noch kein Grund zum Jubeln – die Klimakrise geht auch nach der COP26 weiter und ob, wie vom britischen Verhandlungsleiter in den Raum gestellt, das Pariser 1,5°C-Ziel mit dem verabschiedeten Glasgow Climate Pact tatsächlich in Reichweite bleibt, darf und muss kritisch hinterfragt werden.

Was wurde beschlossen?

Vor dem Hintergrund dieser Vorbemerkungen sollen nun die wichtigsten Ergebnisse und Nicht-Ergebnisse der COP26 kurz beleuchtet werden. Das Ziel heißt jetzt eindeutig 1,5°C, nämlich zusätzliche Erwärmung der globalen Mitteltemperatur bis 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Die Erkenntnis, dass eine Erwärmung um 2°C oder auch „deutlich darunter“, wie es im Pariser Abkommen steht, zu für den Menschen katastrophalen Auswirkungen führen würde, die in vielen Erdteilen Anpassungsgrenzen überschreiten werden, hat sich durchgesetzt. Statt Klimaneutralität zu erreichen, also global gesehen den Ausgleich von Emissionen und Senken von Treibhausgasen (THG) “in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts”, soll dies nun bis 2050 gelingen. Der Emissionspfad zu diesem Ziel hin ist ganz wesentlich: Die Klimaerwärmung ist primär von der Konzentration der THG in der Atmosphäre abhängig und nicht von einer Momentaufnahme der THG-Emissionen im Jahr 2050. Werden die jährlichen Emissionen zunächst langsamer reduziert, muss später eine stärkere Abnahme stattfinden, um 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Dann sind aber in Summe mehr THG in die Atmosphäre gelangt als bei einem Reduktionspfad, der schon früh ein rasches Sinken der Emissionen forciert, und dann auch flacher verlaufen darf (siehe Blogbeitrag https://at.scientists4future.org/2021/11/13/joeri-rogelj-wie-15c-noch-zu-retten-waren-mit-50-prozent-wahrscheinlichkeit/).

Die national festgelegten Beiträge (nationally determined contributions, NDCs) der Staaten, die in Paris festgeschrieben wurden und eigentlich schon im Vorfeld der COP26 hätten nachgeschärft werden sollen, reichen immer noch nicht aus, um überhaupt nur in die Nähe des 2°C-Zieles zu kommen. Daher sollen sie ab nun in regelmäßigen Intervallen nachgeschärft werden. Damit hat man nun eine wesentlich raschere Handhabe, auf zu schwache Klimaziele zu reagieren. Das ist auch notwendig, denn mit den derzeit in Kraft befindlichen Maßnahmen zum Klimaschutz steuern wir auf eine Erwärmung von 2,7°C bis 2100 zu, und selbst bei voller Umsetzung aller neuen NDCs, die in Glasgow präsentiert wurden, beträgt diese noch 2,1°C. Wir erinnern an die katastrophalen Folgen einer um 2°C wärmeren Welt, die der IPCC im 2018 veröffentlichen Special Report zur globalen Erwärmung von 1,5°C dargelegt hat (https://www.ipcc.ch/sr15/).

Abbildung 1: Auswirkungen der aktuell implementierten Klimaschutzmaßnahmen (policies & action), der Umsetzung bisheriger NDCs (2030 targets only), der Umsetzung neu eingereichter NDCs (pledges & targets) sowie eines optimistischen Szenarios der vollen Implementierung aller angekündigten Ziele (optimistic scenario) auf die Zunahme der globalen Mitteltemperatur bis 2100.
Quelle: https://climateactiontracker.org/publications/glasgows-2030-credibility-gap-net-zeros-lip-service-to-climate-action/

Weiters wurde das Regelwerk zum Pariser Abkommen finalisiert und verabschiedet, welches nunmehr die tatsächliche Operationalisierung des Pariser Abkommens ermöglicht. Seit 2018, als die meisten Elemente des Regelwerks fertiggestellt wurden, fehlten noch die konkrete Ausgestaltung der kooperativen Ansätze sowie der gemeinsame Zeitrahmen z. B. für die regelmäßige Übermittlung der nationalen Reduktionsziele sowie deren Bewertung. In Glasgow wurden Beschlüsse zu beiden Themen gefasst, um den Handel mit Kohlenstoffgutschriften, einen Kohlenstoffmarkt und einen Rahmen für nicht marktbasierte Ansätze zu operationalisieren. Außerdem wurde das Transparenzrahmenwerk vollständig fertiggestellt und die Tabellen, Gliederungen und anderen Formate für die verpflichtenden regelmäßigen Berichte vereinbart. Dies wird es den Staaten ermöglichen, ihre ersten Transparenzberichte über die Entwicklung der jeweiligen nationalen THG-Emissionen im Rahmen des Pariser Abkommens im Jahr 2024 vorzulegen.

Der Einstieg in den Schutz von Wäldern sowie die – wenn auch verwässerten – expliziten Hinweise auf die Notwendigkeit, aus Kohle auszusteigen und klimaschädliche Subventionen für die fossile Energienutzung zu streichen, sind für die COP neue Ergebnisse, wiewohl Zweiteres implizit schon im Pariser Abkommen steckt. Es kann auch nur der erste Schritt sein, Öl und Gas müssen folgen!

Unsere Einschätzung: Licht und Schatten

Auch neben den Verhandlungen der Vertragspartner:innen sind wichtige Vereinbarungen getroffen worden, für die nicht die Zustimmung aller Länder notwendig war. Mittlerweile finden sich „Willige“ zusammen, die bereit sind, weiter zu gehen als die Abkommen vorschreiben. Das sind teils Staaten, z. T. aber auch Sektoren (z. B. Finanz) oder Firmen (z. B. Autoindustrie). So kamen im Rahmen der COP Abkommen über die Reduzierung von Methan, zur Beendigung der Entwaldung und verstärkter Wiederaufforstung, Selbstverpflichtungen verschiedener Industrien und auch die von Costa Rica und Dänemark initiierte „Beyond Oil and Gas Alliance“ zustande. Das sind wichtige Signale außerhalb des UNFCCC- und COP-Rahmens, die Konsequenzen haben und u. a. in der Wirtschaft Veränderungen in Gang setzen können.

Diese positiven Ergebnisse dürfen nicht von der Tatsache ablenken, dass wesentliche Ziele nicht erreicht sind – allen voran Verpflichtungen, die tatsächlich zur Einhaltung des 1,5°C-Zieles führen, aber auch die unzureichende Finanzierungsbereitschaft zur Behebung schon jetzt auftretender Klimaschäden in Ländern des globalen Südens. Wenn durch das Nicht-Einhalten von Zusagen des globalen Nordens der globale Süden als Mitstreiter in der Klimapolitik verloren geht, werden auch radikale Emissionsminderungen des globalen Nordens das Klima nicht stabilisieren können.

Die gesellschaftliche Transformation erfordert Veränderungen auf allen Ebenen und in allen Bereichen (“Mehrebenenansatz”). Verbindlichen globalen Vereinbarungen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, um die notwendigen Rahmenbedingungen und somit Planungssicherheit für die darunterliegenden Ebenen sicherzustellen. Deren Umsetzung liegt allerdings bei den Nationalstaaten, die sich mit Annahme des COP26-Schlussdokumentes alle zur Mitwirkung verpflichtet haben.

Worauf es jetzt ankommt, ist, den Glasgower Climate Pact zu nutzen, um die Einhaltung der Reduktions- aber auch Anpassungs- und Klimafinanzierungsziele von den nationalen Regierungen einzufordern. Durch die verschärften und eindeutigen Ziele hat der Glasgower Climate Pact mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen und kann von den Klimagerechtigkeitsbewegungen entsprechend genutzt werden.

Siehe zu dieser Thematik auch das Interview mit Renate Christ in unserem Blog

Titelfoto:  Felipe Werneck/Observatório do Clima via Flickr

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Ade Schnee? – 30 Prozent weniger Schneetage in Österreich bis 2030
von Johannes Müller

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Die meisten nehmen es bereits wahr: Die Winter sind nicht mehr so kalt und schneereich wie früher. Für Städter*innen ist Schnee gefühlt eine Rarität geworden. Und von einer weißen Weihnacht träumen wohl nur noch diejenigen, deren Familien in den Bergen leben. Doch was sagt die Wissenschaft zu diesem Eindruck?

In den letzten 60 Jahren sind sowohl die Anzahl der Tage mit Schneedecke als auch die mittlere Schneehöhe in Österreich deutlich zurückgegangen. In tiefen Lagen wurden Abnahmen über 50% festgestellt, nur oberhalb von 2000 bis 2500 m sind keine signifikanten Änderungen zu verzeichnen. Im selben Zeitraum ist auch die Anzahl der Stunden, die sich für technische Beschneiung eignen, um etwa 25% zurückgegangen.

So weit zur Vergangnheit. Um die Zukunft des Schnees in Österreich bis zum Ende des Jahrhunderts vorherzusagen haben die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien und die Universität Innsbruck gemeinsam eine Studie durchgeführt.1 Darin wurden die Schneeverhältnisse in Österreich kilometergenau modelliert. Zu diesem Zweck wurden historische Daten aus den letzten Jahrzehnten (ab 1961) verwendet, um ein Schneedeckenmodell (SNOWGRID-CL) zu erstellen. Mithilfe des Modells können Vorhersagen bis zum Ende des Jahrhunderts getroffen werden.

Das Modell gibt Kenngrößen wie die Schneehöhe, Schneewasseräquivalent und Abfluss aus Schneeschmelze auf Tagesbasis in einem Raster von 1km x 1km aus.

Bis 2030 ist die Entwicklung des Schneefalls in Österreich schon festgeschrieben, unabhängig davon, welchen Klimapfad die Welt einschlägt. Hier erwarten die Forscher*innen einen Rückgang von Tagen mit Schneedecke um etwa 30% in Lagen unterhalb von 2000 m. In höheren Lagen wird dieser Rückgang mit etwa 10% geringer ausfallen. Besonders signifikant ist der Rückgang von Tagen mit Schneedecke in Vorarlberg sowie in Kärnten an der Grenze zu Slowenien.

Für die Zeit nach 2050 hängt die Entwicklung entscheidend davon ab, ob die Treibhausgasemissionen in den nächsten 10 Jahren radikal gesenkt werden: Steigt die globale Erwärmung nicht über 2°C, könnte das Niveau stabilisiert werden. Im pessimistischen Szenario, dem fossilen Klimapfad mit weiterhin ungebremstem Ausstoß von Treibhausgasen, wird Schnee in den tiefen und mittleren Lagen (unter 2000m) nur noch vereinzelt vorkommen. Auch die höheren Lagen werden nur noch halb so viele Tage mit Schneedecke bekommen.

Die Möglichkeiten der technischen Beschneiung werden an Bedeutung gewinnen, jedoch wird auch diese Option in Zukunft durch die wärmeren Wetterverhältnisse im Winter weiter eingeschränkt sein. Lokale Bedingungen sind hierbei jedoch für eine verlässlichere Prognose zu berücksichtigen.

Diese Grafik zeigt die Entwicklung der Anzahl der Stunden im Dezember, an denen die meteorologischen Bedingungen im Höhenbereich zwischen 1000 und 1500 m technische Beschneiung zulassen. Die schwarze Linie zeigt die bisherigen Messungen. Die grüne Linie zeigt die Entwicklung bei entschiedenen Klimaschutzmaßnahmen (RCP2.6), die rote die Entwicklung ohne Klimaschutzmaßnahmen (RCP8.5). Die blaue Linie geht von einem mitleren Sczenario aus. Die farbigen Flächen, die die Linien begleiten, zeigen das Ausmaß der Schwankungsbreite der Vorhersagen.
Quelle: CCCA Factsheet #33 2021. CC BY-NC-SA

Ein Factsheet, das die Studienergebnisse zusammenfasst, hat das Climate Change Center Austria (CCCA) veröffentlicht.

Gesichtet: Martin Auer
Titelbild von Thomas Mick auf Pixabay


1 Olefs, Marc; Koch, Roland; Schöner, Wolfgang; Marke, Thomas (2020): Changes in Snow Depth, Snow Cover Duration, and Potential Snowmaking Conditions in Austria, 1961–2020—A Model Based Approach. In: Atmosphere11, no. 12: 1330. https://doi.org/10.3390/atmos11121330

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Gutes Leben innerhalb ökologischer Grenzen? – 148 Länder auf dem Prüfstand
von Nicolas Roux

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Wie können wir auf unserem Planeten die Bedürfnisse einer wachsenden Zahl von Menschen befriedigen, ohne dabei die Stabilität des Erdsystems zu gefährden? Eine neue Untersuchung, die soeben im Fachblatt nature sustainability erschienen ist1, zeigt, dass bisher kein Land der Erde die sozialen Mindestanforderungen an ein gutes Leben erfüllt und gleichzeitig innerhalb der ökologischen Grenzen bleibt. Und auch die vorhersehbare Entwicklung bis 2050 geht bei keinem Land in die Richtung, die oberen und unteren Grenzen einzuhalten.

Die Fragestellung nach dem guten Leben innerhalb der planetaren Grenzen wird oft mit dem Bild eines „Doughnuts“ illustriert. Die innere Begrenzung des Doughnuts stellt die soziale Grundlage dar, die nicht unterschritten werden sollte, die äußere Begrenzung stellt die ökologischen Grenzen dar, über die hinaus wir den Planeten nicht belasten können, ohne sein Gleichgewicht in Gefahr zu bringen.

Doughnut Economy nach Kate Raworth.
Bild: DoughnutEconomics, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Ursprünglich wurde der Doughnut von Kate Raworth entworfen. Der innere dunkelgrüne Ring stellt die soziale Grundlage dar, die nicht unterschritten werden soll. Dabei geht es um folgende Grundbedürfnisse: Wasser, Nahrung, Gesundheit, Bildung, Einkommen und Arbeit, Frieden und Gerechtigkeit, politische Mitbestimmung, Gendergerechtigkeit, Wohnung, Netzwerke,, Energie. Die roten Flächen der inneren Tortenstücke zeigen, wie weit wir unter den Mindeststandards liegen.

Der äußere dunkelgrüne Ring stellt die ökologische Decke dar, die nicht durchbrochen werden sollte. Hier geht es um Klimawandel, Ozeanversauerung, chemische Verschmutzung, Phosphor- und Stickstoffnutzung, Oberflächen- und Grundwasser, Landnutzung, Biodiversität, Luftverschmutzung und Ozonschicht. Diese planetare Grenzen stellen gewissermaßen eine Sicherheitszone dar. Wenn wir die Grenzen überschreiten, bringen wir den Planeten aus dem Gleichgewicht und riskieren, dass das gesamte Erdsystem in einen uns unbekannten Zustand kippt.

In der Studie, die in diesem Artikel beschrieben wird, wurden etwas andere Messgrößen verwendet.

Die Studie untersuchte 148 Länder über den Zeitraum von 1992 bis 2015. Beteiligt waren Forscher der Universität Leeds, der autonomen Universität Barcelona und der Universität für Bodenkultur Wien.

Reichere Länder verbrauchen wesentlich mehr Ressourcen als ihrem gerechten Anteil (gemessen an der Bevölkerungszahl) entspricht, während ärmere Länder ihre sozialen Ziele nicht oder zu langsam erreichen, so lautet das Fazit der Forschenden. Insgesamt 148 Länder nahm das Team unter die Lupe. Im Fokus: Elf soziale Grundbedürfnisse, darunter Ernährung, Lebenserwartung, Einkommen oder demokratische Qualität, sowie sieben ressourcenbezogene Faktoren wie CO2-Emissionen, Materialverbrauch oder die Intensität der Landnutzung. Die Studie misst und vergleicht erstmals, wie gut es einzelnen Ländern gelingt die Grundbedürfnisse der Menschen zu erfüllen und dabei nachhaltig zu agieren.

Zuckerbrot und Peitsche für Österreich

Österreich fällt dabei besonders auf: „Gemeinsam mit Norwegen erfüllt es als einziges Land während der gesamten untersuchten Zeitspanne alle sozialen Grundbedürfnisse, was sehr wünschenswert ist, aber gleichzeitig überschreiten beide durch hohen Konsum ihren fairen Anteil an allen planetarischen Ressourcen“, erklärt der Mitautor Nicolas Roux vom Institut für Soziale Ökologie an der BOKU Wien. Und das schon seit Beginn der 90er-Jahre, wenn nicht sogar schon länger. Die letzte ökologische Grenze, die Österreich kurz nach der Jahrtausendwende übertrat und in den roten Bereich vorrückte war die Landnutzung, die durch den Konsum von tierischen und Biomasseprodukten entsteht.



Soziale Grundbedürfnisse: LZ – Lebenszufriedenheit, LE – Lebenserwartung, ER – Ernährung, HY – Hygiene, EA – Einkommensarmut, EN – Zugang zu Energie, BI – Bildung, SU – Soziale Unterstützung, DQ – Demokratische Qualität, GL – Gleichheit, BE – Beschäftigung
Ökologische Grenzen
: CO2 Emissionen, Phosphor Anwendung, Stickstoff Anwendung, Oberflächen- oder Grundwasser, Landnutzung, Ökologischer Fußabdruck, Materieller Fußabdruck

Soziale Grundversorgung verbessert, aber zu langsam

Global gesehen lässt eine gute Nachricht aufhorchen: Auch wenn bei kollektiven Zielen wie Gleichberechtigung und demokratischer Qualität immer noch erhebliche Defizite bestehen, konnten die meisten Länder ihre soziale Grundversorgung in den letzten dreißig Jahren insgesamt verbessern. Der Anteil an Nationen, die ihren fairen Ressourcenanteil überschreiten, steigt allerdings parallel dazu, insbesondere in Bezug auf Kohlendioxidemissionen und Materialverbrauch. Erschwerend hinzu kommt, dass viele Länder diesen gerechten Anteil schneller überbeanspruchen, als es ihnen gelingt, die sozialen Grundbedürfnisse ihrer Bevölkerung zu erfüllen.

„Das Ziel muss sein, soziale Mindestanforderungen zu erreichen und dabei möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen“, so Roux. Reichere Länder sollen deshalb ihren Ressourcenverbrauch drastisch reduzieren, um eine kritische Zerstörung des Planeten zu vermeiden, während ärmere Länder ihre soziale Leistung rasch beschleunigen sollen, um kritische menschliche Entbehrungen zu beseitigen. Globaler Spitzenreiter, obwohl vom Ziel noch relativ weit entfernt, ist derzeit Costa Rica mit nur drei überschrittenen ökologischen und großteils nur gering unterschrittenen sozialen Grenzen.

Wirtschaftssysteme müssen sich ändern

„Jeder braucht ein ausreichendes Maß an Ressourcen, um gesund zu sein und in Würde an der Gesellschaft teilzunehmen, aber wir müssen auch sicherstellen, dass der globale Ressourcenverbrauch nicht so hoch ist, dass wir Klima- und Umweltzerstörung verursachen“, so der Hauptautor der Studie Dr. Andrew Fanning vom Sustainability Research Institute in Leeds und dem Doughnut Economics Action Lab in Oxford. Dieser Übergang sei allein durch technologische Ansätze zur Verbesserung der Ressourceneffizienz kaum zu erreichen. Wohlhabende Länder müssen über das Streben nach Wirtschaftswachstum als nationales Ziel hinausgehen und stattdessen eine Politik verfolgen, die das menschliche Wohlergehen verbessert und gleichzeitig den Ressourcenverbrauch direkt reduziert, erklärt Fanning weiter. Eine weitere Entwicklung wie bisher ist keine Option. Die Ergebnisse zeigen, dass Wirtschaftssysteme umgedacht werden müssen – weg von unendlichen Wachstumsparadigmen, hin zu weniger Konsum und mehr globaler Gerechtigkeit.

Gesichtet: Martin Auer


1Fanning, A.L., O’Neill, D.W., Hickel, J. et al. The social shortfall and ecological overshoot of nations. Nat Sustain (2021). https://doi-org.uaccess.univie.ac.at/10.1038/s41893-021-00799-z

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Unwiederbringlicher Kohlenstoff: Welche Gebiete der Erde unbedingt geschützt werden müssen
von Martin Auer

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Eine brandneue Studie von Conservation International1 beschreibt, welche entscheidenden Ökosysteme auf der Erde die Menschheit schützen muss, um eine Klimakatastrophe zu vermeiden. Diese Ökosysteme sind wichtig, weil sie besonders viel Kohlenstoff pro Hektar Landfläche speichern. Es sind Mangroven, tropische Wälder und Torfgebiete sowie alte Wälder in den gemäßigten Breiten. Wenn diese Ökosysteme zerstört würden und der Kohlenstoff, den sie enthalten, in Form von CO2 in die Atmosphäre gelangen würde, dann könnte dieser Kohlenstoff nicht mehr rechtzeitig wieder zurückgeholt werden. „Rechtzeitig“ heißt hier: Uns stehen noch 30 Jahre zur Verfügung um unsere CO2-Emissionen auf netto-null zu bringen. Selbst wenn man einen abgeholzten Wald wieder aufforsten oder ein trockengelegtes Moor wieder befeuchten würde, würden sich diese Kohlenstoffspeicher in dieser Zeit auch nicht annähernd wieder auffüllen. Darum nennen die Forscher*innen diese Speicher „unwiederbringlichen Kohlenstoff“ („irrecoverable carbon“). Die Gebiete, wo dieser unwiederbringliche Kohlenstoff konzentriert ist, müssen unbedingt vor Zerstörung bewahrt werden, um die Klimakatastrophe abzuwenden.

Johan Rockström: „Wir müssen jetzt handeln!“

„Die Folgen der Freisetzung dieses gespeicherten Kohlenstoffs würden sich über Generationen erstrecken und unsere Chance, das Klima der Erde auf einem für die Natur und die Menschheit erträglichen Niveau zu stabilisieren, untergraben“, sagt Johan Rockström, leitender Wissenschaftler von Conservation International und Co-Direktor des Instituts für Klimafolgenforschung in Potsdam, einem führenden Institut für Klima- und Nachhaltigkeitsforschung. „Wir müssen jetzt handeln, um die Fähigkeit des Planeten, als Kohlenstoffsenke zu dienen, zu bewahren, und dazu gehört auch, diesen einzigartigen Ökosystemen Priorität einzuräumen.“

Die Weltkarte des unwiederbringlichen Kohlenstoffs

Abbildung 1: Verteilung des unwiederbringlichen Kohlenstoffs auf der Erde.
Ein Klick auf die Karte führt zur interaktiven Karte von Conservation International, auf der die Daten mit Daten zu Schutzzonen, zu Biodiversität, und zur Waldnutzung kombiniert werden können.
Quelle: https://irrecoverable.resilienceatlas.org/map/
CC BY 4.0


Die Karte zeigt, dass ungefähr die Hälfte des unwiederbringlichen Kohlenstoffs auf nur 3,3 Prozent der Landfläche konzentriert sind. Das erleichtert Schutzmaßnahmen. 23,0 Prozent befinden sich in heutigen Naturschutzgebieten und 33,6 Prozent in Gebieten, die von Indigenen oder lokalen Bevölkerungen gemanagt werden.

Der besondere Schutz dieser entscheidenden Gebiete birgt noch einen Vorteil: Sie sind auch Horte der Artenvielfalt. So kann der gezielte Schutz dieser unwiederbringlichen Kohlenstoffspeicher gleichzeitig einen erheblichen Beitrag zum Artenschutz leisten.

Mangrovenwälder bestehen aus Bäumen und Sträuchern verschiedener Pflanzenfamilien mit insgesamt fast 70 Arten, die sich an die Lebensbedingungen der Meeresküsten und brackigen Flussmündungen angepasst haben. Abgestorbene Pflanzenteile wie Laub) fallen ins Wasser und die kohlenstoffhaltigen Zersetzungsprodukte werden durch die Strömung in die Tiefe geschwemmt, wo sie über Jahrhunderte bleiben und so keine Auswirkung aufs Klima haben.
Foto: Colin Trainor, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Unwiederbringlicher Kohlenstoff in Zahlen

Alles Leben auf der Erde beruht auf Kohlenstoff und die Biosphäre enthält ungefähr 550 Gigatonnen (Millarden Tonnen) davon. Der größte Teil davon ist in Landpflanzen enthalten2. Dazu kommen 1.100 bis 1.600 Gigatonnen in Böden3. Ein bestimmter Anteil dieses Kohlenstoffs kann durch direkte menschliche Eingriffe beeinflusst werden werden – die Forscher*innen sprechen von „manageable carbon“. Von diesen Kohlenstoffspeichern berechneten sie, wie viel Kohlenstoff pro Hektar verloren gehen würde, wenn diese Ökosysteme zerstört würden, und wie viel davon in 30 Jahren wieder eingefangen („sequestriert“) werden könnte. Was nicht wieder zurückgewonnen werden kann, das ist der „unwiederbringliche Kohlenstoff“. Die Ökosysteme der Erde, so das Ergebnis, enthalten mindestens 139 Gigatonnen unwiederbringlichen Kohlenstoff. Zum Vergleich: Seit Beginn des Industriezeitalters hat die Menschheit durch das Verbrennen von fossilen Brennstoffen und durch die Veränderung der Landnutzung bereits 651 Gigatonnen Kohlenstoff in der Atmosphäre abgelagert. (Das entspricht 2400 Gigatonnen CO2). Laut dem Weltklimarat IPCC dürfen wir höchstens noch 109 Gigatonnen Kohlenstoff (ca. 400 Gigatonnen CO2) ausstoßen, um das 1,5°C-Ziel mit einer Zweidrittel-Wahrscheinlichkeit noch zu erreichen. Das heißt, wenn wir den gesamten unwiederbringlichen Kohlenstoff verlieren würden, wäre das verbleibende CO2-Budget weit überschritten. Seit 2010 haben wir durch Ausweitung der Landwirtschaft, Abholzung und Waldbrände schon ca. 4 Gigatonnen unwiederbringlichen Kohlenstoff verloren.

Gesichtet: Fabian Schipfer
Titelfoto: Kerbla Edzerdla, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons


1 Noon, Monica L.; Goldstein, Allie; Ledezma, Juan Carlos; Roehrdanz, Patrick R.; Cook-Patton, Susan C.; Spawn-Lee, Seth A.; Wright, Timothy Maxwell; Gonzalez-Roglich, Mariano; Hole, David G. ; Rockström, Johan; Turner. Will R. (2021): Mapping the irrecoverable carbon in Earth’s ecosystems. Nature Sustainability. Online: https://www.nature.com/articles/s41893-021-00803-6.

2 Bar-On, Yinon M.; Phillips, Rob; Milo. Ron (2018): The biomass distribution on Earth. In: Proceedings of the National Academy of Sciences Jun 2018, 115 (25) 6506-6511; Online: https://www.pnas.org/content/115/25/6506

3 Rice, Charles W. (2002): Storing carbon in soil: Why and how?. In: Geotimes. 47 (1): 14–17. Online: http://www.geotimes.org/jan02/feature_carbon.html.

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Expert*innenrat der Scientists for Future Österreich gegründet:
Das Fachkollegium sorgt für wissenschaftliche Qualitätssicherung

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Zweiunddreißig in Österreich tätige Spitzenwissenschaftler*innen aus unterschiedlichen Disziplinen haben sich sich im Oktober als Fachkollegium der Scientists for Future Austria konstituiert. Sie sind sich einig, dass der Klimawandel menschengemacht ist, dass dringlich gehandelt werden muss und dass die Lösungen interdisziplinär erarbeitet werden müssen. Dementsprechend ist das Spektrum des Fachwissens sehr breit: Meteorologie und Klimaforschung, Geographie, Ökologie, Ökonomie, Soziologie, Politikwissenschaft, Umweltgeschichte, Philosophie und Moraltheologie sind vertreten.

Die zentrale Aufgabe des Fachkollegiums ist die Sicherung der wissenschaftlichen Qualität der Kommunikation von S4F nach Innen und Außen. Es wird gemeinsam mit den Arbeitsgruppen der S4F Strategien erarbeiten, um eine wissenschaftsbasierte, langfristig gerechte Klima-, Biodiversitäts- und Nachhaltigkeitspolitik zu ermöglichen und zu unterstützen. Seine Mitglieder unterstützen die interne Weiterbildung der For Future Bewegung und engagieren sich für die Veranstaltungsreihe Lectures for Future und die Initiative Open your Course for Climate Crisis.

Die Mitglieder des Fachkollegiums sind auch gerne bereit, Anfragen von Medien oder auch von Organisationen aus dem Bereich des Klimaschutzes und Biodiversitätsschutzes zu beantworten. (Anfragen bitte über )

Alle 32 Mitglieder:

Wilhelm Berger – Sozialwissenschaften/Philosophie – Universität Klagenfurt

Heike Egner – Geographie

Anke Bockreis – Abfallbehandlung & Ressourcenmanagent – Universität Innsbruck

Karl-Heinz Erb – Land use – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Soziale Ökologie

Marina Fischer-Kowalski – Social Ecology – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Soziale Ökologie

Veronika Gaube – Biodiversität – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Soziale Ökologie, Österreichischer Biodiversitätsrat

Ulrike Gelbmann – Sozial- und Wirtschaftswissenschaften – Universität Graz, Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung

Simone Gingrich – Land use – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Soziale Ökologie

Horst Peter Gross – Philosoph – Klagenfurt Universitätclub/Wissenschaftsverein

Fritz Hinterberger – Volkswirtschaft – Universität für angewandte Kunst Wien

Hans Holzinger – Soziologie – JBZ – Robert Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen

Daniel Huppmann – Wirtschaftswissenschaften, Mathematik – IIASA – International Institute for Applied Systems Analysis, Energy, Climate, and Environment Program

Matthias Karmasin – Medien-/Kommunikationswissenschaften – Universität Klagenfurt

Stefan Kienberger – Geoinformatik – interdisziplinäre Umweltforschung – Universität Salzburg

Gottfried Kirchengast – Klimaforschung – Universität Graz

Franz Kok – Politikwissenschaft – Universität Salzburg

Helga Kromp-Kolb – Meteorologie – Universität für Bodenkultur Wien

Wolfgang Liebert – Safety/Security and Risk Sciences – Universität für Bodenkultur Wien

Ruth Müller – Sociology / Biology – Technische Universität München

Harald Rieder – Meteorologie, Atmosphärenchemie – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Meterologie und Klimatologie

Michael Rosenberger – Moraltheologie – Katholische Privatuniversität Linz

Thomas Schinko – Economics and Environmental System Sciences – IIASA – International Institute for Applied Systems Analysis

Gunter Sperka – Klimaschutzkoordinator – Land Salzburg

Gabriele Spilker – Politikwissenschaft – Universität Salzburg

Karl Steininger – Klimaökonomie – Universität Graz

Hans Stötter – Geograph – Universität Innsbruck

Simon Tschannett – Meteorologie, Stadtklimatologie, Anpassung an die Klimakrise – Weatherpark

Kirsten v. Elverfeldt – Geographie – Universität Klagenfurt

Michael Wagreich – Geologie/Stratigrafie – Universität Wien

Uli Weisz – Climate and Health – Universität für Bodenkultur Wien, Institut für Soziale Ökologie

Verena Winiwarter – Umwelthistorikerin – Universität für Bodenkultur Wien

Werner Zollitsch – Nutztierwissenschafter – Universität für Bodenkultur Wien

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Renate Christ im Interview: Glasgow setzt wichtige neue Ziele – jetzt kommt es darauf an, sie einzufordern.

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Renate Christ hat lange Jahre das Sekretariat des Weltklimarats IPCC geleitet. Sie war auch diesmal wieder bei der COP26 in Glasgow als Delegierte dabei. Im Interview mit Scientists for Future analysiert sie die Ergebnisse des Klimagipfels und kommt zu dem Schluss, dass Glasgow keineswegs nur blah blah war. Sie nennt die wichtigen neuen Ziele, die in Glasgow festgeschrieben wurden:

Worauf es jetzt ankommt, sagt Christ, ist, die Glasgower Erklärung zu nutzen, um die Einhaltung der Ziele von den Regierungen einzufordern. Durch die verschärften und eindeutigeren Ziele hat die Glasgower Erklärung mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen und sollte von der Klimagerechtigkeitsbewegung entsprechend genutzt werden.

  • Das Ziel heißt jetzt eindeutig: 1,5°C. Die Erkenntnis, dass eine Erwärmung um 2°C oder auch „deutlich darunter“ katastrophal wäre, hat sich durchgesetzt.
  • Die Reduzierung der CO2-Emissionen um 45 Prozent gegenüber dem Stand von 2010 wurde festgeschrieben.
  • Netto-Null Emissionen sollen in der Mitte des Jahrhunderts erreicht werden. Im Pariser Abkommen hieß es noch: in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts.
  • Neue und verbesserte Reduktionsziele sollen schon 2022 vorgelegt werden und nicht erst 2025.

Auch neben den Verhandlungen der Vertragspartner sind wichtige Vereinbarungen getroffen worden, für die nicht die Zustimmung aller Länder notwendig war. So das Abkommen über die Reduzierung von Methan, Selbstverpflichtungen verschiedener Industrien und auch die von Costa Rica und Dänemark initiierte „Beyond Oil and Gas Alliance“.

Das komplette Interview

Martin Auer: Liebe Renate, du hast lange Zeit das Sekretariat des Weltklimarats IPCC geleistet und bist in dieser Eigenschaft auch Trägerin des Friedensnobelpreises, den du dir mit all den beitragenden Wissenschaftlerinnen teilst …

Renate Christ: … die alle freiwillig ohne Bezahlung mitgewirkt haben. Das möchte ich unbedingt betonen.

Martin Auer: Das ist wirklich eine preiswürdige Leistung. Du warst bereits aktiv auf diversen Umwelt- und Klima-Konferenzen beteiligt. In welcher Funktion warst du diesmal in Glasgow?

Renate Christ: Ich war für eine kleine, feine Wiener NGO „neongreen“ (Verlinkung: http://neongreen.net/) in Glasgow. Sie organisieren z.B. die ERDgespräche. Seit einigen Jahren bin ich mit ihnen in Kontakt und wurde von ihnen akkreditiert, um sie bei der COP zu vertreten. Aufgrund von Covid gab es bei der Konferenz nur wenige Plätze, welche vorrangig den Vertragsparteien gegeben wurden. Da ich bei früheren Gelegenheiten selbst als Verhandlerin bei den COP Treffen auftrat, weiß ich natürlich gut, wie man sich trotzdem relevante Informationen beschafft.

Martin Auer: Wie würdest du das Ergebnis zusammenfassen? Greta Thunberg sagt: „Alles nur blabla!“, Vanessa Nakate sagt: “Wir glauben euren Versprechungen nicht.“ Der UNO Generalsekretär Antonio Guterres sagt: „Es ist ein wichtiger Schritt, aber zu wenig.“ Es ist ihm zwar bewusst, wir haben die Beendigung der Subventionen für fossile Energien nicht erreicht, wir haben den Ausstieg aus Kohle nicht erreicht, wir haben den CO2 Preis, den Schutz für gefährliche Gemeinden, die geforderten 100 Milliarden für Entwicklungsländer, etc. nicht erreicht, aber: Es wurden Bausteine für Fortschritte gelegt. Welche Bausteine könnten das sein?

Renate Christ: Die COP-Entscheidungen repräsentieren den kleinsten gemeinsame Nenner von fast 200 Staaten. Hier treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Aus meiner Sicht ist ein großer Fortschritt, dass das 2-Grad-Ziel, welches 2015 beim Pariser Treffen vereinbart wurde, vergessen werden kann. Alle Staaten einigten sich jetzt in Glasgow auf die Begrenzung der globalen Erwärmung auf unter 1,5 Grad. Weiters ist positiv hervorzuheben, dass der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase bis 2030 weltweit um 45% (basierend auf den Wert von 2010) sinken muss. Außerdem ist, im Gegensatz zum Pariser Abkommen, das Erreichen der Klimaneutralität bereits für 2050 verankert, anstatt irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Besonders ist auch, dass neue nationale Beiträge bereits im Jahr 2022 geliefert werden müssen. Das bedeutet, schon nächstes Jahr sind klare Fahrpläne, klare Ziele und Maßnahmen einzureichen, welche bis 2030 erreicht sein sollen.

Wenn man nicht Verhandlungs-Insider ist, würde man dem „wording“ nicht so viel Wert beimessen, aber aus meiner Erfahrung weiß ich, in Glasgow sind sehr scharfe und klare Formulierungen vereinbart worden, was ein großer Erfolg ist. Natürlich müssen diesen Vereinbarungen nun auch Taten folgen. Die Formulierungen im Glasgow Pakt sind richtig, wichtig und ein großer Fortschritt. Jedoch muss dies nun auch umgesetzt werden und das ist nicht einfach.

Es ist uns bewusst, Papier ist geduldig. Wir erinnern uns daran, Österreich hat 1997 die Kyoto Ziele unterschrieben und sich dazu verpflichtet innerhalb der Jahre 2008-2012 seinen jährlichen Treibhausgas-Ausstoß um 5,2 Prozent gegenüber dem Stand von 1990 zu reduzieren. Tatsächlich sind die Emissionen allerdings gestiegen. Nun hat sich Österreich als Ziel gesetzt bis 2040 klimaneutral zu sein. Jetzt müssen wir schauen, wie wir dies erreichen.

Martin Auer: Einige Zeit vor der COP hat uns das United Nations Environment Program „UNEP“ davor gewarnt, dass uns die aktuell vorliegenden Verpflichtungen in Richtung 2,7 Grad Erderwärmung führen werden. Jetzt hat der Climate Action Tracker basierend auf den neuesten Verpflichtungen berechnet, wir bewegen uns auf 2,4 Grad zu. Werden wir nächstes Jahr noch bessere Versprechungen bekommen, oder werden auch die Emissionen weniger werden?

Renate Christ: Bessere Versprechungen werden eingefordert. Es ist wichtig, sich die richtigen Ziele zu setzen. In den Wochen vor Glasgow wurden bereits neue Pläne vorgelegt, welche in diesen von dir genannten Berechnungen noch nicht berücksichtigt sind. Zum Beispiel hat Indien ein netto Null Ziel bis 2070 angekündigt, welches noch nicht berücksichtigt wurde. Wenn die neuen Pläne, welche kurz vor Glasgow vorgelegt wurden, wirklich umgesetzt werden, liegt man zwischen 2 und 2,2 Grad. Es gibt also in den Versprechungen tatsächliche Fortschritte. Es ist wichtig, jetzt auch aktiv zu werden.

Martin Auer: Es gab ein großes Gerangel über die Formulierungen, was den Kohleausstieg betrifft. Es ging darum, den Begriff „phase out“ in „phase down“ zu verändern. Welche Bedeutung hat das Wording tatsächlich?

Renate Christ: Ja, hier geht es darum, dass anstatt dem kompletten Kohle-Ausstieg – „phase out“ — nur eine Reduktion – „phase down“ – als Ziel festgelegt wird. In der letzten Stunde der Verhandlung kam es bezüglich dieser Frage zu einem heftigen Kampf. Der Vorsitzende war sehr bemüht, eine gemeinsame Vereinbarung zu treffen. Er hat diesen Kompromiss vorgeschlagen und war selbst tief unglücklich mit dieser Lösung. Da Indien, Südafrika und Nigeria damit gedroht haben, die Gesamtvereinbarung zu blockieren, war es leider notwendig, ihnen in diesem Punkt entgegenzukommen.

Ein weiterer kontroversieller Begriff sind „inefficient fossil fuel subsidies“. Hier ist nicht klar, was damit gemeint ist. Ich fände es wünschenswert, wenn die Formulierung klarer wäre. Auch in Österreich müssen wir uns an der Nase nehmen. Es gibt eine gute Studie über alle Förderungen von fossilen Energieträgern. Hier ist kaum etwas passiert. Trotz Ökosteuerreform und weiteren Schritten werden immer noch fossile Brennstoffe gefördert. Es geht darum: Wie kann das, was versprochen wurde, auf nationaler Ebene umgesetzt werden.

Martin Auer: Einen anderen Konflikt um die exakte Formulierung gab es, da 200 Wissenschaftler*innen die an verschiedenen IPCC Berichten mitgearbeitet haben, einen offenen Brief verfassten. Sie wünschten sich, dass die Ergebnisse des IPCC Berichts „anerkannt“ und nicht bloß „zur Kenntnis genommen“ werden. Warum ist es notwendig, dass die Wissenschaftler erst darum bitten müssen, dass man sie anerkennt? Welche Rolle spielt die Wissenschaft? Spielen bei diesen Verhandlungen nur wirtschaftliche Erwägungen, Sonderinteressen eine Rolle?

Renate Christ: In den IPCC Berichten stehen sehr viele brisante und unbequeme Wahrheiten. Wenn man das alles anerkennen würde, damit hätten die Länder, welche man als Bremser bezeichnen würde, große Schwierigkeiten.

Es hat sich allerdings schon vieles verändert. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern und Verhandlern hat sich verbessert. Als ich das IPCC Sekretariat übernommen hatte, bekamen wir zwei bis drei Minuten im Plenum. Jetzt haben wir 3 Stunden. Diesmal waren insgesamt 9 Stunden vorgesehen, um im Dialog Verständnis für die Ergebnisse des IPCC Berichts zu schaffen. Wir sehen auch, einige Forderungen aus den IPCC Berichten werden in die COP-Vereinbarungen übernommen.

Martin Auer: Es hat geheißen, die größte Delegation vor Ort waren Lobbyisten für fossile Energieträger, ca. 500 Personen. Sie kommen aus der Öl-, Kohle-, Gasindustrie. Wie kommen die da rein? Wie üben sie Einfluss aus?

Renate Christ: Sie kommen über zwei Wege rein. Zum einen gibt es nationale Delegationen, in welche diese Lobbyisten von manchen Nationen aufgenommen werden. Die andere Möglichkeit ist, dass sie von einer NGO gesandt werden. Es gibt verschiedene Gruppen von NGOs: „Forschung“, „Jugend“, „Wirtschaft“ etc. NGOs müssen verschiedene Kriterien erfüllen, damit sie akkreditiert werden. Dann hat die NGO freie Hand, irgendwelche Personen zu senden. Zum Beispiel hat neongreen mich gewählt.

Martin Auer: Ein wichtiger Punkt war das „Rulebook“ von Paris. In diesem Regelheft soll die Abrechnung der Klimaschutzmaßnahmen geregelt werden. Wie weit ist man damit gekommen?

Renate Christ: Ja, man hat eine Einigung erzielt. Es wurde auch beim Emissionshandel eine Einigung erzielt. Allein davon, wie Emissionen verbucht oder und hin und her geschoben werden, davon werden sie nicht weniger. Für Länder die ambitionierter handeln wollen, war ein Wermutstropfen, dass man Credits aus der Zeit des Kyoto Protokolls, welche Ende nächsten Jahres ausgelaufen wären, nun in die nächste Paris-Periode mitnehmen kann. Das bedeutet, dass man Emissions-Reduktionen, die in der Vergangenheit bereits passiert sind, mit den neuen Reduktionen ausgleichen darf. Dieser Kompromiss wurde eingegangen, um die großen Ziele wie das 1,5-Grad-Ziel und die Netto-Null bis 2050 durchzubekommen.

Martin Auer: Welche Rolle hat die österreichische Delegation gespielt?

Renate Christ: Die EU verhandelt als ein Block. Daher spricht die EU mit einer Stimme. Die gesamt EU-Linie wird in der EU-Koordination festgelegt. Dieses Jahr wurde Frau Bundesministerin Gewessler von der EU entsandt, bei den Emissions-Verhandlungen die EU Position zu vertreten. Dies ist eine sehr wichtige Position.

Martin Auer: Paris hat – mit einer gewissen Verspätung – eine Massenbewegung ausgelöst: Fridays For Future und andere berufen sich auf das Pariser Abkommen. Jetzt hat man das Gefühl, dass diese Bewegung von der Klimadiplomatie nichts mehr erwartet und sich abwendet. Ist das gescheit?

Renate Christ: Natürlich steht es jedem frei, Unzufriedenheit zu äußern. Das Ganze generell zu verdammen ist allerdings kontraproduktiv. Ich würde empfehlen, nun zu drängen: Wo ist der Fahrplan zu null Emissionen? Wo gibt es immer noch Förderungen für fossile Brennstoffe? Es gibt nun viele Versprechungen, die wir als Zivilgesellschaft einfordern können. Ein konstruktives Pushen in die richtige Richtung, welche wissenschaftlich begründet auch vorgegeben wurde. Wir können die Errungenschaften aus Glasgow als Momentum nutzen und verlangen: Jetzt packen wir es an, weil wir haben nur mehr 9 Jahre bis zu den minus 45 Prozent. Ihr habt das in Glasgow vereinbart, wir wollen, dass ihr das jetzt liefert. Die entwickelten Staaten haben eine höhere Verantwortung, da sie in der Vergangenheit mehr Schaden verursacht haben, also sollten sie jetzt schneller reduzieren als der Weltdurchschnitt.

Es gab neben den offiziellen Verhandlungen viele andere Deklarationen: presidency program, climate action program, etc. Hier einigten sich Industrien wie z.B. die Tourismusbranche, die Modeindustrie oder Sportverbände auf Ziele oder darauf, Pläne vorzulegen. Sie legen sich eine Selbstverpflichtung auf. Als Zivilgesellschaft können wir sie darauf festnageln und die selbst genannten Ziele einfordern. Diese Industrien konnten über das Glasgow Paket hinausgehen, da hier nicht alle Länder dabei waren. Es wäre ratsam, sich auch diese Vereinbarungen anzusehen, ob man daraus Aktion ableiten kann.

Martin Auer: Wenn nicht alle Länder im selben Boot sitzen müssen, kann eine sogenannte „Koalition der Willigen“ einen eigenen, ambitionierteren Weg als die Glasgow-Versprechen einschlagen? Auf Initiative von Costa Rica und Dänemark bildete sich zum Beispiel die „Beyond Oil and Gas Alliance“. Wäre dies eine Möglichkeit, Dinge schneller voran zu treiben? Kann Europa und vielleicht noch andere, sich zusammentun und vielleicht auch ohne Indien und China weiter gehen als Glasgow?

Renate Christ: Da sehe ich schon eine Chance. Als ich die letzten Stunden der Konferenz beobachtet habe, bemerkte ich hier eine starke Allianz in Richtung Nachhaltigkeit. Zum Beispiel die USA ist wieder „back on stage“. Gerade John Kerry und Frans Timmermans von der EU haben eine große Rolle gespielt. Sie versuchten gemeinsam mit dem COP-Präsidenten das Beste herauszuholen. Der Präsident hatte klare Ziele: „I want to keep 1,5 alive“. Und das hat er geliefert. Sein anderer Agendapunkt: „Gelder für Verluste und Schäden“ konnte leider nicht erreicht werden.

Als Europa voran zu gehen ist aufgrund unserer Diversität innerhalb Europas eher schwierig. Unter den 27 EU Ländern gibt es auch große Kohleländer. Das Vorangehen der USA unter dem Präsident Biden mit einem Verhandler Kerry ist wahrscheinlich einfacher.

Martin Auer: Zusammenfassend wurde gesagt: „1,5 ist noch am Leben aber der Puls ist schon sehr schwach.“ Ich freue mich, dass du der Konferenz einiges Positives abgewinnen kannst. Ich bedanke mich für das Gespräch.

Renate Christ: Ich möchte alle weiterhin motivieren unsere Regierungen zu pushen. Es gibt noch viel zu tun. Ich bedanke mich auch für das Gespräch.

Transkription: Ines Clarissa Schuster

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Erderhitzung – Schon 2 Grad Temperaturerhöhung in Österreich
von Klaus Jäger

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Die Temperaturerhöhung durch den Klimawandel ist in Österreich ungefähr doppelt so hoch wie die durchschnittliche Temperaturerhöhung weltweit [1].Die 2 Grad Temperaturerhöhung machen sich vor allem in den Städten stark bemerkbar. Die Bewohner der Städte werden zunehmend unter Hitzestress leiden.

Das Climate Change Center Austria schreibt in seinem neuesten Factsheet: „Die Erwärmung der mittleren jährlichen Lufttemperatur im Tiefland Österreichs (entspricht in etwa dem Bereich unterhalb von 1500 m) liegt aktuell (Mittel 1991-2020) bei 2 °C im Vergleich zur vorindustriellen Periode 1850-1900 und ist damit etwa doppelt so hoch wie global. Ein Großteil dieser Erwärmung fand in den letzten vier Dekaden seit 1980 mit einer Rate von fast 0,5 °C pro Dekade statt“ [1].

Warum steigt die Temperatur in Österreich schneller als im Weltdurchschnitt?

Die Luft erwärmt sich über dem Land schneller als über den Ozeanen

Jeder Stoff hat eine andere „spezifische Wärmekapazität“, das ist die Energie, die nötig ist um 1kg des Stoffs um 1 Grad Celsius zu erwärmen. Wasser hat eine sehr hohe spezifische Wärmekapazität, zum Beispiel fünf Mal so hoch wie Sand. Die Umwälzungen des Meerwasser führen dazu, dass Wasser aus tiefen, kalten Schichten nach oben gelangt und warmes Wasser in tiefe Schichten geführt wird:

„Speziell über den Ozeanen ist die Erwärmung der Lufttemperatur deutlich geringer als über dem Landmassen, da die Weltmeere viel Wärme aufnehmen und in tiefere Schichten abführen können. Um das große Wasservolumen der Weltmeere zu erwärmen und damit auch die Luft über den Meeren, wird deutlich mehr Energie benötigt als für die Erwärmung der Landmassen“ [1].

Über den Landmassen verdunstet weniger Wasser als über den Ozeanen

Die Verdunstung von Wasser kostet Energie. Die Temperaturerhöhung durch den Klimawandel führt über den Ozeanen zu mehr Verdunstung von Wasser. Die zusätzlichen Wärmenergie, verursacht durch die Erderhitzung, fließt teilweise in die Verdunstung von Meerwasser. An Land gibt es wesentlich weniger Wasser. Dadurch wird entsprechend weniger Wasser verdunstet und die zusätzlichen Wärmenergie der Erderhitzung führt vermehrt zur einer Erwärmung der Landmassen. Das Binnenland erwärmt sich daher schneller als der Ozean.

In Zentraleuropa trifft mehr zusätzliche Sonnenenergie die Oberfläche als im globalen Durchschnitt

Diese erhöhte „bodennahe solare Eintrahlung“ hat seit den 1980er Jahren zugenommen. Die Gründe dafür sind noch unklar. Es könnte an der geringeren Luftverschmutzung durch Aerosole liegen, dass also weniger kleine Teilchen in der Luft Sonnenenergie zurückstrahlen. Es könnte auch daran liegen, dass weniger Wolken den Himmel bedecken oder dass die großräumigen Luftbewegungen sich verändert haben. [1].

Städtische Hitzeinseln

Die 2 Grad Temperaturerhöhung machen sich vor allem in den Städten stark bemerkbar. In Städten gibt es auf Grund der Bodenversiegelung noch weniger Verdunstung als im Umland. Beton und Asphalt speichern Wärme und geben sie in der Nacht wieder an die Außenluft ab, wodurch die Nächte in der Stadt weniger stark abkühlen. Das verstärkt die Hitzebelastung noch, weil sich der Körper auch in der Nacht nicht richtig erholen kann.

Die Zahl der Hitzetage in Wien nimmt zu

Hitzetage in Wien: Ein Hitzetag, oder Tropentag hat eine Tageshöchsttemperatur von mindestens 30 Grad
Celsius [3]. Jeder Balken ist der Mittelwert der Anzahl der Hitzetage pro Jahr berechnet über die jeweils letzten 5 Jahre. Datengrundlage ist „Klimatologische Kenntage in Wien 1955 bis 2020“ [3]

In Wien zum Beispiel wurde eine Zunahme der Intensität der Hitzewellen beobachtet. „Die jährlichen Temperaturmaxima ändern sich rascher als die Temperaturmittel und zeigen bereits innerhalb der Periode 1988-2017 einen Anstieg von 2 °C“ [2]. Die Anzahl der Hitzetage ist stark gestiegen, von durchschnittlich 10 pro Jahr auf bis zu 30 pro Jahr, siehe Infografik. Mit einer weiteren Zunahme der Anzahl der Tage über 30°C ist zu rechnen. Die Bevölkerung Wiens wird zunehmend unter Hitzestress leiden.

HItze belastet ältere und vorerkrankte Menschen besonders

Vor allem für ältere und vorerkrankte Menschen ist die zunehmende Temperatur gefährlich. Der Waldviertler Mex, der an multipler Sklerose leidet und sich bei großer Hitze nicht mehr bewegen kann, hat beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sein Recht auf Schutz der Gesundheit eingefordert. Mit dem Argument: „vermehrte Hitzewellen sind für uns gefährlich“ klagen auch die Klimaseniorinnen der Schweiz [4] am europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen ihre Regierung und fordern mehr Klimaschutz ein.

Foto: https://klimaseniorinnen.ch

Gesichtet: Martin Auer
Titelbild: Nathan Dumlao auf Unsplash

[1] CCCA Fact Sheet #35 | 2021, https://ccca.ac.at/wissenstransfer/fact-sheets

[2] CCCA Fact Sheet #28 | 2020, https://ccca.ac.at/wissenstransfer/fact-sheets

[3] https://www.wien.gv.at/statistik/lebensraum/tabellen/eis-hitze-tage-zr.html

[4] https://klimaseniorinnen.ch/

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Joeri Rogelj (IPCC): Wie die 1,5°C noch zu retten wären – mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit…
von Martin Auer

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Joeri Rogelj vom Imperial College London und International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) hat an mehreren Berichten des Weltklimarates IPCC mitgearbeitet. Er hat vor kurzem in einem Twitter-Thread analysiert, ob COP26 noch auf dem Weg ist, das 1,5°C-Ziel „am Leben“ zu erhalten.

Er beginnt mit den 2.400 Gigatonnen CO2, die von 1850 bis 2019 in der Atmosphäre abgelagert wurden:

Dann fügt er die globalen Emissionspfade hinzu, die sich aus den gegenwärtigen Maßnahmen und den günstigsten Interpretationen der Länderverpflichtungen (NDCs) ergeben. Diese günstigste Interpretation ist, dass alle Versprechen zur CO2 -Reduzierung in den NDCs erfüllt werden und alle verkündeten Netto-Null-Ziele erreicht werden. Auch alle „bedingten“ Selbstverpflichtungen (conditional NDCs) werden unter dieser Annahme erfüllt, das sind Ziele, die verschiedene Staaten davon abhängig machen, dass sie die notwendige finanzielle Unterstützung bekommen.

Anmerkung: Der letzte UNEP-Bericht zeigt, dass nur bei wenigen Staaten die für 2030 gesteckten Ziele geeignet sind, die langfristigen Netto-Null-Ziele zu erreichen.

Rogelj zieht nur die niedrigsten, also optimistischsten Entwicklungspfade für die weitere Analyse heran. Nun verlgeicht er die Emissionen, die sich durch diese Kurve ergeben (also die Fläche unter der Kurve) mit dem verbleibenden CO2 -Budget für das 1,5°C-Ziel, wie es aus dem jüngsten IPCC-Bericht hervorgeht. Für eine 50prozentige Wahrscheinlichkeit, die 1,5°C zu erreichen, wären das ab 2020 noch 500 Gigatonnen CO2 zusätzlich zu den historisch angehäuften 2.400 Gigatonnen. (Die verschiedenen Braun- und Ockertöne zeigen das Budget für unterschiedliche Wahrscheinlichkeiten an. Bei 300 Gigatonnen könnten wir das Ziel mit 83prozentiger Wahrscheinlichkeit erreichen, bei 900 Gigatonnen haben wir nur noch eine Chance von 17 Prozent.)

Unter den optimistischsten Entwicklungspfaden, die sich aus den bisherigen Verpflichtungen und Ankündigungen ergeben, wäre das Budget für 1,5°C und eine 50-Prozent-Chance in den frühen 2030er Jahren erschöpft:

Was könnte noch getan werden? Was würde sich ergeben, wenn die kurzzeitigen Zielsetzungen erhöht würden und sichergestellt wäre, dass die Emissionen bis 2030 halbiert werden? Das würde den Zeitpunkt, wo das Budget erschöpft wäre, hinausschieben, und es wäre entscheidend dafür 1,5°C noch „am Leben“ zu erhalten. Aber die Maßnahmen dürfen da nicht enden:

Nur wenn Netto-Null bis 2050 erreicht wird – wenn ab dann also kein zusätzliches CO2 in die Atmosphäre gelangt, kann das CO2 -Budget für 1,5°C eingehalten werden. Aber auch dann beträgt die Wahrscheinlichkeit, die Erwärmung wirklich auf 1,5°C zu beschränken, nur 50 Prozent. „Nicht großartig“, schriebt Rogelj, „aber es hält 1,5°C am Leben!“

Und er schließt: Unsicherheiten, was vergangene Emissionen betrifft, verschiedene Interpretationen der Versprechungen und Verpflichtungen und verschiedene Einschätzungen des noch verbleibenden CO2 -Budgets ändern nichts an der Kernbotschaft: Es braucht größere Anstrengungen, um 1,5°C am Leben zu erhalten.

Mit freundlicher Genehmigung von Joeri Rogelj

Titelbild: Unter Verwendung eines Fotos von  Andrew Parsons / No10 Downing St

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Top-Wissenschaftler*innen fordern volle Anerkennung des letzten IPCC Reports im COP26 Abschlusstext
von Christian Zauner

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Mehr als 200 Wissenschaftler*innen, darunter viele, die an den Berichten des Weltklimarats (IPCC) beteiligt waren, haben einen offenen Brief an die Vertragsstaaten des Pariser Klimaabkommes veröffentlicht. In diesem fordern Sie die Staaten auf, die Erkenntnsisse des IPCC, und vor allem des jüngsten Berichts im Abschlusstext vollinhaltlich anzuerkennen.

Laut Plan arbeiten die Vertragsstaaten heute an den Schlusserklärungen des Klimagipfels in Glasgow (COP26). Dabei wird an einzelnen Absätzen und Textpassagen gefeilt. In den Abschlusstexten eines Klimagipfels wird oft stundenlang um die Formulierung eines Absatzes gerungen. Dabei macht es einen großen Unterschied ob etwas nur „zur Kenntnis genommen“ wird oder ob es „anerkannt“ wird. Damit wird in der Klimadiplomatie die Wichtigkeit der einzelnen Textpassagen unterschieden.

Bei den letzten beiden Klimagipfeln COP24 in Warschau und COP25 in Madrid, wurde der Bericht zu Global Warming of 1.5 ºC zum Beispiel noch nicht “fully recognized” bzw. “fully acknowledged”. Dieser Bericht hat aufgezeigt, wie wichtig es ist, die Erwärmung des Planeten auf 1,5°C über den vorindustriellen Stand zu beschränken, und dass eine Erwärmung um 2°C ungleich katastrophalere Folgen haben würde.

Der erste Teil des 6. Sachstandsbericht des IPPC wurde im August veröffentlicht und ist die klimawissenschaftliche Basis, an der sich der UNFCCC (Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen) Prozess und alle Vertragsstaaten orientieren sollten.

Der Vorstoß der Wissenschaftler, darunter österreichische Wissenschaftler*innen vom Wegener Center der Universität Graz – Albert Ossó, Andrea K. Steiner, Birgit Bednar-Friedl, Douglas Maraun, Gottfried Kirchengast und Karl Steininger – und vom IIASA in Laxenburg – Zbigniew Klimont und Joeri Rogelj – zeigt, dass die Politik vor allem im multilateralen Zusammenspiel noch weit weg ist davon, “listen to the science” als Qualitätsstandard des eigenen Wirken und Handelns anerkannt zu haben.

Laurence Tubiana, CEO der European Climate Foundation und gemeinsam mit Christiana Figueres eine der maßgeblichen Architekt*innen des Pariser Klimavertrags, meinte auf die Frage, ob sie eine Chance für das Anliegen der Wissenschaftler sieht, dass mittlerweile Fortschritt bei der Anerkennung von Wissenschaft spürbar wird. Es kam leider aber in den letzten Jahren oft nur zu einer “Kenntnisnahme” in den Texten. Sie begrüßt aber, dass die IPCC Autoren jetzt dafür kämpfen, dass der IPCC Report vollumfänglich akzeptiert wird, und hält es für wichtig, dass es diesmal auch in den finalen Texten geschieht.

Titelfoto: Pressekonferenz im Wissenschaftspavillion der COP26 zur Veröffentlichung des Briefes. Von links nach rechts: Piers Forster, University of Leeds, UK, Sonia Seneviratne, ETH, Switzerland, Joeri Rogelj, Imperial College, UK und IIASA Österreich, and Paulina Aldunce, Universidad de Chile, (CR)2, Chile.

Gesichtet: Martin Auer

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