E-Scooter – Top oder Flop in der Klimakrise?
von Markus Palzer-Khomenko

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Die Klimakrise ist in aller Munde. Viel wird diskutiert und gestritten. Aber in einem Punkt sind sich fast alle einig. Das Auto mit Verbrennungsmotor muss bald ausgedient haben. Die großen Auto-Konzerne überbieten sich derzeit mit Ankündigungen, bis wann der Ausstieg aus Benzin und Diesel vollzogen sein soll. Aber was dann? Wie kommen wir von A nach B? Geht es nach den großen Konzernen, ersetzen wir die Verbrenner 1:1 durch E-Autos. Die sind zwar energieeffizienter, wiegen aber mehr als ihre verbrennungsgetriebenen Pendants und verbrauchen in der Herstellung viel Energie und Ressourcen. Es wird auch noch lange nicht genügend erneuerbare Energie zur Verfügung stehen, um dieselbe Zahl von E-Autos zu betreiben, wie jetzt Benziner und Diesel unterwegs sind.

Doch in der Stadt mit kurzen Wegen und hoher Bevölkerungsdichte gibt es Alternativen. Man kann die gute bestehende Infrastruktur des öffentlichen Verkehrs nutzen, aber die Warterei auf den nächsten Bus ist manchmal mühsam. Man kann zu Fuß gehen, was nach heutigen Maßstäben aber zu langsam ist. Man kann mit dem Rad fahren, aber oft fehlen vernünftige Radwege und man kommt eventuell verschwitzt am Ziel an. Wie gut dass es da noch den E-Scooter gibt! Ob gekauft oder geliehen, man kommt schnell ohne Schwitzen und direkt von A nach B und kann die großen Blechkisten links liegen lassen.

Aber gerade dieser E-Scooter kommt immer öfter in die Kritik. Die einen ärgern sich, dass die Leih-E-Scooter überall herumliegen, die anderen sagen, der E-Scooter sei umweltschädlich. Manche einer behauptet sogar, der E-Scooter würde dem Klima schaden. Was stimmt denn nun? Ist der E-Scooter ein Klimaheld oder ein neues Umweltproblem?

Die Antwort lautet: Kommt drauf an, wie man ihn verwendest. In der Folge wollen wir in 5 Szenarien erklären, wann der E-Scooter für’s Klima top und wann eher flop ist:

Szenario 1: Klimasünder E-Scooter

Dein altes Auto ist kaputt und du überlegst nicht lange. Du gehst zum Händler und kaufst ein neues (vielleicht ein E-Auto für die Umwelt). Damit die Umwelt noch mehr davon hat, kaufst du auch noch einen E-Scooter für kurze Wege. Voll elektrisch mobil schützt du ab nun das Weltklima. – Leider nein! Im Grunde hast du von allen Möglichkeiten die schlechteste gewählt. Zu den Unmengen an Energie und Rohstoffen, die dein (E-)Auto bei der Herstellung verschlungen hat, kommen noch die Energie und Rohstoffe für die Herstellung des E-Scooters dazu. Macht nichts, weil du ja dafür voll-elektrisch und CO2-neutral unterwegs bist? – Wieder falsch. Mit deinem E-Scooter ersetzt du ja nur Strecken, die du früher zu Fuß oder mit dem Rad bewältigt hast. Was früher mit Muskelkraft erledigt wurde, kommt nun aus der Steckdose und belastet unnötig das Stromnetz. Besser du sparst dir den E-Scooter und bleibst beim Rad.

Szenario 2: Der tägliche Kampf um die Klimabilanz

Du kaufst dir dein (E-)Auto und deinen E-Scooter. Aber um das Klima zu schonen, lässt du das Auto öfter mal stehen und fährst stattdessen mit dem Scooter. Auch hier musste man Auto und Scooter herstellen, was viele Ressourcen gekostet hat. Aber du sparst zumindest jedesmal Energie, wenn du den wenigen Kilogramm schweren Scooter statt dem bis zu 1,5 Tonnen schweren (E-)Auto auf dem Weg zur Arbeit nimmst. Wenn du das oft genug machst, wird irgendwann die Energie-Ersparnis die Produktionskosten des E-Scooters aufwiegen und dann ist die Klimabilanz positiv. Aber Vorsicht: Wenn du den E-Scooter auch statt Rad oder zu Fuß gehen verwendest, verschiebt das die Klimabilanz wieder in Negative.

Szenario 3: Sharing is Caring

Du kaufst dir ein (E-)Auto, aber nicht den Scooter. Stattdessen leihst du dir den Scooter manchmal aus. Das ist gut, denn nun musste nicht extra ein kompletter Scooter nur für dich hergestellt werden. Das spart Ressourcen. Aber ansonsten wirds jetzt kompliziert. Verwendest du den Scooter statt dem (E-)Auto oder statt Rad/Fußwegen? Wie lange lebt der Sharing-E-Scooter. Konnte er genug Autofahrten ersetzen um Fuß/Radstrecken und die Herstellung zu kompensieren? Knifflige Fragen, die wir dir leider nicht beantworten können. Aber: Jede Strecke, die du mit einem Sharing-E-Scooter statt mit deinem Auto fährst, schützt das Klima!

Szenario 4: E-Scooter – der Klimaheld

Vielleicht probierst du es auch mit Szenario 4. Damit schützt du nicht nur das Klima sondern auch dein Budget. Das geht so: Du kaufst den E-Scooter STATT dem (E-)Auto. Das haut so richtig in die Klimabilanz. Du hast nämlich gerade die Energie und die Ressourcen für die Herstellung eines kompletten (E-)Autos eingespart. Und ganz nebenbei hast du sämtliche Auto-Fahrten durch was anderes ersetzt (du hast ja jetzt kein Auto 🙂 ). Da kannst du lange faul mit dem E-Scooter zum Supermarkt fahren. Deine Klimabilanz wird da nicht mehr so schnell negativ.

Szenario 5: Für die Fanatischen unter euch

Wer noch eins draufsetzen will, kann sich ja auch noch den E-Scooter sparen. Spart noch mehr Ressourcen. Man kann sich den E-Scooter ja auch nur leihen oder zum militanten Radfahrer werden und mit den Autos um die Fahrbahn kämpfen.

Es ist also nicht ganz einfach. Es kommt drauf an, wie man den E-Scooter einsetzt. Bevor du dir einen E-Scooter zulegst, überleg dir gut, wie du ihn verwenden wirst und ob das wirklich dem Klima hilft. Denn der beste Schutz für das Klima sind die Dinge, gar nicht erst produziert werden.

Gesichtet: Barbara Laa

Titelfoto: Wikimedia Commons

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Steinzeit oder Lebensqualität? Wie lebt es sich in einem klimaneutralen Österreich im Jahr 2050?

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Den Vorwurf, dass Umweltschutz das Land in die Steinzeit zurückbefördern würde, hörten wir schon bei der Auseinandersetzung um das Atomkraftwerk Zwentendorf in den 1970er Jahren. Das Atomkraftwerk ist heute ein Museum und die Steinzeit ist nicht hereingebrochen. Wir hörten ihn wieder bei der Auseinandersetzung um die Zerstörung der Hainburger Au durch einen Kraftwerksbau. Inzwischen gibt es statt eines Kraftwerks den Nationalpark Donauauen und die Steinzeit ist nicht hereingebrochen.

Heute stellt sich die Frage, in welche Welt uns der Klimaschutz führen wird. Führende österreichische Klimawissenschaftler*innen und über 70 Expert*innen aus allen Disziplinen haben einen Plan1 ausgearbeitet, wie Österreich bis 2050 klimaneutral werden kann. In einem zusammenfassenden Kapitel beschreiben sie, wie das Leben in diesem Land 2050 ausschauen könnte. Auf diese Vision stützt sich – teils auch wörtlich – unser Beitrag. Das ist möglich, da die Quelle dankenswerter Weise unter die Creative-Commons-Lizenz BY 4.0 gestellt wurde.

Dazu ist zu sagen, dass die Vision zwar von Österreichs Anteil an der globalen Verantwortung für das Klima ausgeht, aber nichts über das Leben in anderen Teilen der Welt sagt. Zweitens schreiben die Wissenschaftler*innen keinen bestimmten Weg zu diesem Ziel vor. Sie stellen stattdessen mögliche Transformationspfade zur Diskussion: Durch Regulierungen und marktwirtschaftliche Anreize von oben, oder durch gesellschaftliche Erneuerung von unten, durch technologische oder sozio-ökonomische Innovation.

Der Earth-Overshoot-Day oder Welterschöpfungstag – der Tag, an dem die Menschheit alle Ressourcen verbraucht hat, die der Planet in einem Jahr zur Verfügung stellen kann – fällt heuer auf den 29. Juli. Genau aus diesem Anlass wollen wir ein positives Bild einer möglichen Zukunft innerhalb der planetaren Grenzen zur Diskussion stellen.

Die Vision: Österreich im Einklang mit den Pariser Klimazielen

Das Leben hat sich in Österreich in vielfacher Weise verändert und ändert sich noch weiter, denn die bereits umgesetzten und die eingeleiteten Maßnahmen ziehen weitere Veränderungen nach sich. Es hat sich gezeigt, dass Vieles viel leichter ging als erwartet, nachdem der Anfang gemacht war. Manches hat auch mehr Probleme gemacht.

Erneuerbare Energien und Energieeffizienz machen unabhängiger

Erneuerbare, vielfach dezentral genutzte Energiequellen liefern saubere, leistbare Energie und machen das Land wie auch Regionen unabhängiger von Energieimporten. Durch einen Fokus auf hocheffiziente Energiedienstleistungen wurde gleichzeitig die Energieeffizienz gesteigert und der Energiebedarf deutlich gesenkt.

Energieeffizienz lohnt sich, weil Primärenergie teurer geworden ist. Ab einem bestimmten Mindestbedarf wird die einzelne Kilowattstunde umso teurer, je mehr man verbraucht. Das gilt für Haushalte, Handel, Industrie und Gewerbe. Raumplanung, Mobilitätsplanung und die Planung der Energieversorgung erfolgen gemeinsam. Dabei geht man von den Bedürfnissen der Menschen aus. Aus der gewünschten Funktion (z.B. schnell und bequem von zu Hause zur Arbeit zu kommen, oder mit Gütern des täglichen Bedarfs versorgt zu werden, aber auch für die Erfordernisse der Produktion) leitet sich die Gesamtplanung ab. Daraus ergibt sich die die benötigte Menge an Energie, der passende Energieträger und die Form der Bereitstellung. Sektorkopplung zwischen Elektritizät, Wärmeversorgung, Verkehr und Industrie sorgt dafür, dass überschüssige Energie aus einem Sektor in einen anderen Sektor, wo Bedarf besteht, umgeleitet wird.

Das Stromnetz ist dezentral, multidirektional und intelligent. Lebensqualität orientiert sich nicht an Konsum und Profit.

Das Stromnetz hat sich von einem zentralistischen, unidirektionalen zu einem dezentralen, multidirektionalen und intelligenten Stromnetz gewandelt. Strom wird also nicht nur in großen Kraftwerken erzeugt und zentral verteilt, sondern an vielen Stellen auch von Privaten, Gemeinden usw. und kann auch ins Netz eingespeist werden. Gleichzeitig wurde die Verfügbarkeit gesichert und der Schutz vor Cyberkriminalität verbessert. Die Veränderungen waren bereits tiefgreifend und sie gehen noch immer weiter. Es werden stets neue, nachhaltigere Technologien entwickelt. Gleichzeitig werden Lebensstile nachhaltiger und brauchen weniger Energie: Gute Lebensqualität geht vor Profit und Konsum. Die Auswirkungen mancher Änderungen in anderen Sektoren werden erst langsam im Energiesektor spürbar.

Einerseits ist der Strombedarf gestiegen, weil wirtschaftliche Aktivitäten elektrifiziert wurden. Andererseits kam es zu Bedarfssenkungen, z. B. durch bessere Wärmedämmung von Gebäuden, effiziente Mobilität und die klimaschutzorientierte Raumplanung. Viele haben die Ursachen der Klimakrise verstanden und den Wert der Genügsamkeit für das eigene Wohlbefinden wiederentdeckt. Weniger ist oft mehr, und es genügt oft weniger, als man haben könnte.

Man muss kein Auto besitzen, um weiterzukommen.

Neue Raumplanungs- und Mobilitätskonzepte sowie neue Steuermodelle haben den Verkehr verändert: Der Individualverkehr ist zugunsten der aktiven Mobilität (Gehen, Fahrradfahren) zurückgegangen. Der öffentliche Verkehr wurde ausgebaut und auch im ländlichen Raum hat innovative Logistik neue Möglichkeiten eröffnet. Moderne Kommunikationsmöglichkeiten und Konzepte wie Sammeltaxis, Ride & Carsharing und Gemeindefahrzeuge ermöglichen Mobilität ohne eigenes Auto. Die meisten Menschen besitzen keine PKWs mehr, sondern nutzen sie nur noch. Das entlastet die Nutzer*innen nicht nur finanziell, sondern nimmt ihnen auch Verantwortung ab.

Für die Bevölkerung bringt die Veränderung gesundheitliche Verbesserungen durch mehr Bewegung, bessere Luftqualität, weniger Lärm und Stress und mehr Zeit für Beziehungen und bewusstes Leben. Mehr Platz in den Städten ermöglicht mehr Grün zur Dämpfung der Hitze. Der zusätzliche Begegnungsraum macht die Städte sicherer.

Durch lokale Produktion gibt es weniger Güterverkehr.

Der österreichische und europäische Güterverkehr ist zurückgegangen, weil die Wirtschaft sich stärker regional ausrichtet, und die Transporte wurden auf die Schiene verlagert. Der Umbau zu einer nachhaltigen Kreislaufwirtschaft, die Rücknahmepflicht der Händler und die lokalere Produktion auf Basis von 3D-Druckverfahren haben den internationalen Güteraustausch reduziert.

Für Containerschiffe und Flugfracht gelten strenge Umweltbestimmungen. Ihre Antriebsenergie kommt weitgehend aus erneuerbaren Energieträgern (z. B. Windkraftunterstützung auf See und „Power-to-X“-Treibstoffe, die mit täglichen Überschussmengen von Solarstrom erzeugt werden). Der Lkw-Transport in den Städten läuft elektrisch. Die notwendigen Infrastrukturmaßnahmen für diese Umstrukturierungen wurden rechtzeitig beschlossen, geplant und installiert, sodass keine Verzögerungen durch fehlende Infrastruktur entstanden sind.

In der Kreislaufwirtschaft halten Gebrauchsgüter länger und können repariert werden.

Gebrauchsgüter sind im Sinn des konsequenten Umbaus zur Kreislaufwirtschaft langlebiger und reparierbar geworden. Die Erzeuger nehmen die Produkte am Ende der Lebenszeit zurück und führen die Komponenten einer Wiederverwertung zu, die die Ressourcen effizient ausnützt. Wichtig ist, dass die Produkte von Anfang an so designt werden, das sie am Ende ihrer Lebenszeit leicht in ihre Bestandteile zerlegt und wiederverwertet werden können. Zugleich werden viele Produkte, nicht nur die legendäre Bohrmaschine, nur noch ausgeliehen – man muss nicht besitzen, was man selten braucht. Das bedeutet einerseits Rückgang der materiellen Produktion und damit Ressourcenschonung, andererseits aber mehr Qualitätsarbeit. Die Qualität und Zahl der Arbeitsplätze hat sogar zugenommen.

Da man weniger Güter kaufen muss, kann man sich auch höhere Preise leisten. Werbemaßnahmen orientieren sich am aktuellen Wissensstand und an der sozialen und ökologischen Herausforderung. Sie dienen nicht dem Mehr-Konsum, sondern einem nachhaltigen Konsum.

Forschung für Nachhaltigkeit wird gezielt gefördert.

Die notwendigen Innovationen für die industriellen Prozesse werden durch zielgerichtete Forschungsförderung beschleunigt. Neue Möglichkeiten der Materialproduktion werden dabei ebenfalls im Auge behalten (z. B. biobasierte Polymere, emissionsärmere Produktion, Kreislaufwirtschaftsinnovationen wie De-Polymerisierung zur effizienten Rohstoffrückgewinnung).

Die Digitalisierung ermöglicht geringeren Ressourcenverbrauch.

Die dynamischen technologischen Entwicklungen, die unter dem Namen Digitalisierung oder „Industrie 4.0“ zusammengefasst werden, wie automatisierte Fahrzeuge, Drohnen- und Blockchain-Technologie, wurden durch gesetzliche Regelungen auf Anwendungen orientiert, die das Einhalten der Klimaschutzziele und der ökologischen Grenzen erleichtern, ohne zusätzlichen Ressourcenverbrauch zu erzwingen.

Neue Perspektiven für Arbeitnehmer*innen werden geschaffen.

Ein zentraler Erfolgsfaktor dafür ist die inzwischen tiefgreifend verankerte, stark regional ausgerichtete Kreislaufwirtschaft, bei der die Potenziale der Digitalisierung nutzbringend eingesetzt werden. Für einige Unternehmen ist in einer klimaemissionsfreien Wirtschaft kein Platz. Deren Arbeitnehmer*innen werden durch politische Begleitmaßnahmen aufgefangen. Ihnen werden durch Re-, Neu- und Umqualifizierungsmaßnahmen neue Perspektiven geboten. Die Transformation wird sozial gerecht („Just Transition“) gestaltet. Generell wird viel mehr Arbeit in Bereichen wie Gesundheit und Pflege, Bildung, Kultur und Sport, aber auch in der Landwirtschaft benötigt.

Anpassung und Widerstandsfähigkeit gegen Extremwetterereignisse werden gefördert.

Die kritische Infrastruktur ist mittlerweile recht gut geschützt gegen Extremwetterereignisse. Diese liegen zwar auch bei einer globalen Erwärmung um 1,5 °C noch deutlich über den aus früheren Zeiten bekannten Ausmaßen, aber man muss nicht mehr fürchten, dass sie von Jahr zu Jahr intensiver werden und länger andauern. Das Klima stabilisiert sich. Bei den notwendigen Umbau- und Klimawandel-Anpassungsmaßnahmen wurde auch auf Herausforderungen in verschiedenen Dimensionen geachtet – wie etwa die gute Anbindung an öffentlichen Verkehr, die Wiederverwendbarkeit von Strukturen, die Rezyklierbarkeit von Komponenten und Gebäuden oder die Einplanung von schattigen Rastplätzen.

Dennoch: Absoluten Schutz vor Unvorhergesehenem gibt es nicht. Die Menschen haben gelernt, sich auf Krisensituationen besser vorzubereiten und mit diesen besser umzugehen. Eine Mindestvorratshaltung ist in Haushalten und in Gemeinden zur Selbstverständlichkeit geworden, ebenso wie regelmäßige Notfallübungen. Die Erkenntnis, dass Resilienz (Widerstands- und Anpassungsfähigkeit) wichtig ist und nicht alles der Forderung nach maximaler Effizienz unterzuordnen ist, hat sich durchgesetzt.

Es gibt mehr Flächen für Bio-Landwirtschaft durch weniger Fleischproduktion.

Biologische Landwirtschaft ist extensiv und braucht größere Flächen. Infolge des geringeren Fleischkonsums wurden dafür die Flächen verfügbar, die zuvor zur Futtermittelproduktion für Rinder, Schweine, Hühner etc. genutzt wurden. Zugleich wurde die rasante Verbauung landwirtschaftlicher Flächen radikal eingeschränkt. Wo immer möglich wird sogar rückgebaut, um die Bodenversiegelungsauswüchse der Vergangenheit wiedergutzumachen. Boden bezieht seinen Wert nun auch durch seine Funktion als Kohlenstoff- und Wasserspeicher.

Ein wesentlicher Beitrag zur Senkung der landwirtschaftlichen Emissionen war die Ernährungsumstellung hin zu saisonaler, biologischer und primär regionaler Nahrung mit deutlich mehr pflanzlichen Produkten und rund 50 % weniger Fleisch. Dazu kam auch eine deutliche Senkung der Lebensmittelabfälle. Düngemittelproduktion und Landnutzungsänderungen konnten zurückgefahren werden. Der geringere Viehbestand senkte den Futtermittelbedarf sowie die Ausgasungen der Wiederkäuer. Die umgestellte Ernährung entspricht viel besser den Vorgaben der WHO bzw. der Mediziner für eine gesunde Ernährung. Da außerdem weniger Rückstände von Pestiziden, Hormonen und Antibiotika in den Körper gelangen, tut sie auch der Gesundheit der Bürger*innen gut .

Der Boden wird als Kohlenstoff- und Wasserspeicher geschützt.

Die 5 bis 10 Prozent verbliebenen Treibhausgasemissionen (im Vergleich zu 2005) werden durch naturverträgliche Kohlenstoffspeicherung in Boden und Biomasse ausgeglichen. Land- und Forstwirtschaft konnten den Aufbau von Humus und Holzbiomasse als Kompensation sicherstellen. Die regenerative, biologische und humusfördernde Landwirtschaft hat die Aufnahmefähigkeit des Bodens auch für das Wasser erhöht, sodass Dürreperioden und Starkniederschläge, die mit dem Klimawandel einhergehen, besser abgepuffert werden können. Die Landwirte haben trotz Klimawandel einigermaßen verlässliche Ernten. Auch kleinere landwirtschaftliche Betriebe finden wieder ein gutes Auskommen, da der Bedarf an land- und forstwirtschaftlichen Produkten ausgeweitet wurde und neuen Formen solidarischer Landwirtschaft und direkter Vermarktung sich immer mehr durchgesetzt haben. In der Bioökonomie haben Kreislauforientierung und Nachhaltigkeit einen festen Platz gewonnen. Es haben sich aufgrund der Kreislaufwirtschaft und innovativer kaskadischer Nutzungen Wege gefunden, die stoffliche Nutzung der Biomasse voranzutreiben, ohne die Kohlenstoffsenken zu reduzieren. Kaskadische Nutzung bedeutet, einen Rohstoff möglichst oft zu nutzen, bevor er zur Energiegewinnung gebraucht wird, z.B. Holz zu Möbeln zu verarbeiten, die alten Möbel umzubauen, schließlich Spanlatten daraus zu machen und erst möglichst spät zur Energiegewinnung zu verbrennen. Die vermehrte Holznutzung in langlebigen Infrastrukturen trägt sogar zur Stabilisierung der Kohlenstoffspeicherung bei. In vielen Bereichen sind auch 2050 noch dynamische Neu- und Weiterentwicklungen im Gange – wesentliche Innovationen sind noch zu erwarten. Diese Innovationen könnten auch für die Energiegewinnung gekoppelt mit aktiver Kohlenstoffspeicherung bedeutsam sein. Dennoch kann die energetische Nutzung von Biomasse – aus Gründen der Knappheit landwirtschaftlicher Nutzflächen und des Schutzes der Biodiversität – nicht das primäre Ziel sein.

Die Gesundheit verbessert sich.

Die Kosten für das Gesundheitssystem, Krankenstände und krankheitsbedingte Frühpensionierungen sind gesunken und sinken weiter, denn die Mobilitäts- und die Ernährungsumstellungen haben das Leben nicht nur weniger riskant, sondern auch gesünder gemacht. Es wurde auch deutlich Druck aus dem Berufsleben genommen.

Das Kapital hat sich aus fossilen Energieträgern zurückgezogen.

Ein wesentlicher Motor für die Transformation war der zunächst langsame, dann aber sich stark beschleunigende Abzug von Kapital aus fossilen Energieträgern (Divestment) und die Investition in erneuerbare Energien und zukunftsfähige, sozial-ökologische Innovationen. Die Investitionen haben sich in deutlich höherem Maße in die Realwirtschaft verlagert, was nicht nur technologische Innovationen in beachtlichem Ausmaß ermöglicht hat und weiter ermöglicht, sondern auch die Stabilität des Finanzmarktes wesentlich erhöht.

Das Bildungssystem fördert Neugier und Kreativität und das Denken in Zusammenhängen.

Das Bildungssystem wurde grundlegend reformiert. Wichtige Erkenntnisse der Hirnforschung, der Psychologie und der Pädagogik der letzten Jahrzehnte fanden Eingang in die Praxis. Die Neugier, Motivation, Individualität und Kreativität der Kinder, Jugendlichen und Studierenden wird stark gefördert. Zudem werden ihre Fähigkeiten interdisziplinäre Brücken zu bauen, in Zusammenhängen zu denken, Lösungen für komplexe Probleme zu finden und das Leben zu gestalten, statt sich lediglich vom Leben formen zu lassen, gezielt gefördert. Das ermöglicht ihnen, von Ressourcen-Ausnutzer*innen zu Potenzial-Entfalter*innen zu werden. Bei der Wissensvermittlung wandert der Schwerpunkt vom Verfügungs- und Handlungswissen hin zu umfassendem, ganzheitlichem und wertbezogenem Orientierungswissen und systemischen, projektbezogenen, kreativen Herangehensweisen.

Die Forschung entwickelt menschengerechte Lösungen.

Eine Zeit lang ist es – angesichts der lebensbedrohenden Entwicklungen der Klima- und Umweltkrise – in der Forschung fast ausschließlich darum gegangen, wissenschaftliche Fragen zu beantworten, die für die Gesellschaft hoch relevant sind. Alle Universitäten und Forschungseinrichtungen haben sich stark daran ausgerichtet. Das alles war unter anderem möglich, weil auch der Staat sich wieder in stärkerem Maße für die Forschung zuständig fühlte. Er förderte gesellschaftlich-transformative Ziele in der Wissenschaft und schränkte wirtschaftliche Einzelinteressen im Forschungsbetrieb ein. Die Wissenschaft hat sich verstärkt auf gesellschaftliche Zukunftsfragen ausgerichtet und bearbeitet inzwischen wieder ein breites, offenes inter- und transdisziplinäres Forschungsspektrum. In der Forschung wird kooperativ und interdisziplinär gearbeitet, von den Naturwissenschaften bis hin zu den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, Geisteswissenschaften, Theologie und Kunst. Betroffene werden wo immer sinnvoll von Anbeginn einbezogen (transdisziplinäre Forschung). Allein technologieorientierte Lösungen sind kaum mehr von Interesse. Wesentlich ist es, menschengerechte Lösungen zu finden. Der Status in der wissenschaftlichen Welt hängt nicht mehr primär von Publikationen ab, sondern wesentlich davon, wie die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft im Hinblick auf die Nachhaltigkeitswirkung („sustainability impact“) der Forschung wahrgenommen wird. Auf Unabhängigkeit der Forschung und Transparenz in der Forschungsfinanzierung wird großer Wert gelegt. Die Forschung ist so zu einem wahren Motor für die Nachhaltigkeit der Gesellschaft geworden.

Die Schere zwischen Arm und Reich verringert sich.

Alle Maßnahmen im Zuge der Transformation der Gesellschaft wurden jeweils sorgfältig auf ihre sozialen Auswirkungen geprüft und haben dazu beigetragen, dass die Schere zwischen Arm und Reich langsam zuging. Dazu hat eine wirtschaftlich, sozial- und umweltgerechte Steuerreform beigetragen. Sie war eine der ersten und wirksamsten Maßnahmen, die den Menschen mit niedrigen Einkommen einen wesentlichen Teil der Steuereinnahmen auf fossile Brennstoffe als Klimabonus auszahlte und ihnen zeigte, dass zwar die Klimakrise bedrohlich war, nicht aber die Klimaschutzmaßnahmen.

Als diese Steuereinnahmen infolge des geringeren Einsatzes fossiler Brennstoffe zurückgingen, verschafften bereits andere Maßnahmen, wie z. B. verbesserter öffentlicher Verkehr und Ride & Carsharing, den Haushalten wesentliche Entlastungen bei ihren Kosten. Erleichtert wurden staatliche Investitionen, weil die gleichmäßigere Vermögens- und Einkommensverteilung auch zum Sinken der Kosten für den Sicherheitsapparat, das Sozialsystem und das Gesundheitswesen führte. Bildung und Forschung beanspruchen jetzt einen höheren Anteil des staatlichen Budgets, aber diese Mittel sind gut eingesetzt. Geldflüsse aus dem reformierten Finanzsystem und Einsparungen, die sich in anderen Bereichen ergeben haben, entlasten sogar den Staatshaushalt.

Die Bevölkerung nimmt aktiv Teil an den Entscheidungen.

Die Maßnahmen wurden in Teilhabeprozessen unter Einbeziehung der Bevölkerung erarbeitet. Dies hat dazu geführt, dass Interessens- und Zielkonflikte offen ausgetragen werden konnten und gemeinsam nach Lösungen gesucht wurde. Lokalen Besonderheiten und Wünschen, insbesondere hinsichtlich Reihenfolge und Geschwindigkeit der Änderungen, wurde soweit möglich nachgekommen. Das hat sich günstig auf das Demokratieverständnis ausgewirkt und Bürger*innen übernehmen wieder deutlich mehr Verantwortung im gesellschaftlichen Prozess.

Neben der in Österreich schon lange hochstehenden Gesinnungsethik hat sich durch diese Teilhabeprozesse auch eine Verantwortungsethik eingestellt – man weiß nicht nur, was richtig wäre, sondern man tut es auch. Die Politik ist sachorientierter und vorausschauender geworden. Sie darf vorübergehende Verschlechterungen zugunsten klar argumentierter und allgemein verständlicher langfristiger Verbesserungen riskieren, ohne schon bei den nächsten Wahlen abgestraft zu werden.

Wir verbrauchen weniger, doch die Lebensqualität steigt.

Der Konsum-Lebensstandard, gemessen an der Zahl der Autos, Fernsehschirme, Fernreisen etc. ist zwar materiell gesunken, aber die Lebensqualität ist klar gestiegen; die Österreicher*innen sind deutlich zufriedener. Der Transformationsprozess ist nicht abgeschlossen, aber die Bevölkerung nimmt ihn an: Es herrscht Aufbruchsstimmung. In den Bürger*innenräten sind viele Ideen aufgekommen, die zum Teil noch nicht umgesetzt sind, aber viel Potenzial zu weiteren Verbesserungen haben, die weit über die Klimakrise hinausgehen – es wird spannend sein, zu beobachten, wo das noch hinführt.

Und rückblickend auf das Erreichen der Klimaneutralität Mitte 2045 und auf die um 2050 nahezu vollständig erreichte Befreiung von den fossilen Emissionen heißt es zu guter Letzt bei der Jahrhundertfeier auf dem Heldenplatz in Wien am 15. Mai 2055: Österreich ist klimaemissionsfrei!

Fotos: Pixabay
Bearbeitet: M.A. und A.B.


1 Kirchengast, G., Kromp-Kolb, H., Steininger, K., Stagl, S., Kirchner, M., Ambach, Ch., Grohs, J., Gutsohn, A., Peisker, J., Strunk, B. (2019): Referenzplan als Grundlage für einen wissenschaftlich fundierten und mit den Pariser Klimazielen in Einklang stehenden Nationalen Energie- und Klimaplan für Österreich (Ref-NEKP) — Gesamtband, November 2019, 204 S., CCCA Wien-Graz. – Verlag der ÖAW, Wien, Österreich. Online unter: https://ccca.ac.at/refnekp – Creative Commons by 4.0 licence https://creativecommons.org/licenses/by/4.0

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Extremwetter und Klimawandel – Wie hängt das zusammen?
von René Sedmik

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Der kälteste Frühling seit 30 Jahren in Österreich, nie dagewesene Hitze in Kanada, ein Tornado der Stärke 4 an der tschechischen Grenze, und über hundert Tote bei einem Hochwasser in Deutschland.

Viele Menschen meinen, das hätte es schon immer gegeben. Andere sehen die Wetterereignisse als Auswirkung des Klimawandels.

Wir geben eine wissenschaftlich begründete Antwort auf die Frage, ob und wie diese Ereignisse mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Kurze Antwort für Ungeduldige:

Extremwetterereignisse wie Hitzewellen, Stürme, Starkregen oder Dürre gab es immer. Sie sind die Folge des lokalen Zusammenspiels vieler Faktoren und – wie der Name schon sagt – Extreme des Wetters. Der Klimawandel bewirkt über unterschiedliche Mechanismen, dass solche Extreme deutlich häufiger und intensiver werden. Die wärmere Luft nimmt mehr Feuchtigkeit auf und regnet mehr wieder ab. Manche Gebiete werden dadurch trockener, andere feuchter. Die höhere Temperatur und größere Temperaturunterschiede verändern auch Windströmungen, die heiße Luft aus den Tropen in Richtung Pole und kalte Polarluft in Richtung Äquator bringen, so dass Hitze- und Kältewellen entstehen. In den nächsten Jahrzehnten ist auch in Österreich mit einer kontinuierlich steigenden Zahl von Wetterkatastrophen und den entsprechenden Folgen zu rechnen.

Ausführliche Antwort

Erderwärmung und Jetstream

Auf der Nordhalbkugel ist der polare Jetstream von wesentlicher Bedeutung für das Wetter. Es handelt sich dabei um ein Windband, das sich zwischen dem 40. und 60. Breitengrad in großer Höhe rund um den Globus von West nach Ost bewegt. Der Jetstream entsteht durch den Druckunterschied zwischen dem Nordpol und den Tropen, welcher eine Nord-Süd Strömung bewirkt, die wiederum durch die Corioliskraft1 in östliche Richtung abgelenkt wird. Hindernisse wie etwa die Rocky Mountains oder der Himalaya lenken den Strom ab. Es kommt zu wellenförmigen Verformungen des Jetstreams – sogenannte Rossby-Wellen. Eine nordwärtige Welle zieht warme Luft aus dem Süden mit – ein Hoch entsteht. Eine südwärtige Welle transportiert umgekehrt kalte polare Luft und Tiefdruckgebiete in unsere Breiten. Somit beeinflussen die Rossby-Wellen unser Wetter.

„Der Jetstream (hier als Band eingezeichnet) trennt kalte (blaue) Luftmassen um die Pole von warmen Luftmassen (rötlich) in äquatorialen Gebieten. Bisher normale Rossby Wellen (a) werden durch die Verlangsamung des Jetstreams größer (b) und können sogar abgeschlossene „Tropfen“ bilden (c).
Quelle: Wikimedia Commons

Durch den Klimawandel, welcher die Pole deutlich stärker erwärmt als gemäßigte Breiten, schwächt sich der Druckgradient2 zwischen Pol und Tropen ab und der Jetstream wird schwächer. Umfangreiche Studien haben gezeigt, dass diese Abschwächung dazu führt, dass Rossby Wellen deutlich stärker mäandern und länger am selben Ort bleiben. Für unser Wetter bedeutet das, dass Hochs und Hitze länger bleiben, wodurch sich die Hitze lokal verstärken kann wie in den USA und Kanada im Juni 2021 – eine Hitzewelle entsteht. Umgekehrt kann über längere Zeit kalte polare Luft zu uns transportiert werden – ein kalter Frühling wie 2021 in Mitteleuropa ist die Folge.

 Am Beispiel der Hitzewelle im Juni 2021 in Kanada sieht man, wie eine Rossbywelle einen „Warmlufttropfen“ einschließt und somit warme Luftmassen lokal festhält. Der Tropfen kann sich immer weiter erwärmen – eine Hitzewelle entsteht. (Grafik: Martin Auer, nach BBC)

Unwetter und Regen

Neben Hitzewellen treten derzeit auch starke Unwetter auf. Regenfälle mit 100 l/m² und Tag sind in den Tropen keine Seltenheit, stellen in Mitteleuropa aber eher die Ausnahme dar. Der Grund ist, dass wärmere Luft mehr Wasser aufnehmen kann als kalte3. Wenn dieses Wasser dann bei einem Gewitter wieder als Regen fällt, kommen große Regenmengen zusammen. Kommen nun vermehrt warme Luftmassen vor, können in diesen auch stärkere Gewitter und Schauer entstehen – wie im Westen Deutschlands am 14. Juli oder in Salzburg am 17. Juli. Ein weiterer Effekt ist, dass durch mehr Wärme stärkere Winde in Gewittern erzeugt werden. Eispartikel zirkulieren durch diese Winde zwischen den unteren Regenzonen und großen Höhen, wobei bei jeder Runde eine Eisschicht hinzukommt. Sind die Winde nun stärker, können Eispartikel länger wachsen bevor sie als Hagel fallen. Werden die Winde in einer Gewitterzelle sehr groß, können auch starke Scherkräfte entstehen, welche die Zelle rotieren lassen – eine sogenannte Superzelle entsteht. Hier kommen zu den vertikalen Konvektionswinden in der Gewitterwolke auch horizontale Strömungen. Stimmt die lokale horizontale Windrichtung nicht mit der umgebenden Windrichtung überein kommt es zu Verwirbelungen und Tornados können entstehen. Während kleine Tornados überall auf der Welt entstehen, sind stärkere Tornados in Mitteleuropa eher die Ausnahme. Mit zunehmender Gewitterstärke und Häufigkeit steigt aber auch die Gefahr für starke Tornados, so wie jener an der tschechisch-österreichischen Grenze am 24. Juni 2001, der die zweitstärkste Kategorie F4 auf der Fujita Skala erreichte.

Der Klimawandel selbst verursacht diese Extremwetterereignisse nicht direkt. Jedoch bewirkt er dass statistisch gesehen häufiger die notwendigen Bedingungen entstehen, die Extremwetter möglich machen und auch stärker werden lassen.

Hier noch ein kleiner Literaturüberblick für jene, die gerne mehr wissen möchten:

Hitzewellen

Das Auftreten von Hitzewellen wurde sowohl empirisch als auch prädiktiv ausführlich untersucht. Hier sind besonders Städte betroffen, da durch die stark konzentrierte Bodenversiegelung und geringe Biomasse natürliche Kühleffekte fehlen. Beton und Asphalt heizen sich in der Sonne stark auf und halten die Wärme auch in den Nachtstunden länger. Im Vergleich zum Zeitraum 1981–2010 werden 2050 in Wien kurze Hitzewellen wahrscheinlich mehr als drei Mal so oft auftreten (die Wahrscheinlichkeit steigt von 12% auf 40%) und starke Hitzewellen mit deutlicher Übersterblichkeit viereinhalb Mal so oft (die Wahrscheinlichkeit steigt von 3,5% auf 16%).4. Für den Zeitraum 2070–2100 steigen diese Wahrscheinlichkeiten nochmals stark an: kurze Hitzewellen 85%, starke Hitzewellen 70%.

Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen in Prozent. Die Grafik zeigt für alle europäischen Städte an, wie wahrscheinlich es ist, dass im Zeitraum 2050 bis 2100 die Höchsttemperaturen des Zeitraums 1950 bis 2000 übertroffen werden. Diese Wahrscheinlichkeiten gelten für den Fall, dass global keine nennenswerten Anstrengungen unternommen werden, um den Klimawandel einzudämmen, das sogenannte RCP 8,5 Szenario. Da es auch für dieses Szenario eine Schwankungsbreite gibt, zeigt diese Grafik ein Ergebnis an, das in der Mitte zwischen dem günstigsten und dem ungünstigsten liegt.
Quelle: Guerreiro et al. (2018) https://iopscience.iop.org/article/10.1088/1748-9326/aaaad3

Für Innsbruck, Graz und Wien ist unter der Annahme, dass keine Anstrengungen zur Eindämmung des Klimawandels unternommen werden, eine Zunahme von 25%, 25% und 23% in der jährlichen Anzahl der Hitzetage sowie ein Anstieg von rund 9°C (alle Städte) in der dabei maximal erreichten Temperatur ab 2050 vorhergesagt.5 Auch die jüngsten Hitzewellen wurden quantitativ erforscht. Man fand, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit für eine Hitzewelle wie jene in Kanada 2021 mit fast 50°C im Vergleich zu zur Zeit um 1900 150 Mal wahrscheinlicher gemacht hat7. Während es sich ohne menschgemachten Klimawandel um ein Ereignis handelt, das einmal alle 1000 Jahre stattfinden würde, muss man bei 2°C globaler Erwärmung alle 5-10 Jahre mit einer derartigen Hitzewelle rechnen.

Starkregen, Unwetter und Überflutungen

Auch die Zunahme von Starkregenereignissen ist statistisch signifikant. Global zeigen Studien8 einen Anstieg von 31% in der Häufigkeit von Starkregen in nördlichen gemäßigten Breiten zwischen 1980 und 2010. Dieser wird lokal auch mit einem Anstieg von rund 100% in der Wahrscheilichkeit für Flutereignisse in größeren Flüssen in Verbindung gebracht9. Klimamodelle erfassen lokale Starkregenereignisse erst in kürzerer Zeit10, zeigen aber generell, dass die Intensität von Stürmen und Schauern sogar stärker als die Wasseraufnahmefähigkeit mit der Temperatur – und damit mit fortschreitendem Klimawandel – steigt. Damit einher geht auch eine gesteigerte Wahrscheinlichkeit für Flutereignisse.

Der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Extremwetterereignissen wurde intensiv erforscht. Einen vollständigen wissenschaftlichen Überblick gibt es hier:  https://assets.climatecentral.org/pdfs/WWA_NRC_Attribution_Report_March2016.pdf


1 Die Coriosliskraft entsteht durch die Drehung der Erde um ihre Achse. Sie ist am Äquator am stärksten und nimmt gegen die Pole zu ab.

2 Gradient: Gefälle

3 Die Wasseraufnahmekapazität von Luft steigt pro Grad Celsius um 6.5%: Ali et al. Geophys. Res. Lett. 48, e2020GL090317, doi:10.1029/2020GL090317 .

4 Smid et al Urban Climate 27, 388 (2019), doi: 10.1016/j.uclim.2018.12.010

5 Guerreiro et al. Env. Res. Lett. 13, 034009 (2018), doi: 10.1088/1748-9326/aaaad3

7 Philip et al, Scientific Report. (2021), https://www.worldweatherattribution.org/wp-content/uploads/NW-US-extreme-heat-2021-scientific-report-WWA.pdf

8 Lehmann et al. Climatic Change 132, 501 (2015), doi: 10.1007/s10584-015-1434-y

9 Philip et al. J. Hydrometeorol. 19, 1881 (2018), doi: 10.1175/JHM-D-18-0074.1

10 Fowler et al. Phil.Trans.R.Soc.A 379, 20190541, doi: 10.1098/rsta.2019.0541

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Das Ende der Menschheit verschieben
Erfahrungen mit dem En-ROADS-Weltklima-Simulator
von Klaus Jäger

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Den En-ROADS-Weltklima-Simulator habe ich vor kurzem auf einem Seminar kennengelernt. Mit diesem Simulator kann die Wirksamkeit von verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen bestimmt werden. Als erstes habe ich gleich meine Lieblingsmeinung getestet: Wenn die regenerativen Energien stark gefördert werden, dann kann die Erderhitzung locker unter 2 Grad Celsius gehalten werden.

Ich war maßlos enttäuscht, als fast kein Effekt zu sehen war! Das hat mein Interesse geweckt.

Sie können das selbst überprüfen. Der En-ROADS-Simulator (Energy Rapid Overview and Decision Support) ist frei verfügbar.

Das Fenster öffnet sich und Sie sehen im oberen Teil zwei Diagramme. Das linke Diagramm zeigt die gesamte globale Energie aus jeder Quelle, die zur Deckung des globalen Energiebedarfs bis 2100 erforderlich ist. Im rechten Diagramm sind die Treibhaus-Nettoemissionen pro Jahr bis 2100 dargestellt. Die Zahl rechts oben (3,6 °C) ist der Temperaturanstieg bis 2100. Diesen Anstieg der globalen Temperatur könnten wir erwarten, wenn die Menschheit mehr oder weniger so weitermacht wie bisher.

Im unteren Teil des Fensters finden Sie 18 Schieberegler. Damit können Sie die verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen simulieren. In meinem Fall stellte ich den Schieberegler „Erneuerbare Energien ganz nach rechts.

Der Temperaturanstieg reduzierte sich aber nur um 0,1 Grad von 3,6 auf 3,5 Grad. So wenig! Ich war echt verblüfft.

Ich habe also weiter versucht, die Pariser Klimaziele zu erreichen, also die Temperaturerhöhung weit unter 2 Grad zu bringen. Dazu habe ich den Kohlenstoffpreis sehr hoch angesetzt. Ich bewegte den Schieberegler bei “CO2-Preis” ganz nach rechts.

Die Erwärmung im Jahr 2100 wurde jetzt von +3,5°C auf +2,6°C reduziert. Das war zwar ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung, aber der Temperaturanstieg war immer noch viel zu hoch. Diese Erwärmung könnte zum Beispiel den Untergang des Amazonas-Regenwaldes verursachen.

Die Verteuerung der Energie könnte auch zu sozialen Problemen führen. In der Grafik für „Energiekosten“ kann der Preisanstieg überprüft werden. Der Energiepreis würde sich am Anfang verdoppeln. Das zusätzlich eingenommene Geld könnte wieder an die Bürger verteilt werden oder zur Förderung kohlenstofffreier Technologien genutzt werden.

Ich habe mir jetzt angesehen, welche Gase noch zur Erderwärmung beitragen. In der Grafik „Treibhausgas-Netto-Emissionen nach Gas“ stellte ich fest, dass Methan einen großen Beitrag leistet (blaue Fläche)

Meine Idee war jetzt, die Methanemissionen radikal zu senken. In der Beschreibung der Maßnahme konnte ich lesen, dass ein großer Anteil der Methanemissionen aus der Landwirtschaft stammt. Die Landwirtschaft würde sich in diesem Fall radikal ändern.

Ich bewegte also den Schieberegler bei “Methan & andere” ganz nach links und sah, dass die Erwärmung auf 2,2°C reduziert wird. Leider hatte ich mein Ziel immer noch nicht erreicht.

Ich probierte nun weitere Maßnahmen aus, indem ich die entsprechenden Schieberegler betätigte. Dabei stellte ich fest, dass eine weitere Reduzierung des Temperaturanstieges schwierig zu verwirklichen war. Nur durch die Kombination von verschiedenen Maßnahmen konnte ich am Ende mein Ziel erreichen, die Temperaturerhöhung auf deutlich unter 2 Grad zu senken.

Was mich überraschte, war, dass zum Beispiel der Ausbau der Kernkraft oder die Aufforstung als Einzelmaßnahmen relativ wenig bringen. Auch die E-Mobilität alleine kann den Temperaturanstieg bis Ende des Jahrhundert nicht maßgeblich beeinflussen. Nur die Kombination von verschiedenen Maßnahmen führt am Ende zum Erfolg. Es gibt leider keinen Königsweg im Klimaschutz.

En-ROADS ist ein idealer Ausgangspunkt für Gespräche über den Klimaschutz. Wir könnten zu Beispiel über eine klimagerechte Zukunft reden, die ein gutes Leben für uns alle ermöglichen würde. Wie wollen wir uns ernähren, wie uns fortbewegen? Wie wollen wir als Gemeinschaft in Deutschland und auch als Weltgemeinschaft leben?

En-ROADS ist auch sehr gut geeignet für den Unterricht. Die Wirksamkeiten der verschiedenen Klimaschutzmaßnahmen werden gut veranschaulicht und diverse Rebound-Effekte (Abprall-Effekte) sind gut zu erkennen.

Allgemeine Informationen zu En-ROADS:

Der En-ROADS-Simulator wurde von dem US-Think Tank Climate Interactive zusammen mit der UML Climate Change Initiative, der Sloan Management School des Massachusetts Institute of Technology (MIT) und der Softwarefirma Ventana entwickelt. Der Simulator wird laufend aktualisiert. Das Simulationsmodell wurde bereits bei den verschiedensten Zielgruppen eingesetzt, von Regierungsvertretern über Führungskräfte aus der Wirtschaft bis hin zu Schülern und Studenten.

Weitere Informationen:

Wenn Sie an einem kostenlosen Webinar zur Einführung in den Simulatior interessiert sind, können Sie sich unter der Mailadresse anmelden.

Interaktive Rollenspiele: Den Klimawandel in die Klasse holen

Welche Lösungen sind wirklich wirksam im Kampf gegen den Klimawandel?

Interview mit Florian Kapmeier, Professor für Strategie an der ESB Business School der Hochschule Reutlingen, der seit vielen Jahren mit Climate Interactive zusammenarbeitet.

Die Links wurden am 03-07-2021 abgerufen.

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Verbaute Zukunft? – Positionspapier zum Bodenverbrauch Kärntens

Bodenverbrauch in Kärnten, Blick auf Villach
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Kärnten hat einen enormen Bodenverbrauch – nämlich den mit Abstand größten Pro-Kopf-Bodenverbrauch in Österreich. Er ist doppelt so groß wie der österreichische Durchschnitt und Kärnten alleine verbraucht mehr an Böden als nach Zielwerten in ganz Österreich verbraucht werden dürfte. Doch warum ist das ein Problem? 

Die S4F Regionalgruppe Kärnten hat sich kürzlich näher mit dem Thema beschäftigt und ein Positionspapier entwickelt. Die Autorinnen gehen hier auf den aktuellen Stand des Bodenverbrauchs in Kärnten ein, erklären Probleme und weisen auf einen Handlungsbedarf und Lösungsansätze hin. Das komplette Positionspapier mit Hintergründen, Zahlen und weiteren Infos gibt es hier zum Download:

Hier eine kurze Zusammenfassung:

Warum ist der hohe Bodenverbrauch in Kärnten ein Problem?

Boden ist knapp und bildet eine unserer wichtigsten Lebensgrundlagen: Er liefert Nahrung, bildet Lebensraum für Tiere und Pflanzen, schützt vor Naturgefahren wie Hochwasser, wirkt kühlend auf die Umgebung und speichert CO2. Diese Funktionen gehen uns verloren, wenn der Boden verbaut wird. Er ist kaum wiederherstellbar, sobald er einmal schwer beeinträchtigt wurde. Doch gerade hinsichtlich der fortschreitenden Klimakrise brauchen wir diese Funktionen.

Das macht die Zahlen umso alarmierender: In den letzten zehn Jahren sind täglich durchschnittlich 2,2 Hektar verbaut worden, also mehr als 2 Fußballfelder. Laut Überschlagsrechnung wären bei gleichbleibendem Verbauungstempo in spätestens 170 Jahren alle Anbauflächen in Kärnten zugebaut.

Die Wurzeln des Problems sind an mehreren Stellen zu finden: In Kärnten gibt es z. B. kein Bodenschutzgesetz und keine spezifische Ansprechstelle für solche Belange. Grund dafür sind Einzelinteressen von Gemeinden, Nutzungskonflikte, ein starkes Eigentumsrecht, Böden als beliebte Anlageform (Betongold) und fehlende politische Maßnahmen.

Was muss passieren und was kann ich tun?

Die effektivste Maßnahme sind die Einführung von Grenzwerten gegen den Bodenverbrauch, die Nachnutzung bereits bebauter Flächen und klimafitte Ortschaften. 

Doch auch jede*r Einzelne kann dazu beitragen, dass Flächen effektiver genutzt werden. Wenn der Fleischkonsum beispielsweise reduziert wird, kann viel Fläche eingespart werden, die aktuell für die Viehwirtschaft benötigt wird. Rund um das Eigenheim können Möglichkeiten wie Photovoltaik, mehr Grün und weniger versiegelte Flächen genutzt werden. Im Alltag können durch das Umsteigen vom Auto auf öffentliche Verkehrsmittel oder das Rad Flächen eingespart werden, die aktuell von Autos beschlagnahmt werden. Und zu guter Letzt kann sich jeder politisch engagieren bzw. auf Politiker*innen einwirken, um solche Entwicklungen voranzutreiben.

Hier kannst du erfahren wie du dich bei Scientist4Future einbringen kannst.

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Talks for Future: (Irr-)Wege aus der Klimakrise

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mit

Philipp Steininger – Fridays for Future
Mag. Lukas Hammer – Abgeordneter zum Nationalrat, die Grünen
Univ.-Prof. Dr. Sigrid Stagl – Institute of Ecological Economics, Wirtschaftsuniversität Wien
Dr. René Sedmik – Atominstitut, Technische Universität Wien
Dr. Fabian Schipfer – Energy Economics Group, Technische Universität Wien

Moderation: Philip Pramer – Ressortleiter „Edition Zukunft“, Der Standard
Begrüßung: Markus Palzer-Khomenko MSc.
Technische Abwicklung: Dr. Martin Hoffmann

"(Irr-)Wege aus der Klimakrise" | Talks for Future vom 1.7.2021

Der Hintergrund

Der ursprüngliche Anlass für diese Diskussion war, dass die Wirtschaftskammer Oberösterreich propagiert, Ölheizungen und Verbrennungsmotoren könnten angesichts der Klimakrise doch beibehalten werden, da über kurz oder lang synthetische Brennstoffe die fossilen ersetzen würden. Scientists for Future haben sich intensiv mit dieser Frage auseinandergesetzt und dazu auch eine Stellungnahme veröffentlicht. In dieser Diskussionsrunde sollte die Frage nach den Versprechungen, die uns neue Technologien machen, etwas breiter gefasst werde. Leider hat, wie Markus Palzer von S4F einleitend sagt, die Wirtschaftskammer die Einladung zur Diskussion nicht angenommen.

Wir fassen hier die wichtigsten Aussagen und Diskussionbeiträge zusammen.

Die Eingangsstatements

Lukas Hammer von den Grünen: Die Technologien für die Energiewende sind bereits vorhanden. Wir dürfen nicht auf etwas hoffen, dass es noch nicht gibt. Er spricht sich für echte Technologieoffenheit aus und nennt als Beispiel, dass Wasserstoff als Antrieb für Autos nicht sinnvoll sei, aber sehr wohl beim Einsatz in der Stahlproduktion.

Stefan Gara von den Neos ist Physiker und hat sich schon immer mit Photovoltaik auseinandergesetzt: Die vorhandenen Technologien sind jetzt schon wirtschaftlich und es braucht eine intelligente Vernetzung der Energiesystem. Die Diskussion darüber, wann wir Klimaneutralität erreichen wollen, ist schon obsolet. Wir brauchen einen klaren Ausstiegspfad, und das muss sich im Budget widerspiegeln. Allein in Wien müssen in den nächsten 20 Jahren 24.000 Gasheizungen getauscht werden.

Sigrid Stagl, Ökonomin an der Wirtschaftsuniversität Wien: Die Veränderung der Wirtschaft erfordert eine interdisziplinäre Herangehensweise. Die ökologische Ökonomie fragt: Was sind eigentlich die Ziele des Wirtschaftens? Die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts? Die Erhaltung der Arbeitsplätze? Oder das Wohlbefinden der Bevölkerung und die Beseitigung von sozialer Ungleichheit? Die Ziele der Wirtschaft müssen nicht nur eine, sondern mehrere Dimensionen haben.

René Sedmik ist Physiker und befasst sich beruflich am Atominstitut mit Theorien zu dunkler Materie und dunkler Energie. Für S4F beschäftigt er sich auch mit den aktuellen Energiesystemen: Zur Bewältigung der Klimakrise brauchen wir einen klaren Plan. Zwar werden wir in Zukunft auch CO2 aus der Atmosphäre zurückholen müssen, doch müssen wir jetzt vor allem mit der CO2-Vermeidung beginnen, denn dies ist der schnellere und einfachere Weg. Allerdings ist das Hintergrundwissen dazu in der Bevölkerung immer noch nicht weit verbreitet. Viele denken, ihr eigener Einfluss wäre unwirksam. Doch jede und jeder Einzelne kann wirksam beitragen, zum Beispiel beim Thema Heizen. Allein eine gute thermische Isolation könnte 70% Heizkosten und damit auch CO2 einsparen.

Fabian Schipfer von S4F forscht beruflich an Energiesystemmodellen. Bei S4F leitet er die Arbeitsgruppe Faktencheck: Wir haben noch einigen Raum für Innovationen, und zwar nicht nur technische, sondern auch organisatorische und soziale Innovationen. Die Gesellschaft muss an den Entscheidungen Anteil haben, und besonders dezentrale Lösungen haben da große Möglichkeiten.

Philipp Steininger von Fridays for Future: Wir müssen vom Wissen zum Handeln kommen. Der Bau des Lobautunnels steht im Widerspruch zum Anspruch der Stadt Wien, Klimamusterstadt zu sein.

Die Problemstellungen

Lukas Hammer knüpft an: Die Verkehrsministerin hat angekündigt, dass sie das Bauprogramm der ASFINAG evaluieren wird. Sofort kommt der Aufschrei: Die Zukunft einer ganzen Region sei in Gefahr. Wenn es konkret wird, fallen viele in die alten Denkmuster zurück.

René Sedmik erklärt, was synthetische Treibstoffe sind und wie sie hergestellt werden. Das Verfahren ist eigentlich schon alt. Doch um CO2-neutrale synthetische Treibstoffe herzustellen, braucht man Strom aus erneuerbaren Energiequellen. Dabei verliert man aber 60 Prozent der Energie durch Umwandlungsverluste. Um Verkehr und Heizung auf synthetische Treibstoffe umzustellen, bräuchten wir zwanzig Mal so viel erneuerbare Stromproduktion, wie aktuell geplant ist.

Philip Pramer vom Standard: Warum wird das so vorangetrieben?

Stefan Gara: Durch diese Lobbyarbeit will man möglichst die bestehenden Strukturen erhalten. Man kennt das Geschäftsmodell, und fürchtet neue Geschäftsmodelle.

Fabian Schipfer: Auch wenn wir jetzt schon eine Pilotanlage haben, müssen wir uns Fragen: Wie lange dauert es, bis wir genügend Anlagen haben? Dieser Treibstoff wird sehr teuer sein.

Einige Lösungsideen

Lukas Hammer: Das Ziel sollte sein, unsere Energie selbst zu produzieren. Wir müssen dafür sorgen, dass klimafreundliches Verhalten belohnt wird. Alternativen bieten, Förderungen bieten. Und wir brauchen die ökosoziale Steuerreform, um Umweltfolgekosten einzupreisen.

Sigrid Stagl: Die klassische Ökonomie erwartet, dass die Individuen sich nachhaltig verhalten. Aber wenn die Strukturen so sind, dass nachhaltiges Verhalten teurer und mühsamer ist, kann man sich nur wundern, dass so viele sich bemühen, nachhaltig zu handeln. Märkte sind Regelwerke. Und Regeln sind menschengemacht und können geändert werden. Aktuell stammen viele unserer Regelwerke von alten Problemstellungen, entsprechen aber nicht mehr den aktuellen Problemen.

Fabian Schipfer: Wir brauchen die Steuerung durch den Markt, aber auch durch Regulierung. Die Bevölkerung braucht Möglichkeiten, sich ein besseres Leben zu schaffen.

Sigrid Stagl: Wir müssen zwischen verschiedenen wirtschaftlichen Interessen unterscheiden: Welche Teile der Wirtschaft werden hier von wem geschützt? Auf die Frage, wie hoch der CO2-Preis sein soll, meint sie: Ab 100 € pro Tonne beginnen wir zu diskutieren. Aber Untersuchungen sagen, dass die wahren Kosten bis zu 600 € pro Tonne betragen. Es geht darum, den Preis so hochzutreiben, dass die Reduktion stattfindet. Aber je mehr Reduktion durch Regulierung erreicht wird, umso weniger muss der CO2-Preis erhöht werden.

Philipp Steininger: Fridays for Future fordert, dass bis 2030 500 Mio t CO2 eingespart werden. Fossile Subventionen müssen schnellstmöglich abgeschafft werden. Die Einnahmen durch eine CO2-Steuer sollen auch für klimagünstige Förderungen verwendet werden.

René Sedmik: Wir können diese Ausgaben als Investitionen ansehen – Investitionen gegen wachsende Klimafolgekosten: Für 2050 rechnet man mit 8 Mrd. € Klimafolgenkosten für Österreich. Dabei werden Kosten durch einen höheren Bedarf im Gesundheitssektor, aber auch durch stärkere und häufigere Naturkatastrophen und Ernteausfälle verursacht. Auch hierbei leidet die Wirtschaft. Wenn wir jetzt investieren, können wir viel davon vermeiden.

Ein Vorbild sein

Stefan Gara: Wir müssen in kleinen Strukturen denken, die auch viel versorgungssicherer sind. Mit innovativen Konzepten und Beispielen kann Österreich ein Vorbild für andere Regionen sein und zeigen, dass es geht.

Fabian Schipfer: Wir dürfen die Verantwortung nicht auf andere abwälzen.

Philpp Steininger: Österreich kann Vorreiterin sein. Wenn wir es nicht schaffen, wer soll es dann schaffen?

Lukas Hammer und Stefan Gara: Es braucht auch den Druck von der Straße, von der Zivilgesellschaft.

Sigrid Stagl: Konflikte müssen angesprochen werden. Es ist wichtig, den Blick für Scheinlösungen zu schärfen. Was ist wirklich transformativ?

Schlußworte

René Sedmik spricht den anwesenden Politikern Lob aus. Wir sollen erwachsener reagieren, das heißt mehr auf die Fakten reagieren als auf unsere persönlichen Befindlichkeiten.

Stellen wir uns die Frage: Was bedeutet Wohlstand? Konsummaximierung kann nicht das Lebensziel sein. Wohlstand bedeutet, dass wir rausgehen können und eine gesunde Umwelt vorfinden. Eine Welt, die jedem eine Lebensgrundlage bietet, vorallem auch für kommende Generationen.

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Österreich und die Pariser Klimaziele
Warum stößt Österreich noch immer so viel CO2 aus wie 1990?
von Martin Auer

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Eigentlich hat sich Österreich verpflichtet, seinen Treibhausgas-Ausstoß bis 2030 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu senken. Doch der CO2-Ausstoß in Österreich war im Jahr 20181 genau so hoch wie im Jahr 1990. Das zeigt die orange Linie in der folgenden Grafik. Die Emissionen hatten zwar ihren Höchststand im Jahr 2005, doch seit 2009 stagnieren sie auf dem Niveau von 1990. Kann uns diese Grafik etwas über die Ursachen sagen?

Alle Linien in dieser Grafik zeigen Prozentwerte an. 1990 ist jeweils der Ausgangspunkt mit 100%.

CO2-Ausstoß pro Kopf vs Bevölkerungswachstum

Sehen wir uns zunächst die blaue Linie an: sie zeigt, dass der CO2-Ausstoß pro Kopf der Bevölkerung seit 1990 um 12,6% gesunken ist. Das ist eine gute Entwicklung. Nur hat eben die Bevölkerung des Landes zugenommen, von 7,6 Millionen auf 8,8 Millionen2. Für die Entwicklung des Klimas ist aber nicht der Pro-Kopf-Ausstoß entscheidend, sondern der gesamte Ausstoß an Treibhausgasen. Daher reicht dieser Fortschritt nicht. Wir müssen uns fragen, wie wir den Ausstoß pro Kopf der Bevölkerung noch viel stärker reduzieren können.

CO2-Ausstoß pro Kilowattstunde vs Energieverbrauch

Viel stärker sinkt die grüne Linie. Sie zeigt den CO2-Ausstoß pro verbrauchter Energie-Einheit (z. B. pro Kilowattstunde) an. Der beträgt 2018 nur mehr 75 Prozent von 1990, also um ein Viertel weniger. Das deutet auf einen höheren Anteil an sauberen erneuerbaren Energiequellen und einen geringeren Anteil an fossilen Energieträgern. Auch ein Umstieg zu fossilen Energieträgern mit etwas besserer CO2-Bilanz kann dazu beigetragen haben, wenn zum Beispiel Gasheizungen statt Ölheizungen installiert wurden. Das ist wirklich ein großer Fortschritt. Trotzdem ist der CO2-Ausstoß nicht gesunken. Warum? Natürlich weil wir insgesamt mehr Energie verbrauchen als 1990, nämlich 401 Mrd Kilowattstunden statt 332 Mrd – also um 21 Prozent mehr3. Damit haben wir den Fortschritt im Energiemix wieder zunichte gemacht. Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass wir nicht nur unseren Energiemix verbessern müssen, sondern auch unseren gesamten Energieverbrauch senken müssen. Denn tatsächlich ist auch der Energieverbrauch pro Kopf der Bevölkerung gestiegen.

CO2-Ausstoß pro erwirtschaftetem Euro vs Bruttoinlandsprodukt

Den steilsten Abfall zeigt die rote Kurve. Sie zeigt den CO2-Ausstoß im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung an, zum sogenannten Bruttoinlandsprodukt (BIP). Der CO2-Ausstoß pro erwirtschaftetem Euro beträgt nur mehr 58,7 Prozent von dem von 1990. Wir sehen hier also eine relative Entkoppelung des CO2-Ausstoßes von der Wirtschaftsleistung. Wenn man Wege sucht, um den CO2-Ausstoß weiter zu senken, sollte man natürlich untersuchen, wie diese Entkoppelung zustande kommt: durch technische Fortschritte bei der Produktion von Gütern, bei Verkehr und Transport, oder durch eine Verlagerung der Wirtschaft von der Produktion zum sogenannten Dienstleistungssektor oder dadurch, dass die Güterproduktion in andere Länder ausgelagert wurde und der CO2-Ausstoß dort passiert statt hier. Viele Faktoren können hier eine Rolle spielen, und sie alle sind es wert, untersucht zu werden.

Doch warum ist trotz dieser starken Entkoppelung der gesamte CO2-Ausstoß nicht gesunken? Weil das Bruttoinlandsprodukt von 1990 bis 2018 um 173 Prozent gestiegen ist, also auf mehr als das Zweieinhalbfache4! Damit wurde auch dieser Fortschritt wieder zunichte gemacht.

Ist „grünes Wachstum“ möglich?

Und da stellt sich natürlich die Frage, ob eine absolute Entkoppelung des CO2-Ausstoßes vom Wirtschaftswachstum möglich ist. Können wir weiter auf Wirtschaftswachstum setzen und gleichzeitig das Klima schützen? Ist grünes Wachstum möglich? Auf diese Frage gibt es von verschiedenen Seiten unterschiedliche Antworten. Und jede Antwort wirft weitere Fragen auf: Können wir auf Wirtschaftswachstum verzichten, ohne auf Wohlstand zu verzichten? Ist menschlicher und gesellschaftlicher Fortschritt möglich ohne wirtschaftlichen Fortschritt? Können wir ohne Wirtschaftswachstum die Armut bekämpfen?

Mit diesen Fragen wollen wir uns in diesem Blog weiter beschäftigen, auch, weil im November der nächste „Klimagipfel“ – die COP26 bevorsteht.

PS.: Nach Sektoren aufgeschlüsselt ist es der Verkehr, der die CO2-Bilanz am meisten verschlechtert: Während in den Bereichen Abfallwirtschaft, Landwirtschaft, Gebäude, Energie und Industrie die Emissionen im Vergleich zu 1990 gesunken sind, sind sie im Sektor Verkehr um 10,2 Mio Tonnen CO2-Äquivalent gestiegen. Verkehr verursacht 30 Prozent aller Emissionen in Österreich 5.

Grafik: Climate Change Performance Index (vom Eigentümer freigegeben)


1 Aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor.

2 Quelle: Eurostat.

3 Quelle: Statista, umgerechnet.

4 Quelle: Weltbank.

5 Quelle: Umweltbundesamt

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(Irr-)Wege aus der Klimakrise

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Online-Podiumsdiskussion 1. Juli 2021 – 18:00

Welche Chancen bieten uns Technologien im Kampf gegen die Klima-krise und welche Gefahren gehen von falschen Erwartungen aus?

Moderation: Philip Pramer (Der Standard)

Es diskutieren:
Lukas Hammer (NR-Grüne, Umweltsprecher)
Stefan Gara (Landtag-Wien, Neos, Klimasprecher)
Sigrid Stagl (Wirtschaftsuniversität-Wien, Ökonomin mit Nachhaltigkeits-Schwerpunkt)
René Sedmik (S4F. Physiker am Atominstitut Wien )
Fabian Schipfer (S4F, Technologieforscher TU-Wien, S4F)
Philipp Steininger Fridays for Future

Der Kampf gegen die Klimakrise erreicht mehr und mehr unseren Alltag. Aber wie sollen wir handeln? Was ist richtig, was ist falsch? Und welchen Versprechungen können wir glauben? Können wir guten Gewissens unsere Ölheizung und unseren Benziner behalten, wenn wir auf synthetische Treibstoffe setzen? Können wir uns guten Gewissens in ein Flugzeug setzen, wenn dafür andernorts aufgeforstet wird? Müssen wir aufhören, Fleisch zu essen? Darüber sprechen wir in einer spannenden Runde aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft.

Die Aufzeichnung der Diskussion ist hier

Titelbild: Erster Flug mit Biokraftstoff, Spanien 2011. Quelle: Wikimedia Commons, Curimedia, CC BY

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Klimaschutz und Artenschutz brauchen einander
Erster gemeinsamer Bericht von IPCC und IPBES

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Quelle: IPBES: Launch of IPBES-IPCC Co-Sponsored Workshop Report on Biodiversity and Climate Change

Am 10. Juni 2021 veröffentlichten die zwei großen zwischenstaatlichen Gremien für Klimaschutz und Artenschutz einen gemeinsamen Bericht, nämlich das IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) und IPBES (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services). Es handelt sich um die erste Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftler*innen der beiden Gremien.

Im Dezember 2020 kamen 50 weltweit führende Expert*innen für Klima und Biodiversität zu einem Workshop zusammen, um einen großen Mangel zu beheben: Bisher wurden Maßnahmen für Klimaschutz und Schutz der Biodiversität großteils unabhängig voneinander geplant und durchgeführt. Doch beide Aufgaben im Zusammenhang anzugehen ergibt Synergien, die helfen können, sowohl den Klimawandel als auch den Artenverlust einzudämmen.

Prof. Hans-Otto Pörtner, Co-Vorsitzender des wissenschaftlichen Steuerungskomitees, erklärte, dass der menschengemachte Klimawandel zunehmend die Natur und ihre Leistungen für die Menschen bedroht. Je wärmer die Welt wird, umso weniger Nahrung, Trinkwasser und andere wichtige Beiträge könne die Natur uns geben. Andererseits würden Veränderungen der Biodiversität das Klima beeinflussen, nämlich durch ihren Einfluss auf die Stickstoff-, Kohlenstoff- und Wasserkreisläufe. Einen Ausgleich zwischen Klimaschutz und Erhalt der Biodiversität zu schaffen, würde einen grundlegenden Wandel unserer persönlichen und kollektiven Werte erfordern: Weg von einer Auffassung von wirtschaftlichem Fortschritt, die sich nur am Wachstum des Bruttinlandsprodukts misst, hin zu einer Auffassung von Fortschritt, die auf einem Ausgleich zwischen menschlicher Entwicklung und vielfältigen Werten der Natur beruht, für eine gute Lebensqualität ohne die biophyischen und sozialen Schranken zu übrschreiten.

Maßnahmen, die einander ergänzen

Kelp-Wald. NOAA’s National Ocean ServiceCC BY

Die Autor*innen warnen, dass enggefasste Maßnahmen zum Klimaschutz direkt und indirekt die Natur schädigen können, und umgekehrt, doch dass es viele Maßnahmen gibt, die sich auf beiden Gebieten positiv auswirken:

  • Verlust und Verfall von kohlenstoffreichen und artenreichen Ökosystemen an Land und im Meer stoppen. Dazu gehören Wälder, Feuchtgebiete, Moore, Grasland und Savannen; küstennahe Ökosysteme wie Mangroven, Salzmarschen, Kelpalgen-Wälder und Seegraswiesen; und auch Kohlenstoffspeicher in der Tiefsee und n den Polen. Allein durch das Beenden von Entwaldung und Walddegradation könnten 0,4 bis 5,8 Gigatonnen CO2-Äquivalent jährlich eingespart werden (das wäre bis zu einem Zehntel des derzeitigen Ausstoßes).
  • Wiederherstellung von kohlenstoffreichen und artenreichen Ökosystemen. Die Autor*innen betonen, dass dies eine der billigsten naturbasierten Maßnahmen zur Eindämmung des Klimawandels sei. Es würde Lebensraum für Pflanzen und Tiere schaffen und sich günstig auf Regulierung von Überflutungen, Küstenschutz, Wasserqualität auswirken, Bodenerosion verringern und das Überleben von Bestäubern sichern. Auch könnten so Jobs und Einkommen für indigene und lokale Bevölkerungen geschaffen werden.
  • Nachhaltige landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Maßnahmen fördern. Dazu gehört, wieder mehr unterschiedliche Nutzpflanzen und Baumarten anzubauen. Durch verbesserte Bodenkonservierung und verringerten Düngereinsatz können jährlich 3 bis 6 Gigatonnen CO2-Äquivalent jährlich eingespart werden.
  • Naturschutzgebiete ausweiten. Derzeit stehen 15 Prozent der Landflächen und 7,5 Prozent der Ozeane unter Schutz. Dieser Schutz soll auf 30 bis 50 Prozent aller Land- und Meeresflächen ausgedehnt werden.
  • Subventionen für schädliche Aktivitäten beenden, also alles, was Entwaldung, Überdüngung, Überfischung und so weiter fördert. Das würde sowohl helfen, den Klimawandel zu mildern, als auch die unvermeidliche Anpassung an den Klimawandel erleichtern. Dazu gehört weiter auch die Änderung individuellen Konsumverhaltens, die Verminderung von Verschwendung und Abfall, und eine Hinwendung zu einer stärker pflanzlichen Ernährung.

Einseitige Maßnahmen, die schaden

„Monokultur“von NatuerlichGut auf Pixabay 

Einige Maßnahmen, die zu eng auf Eindämmung des Klimawandels und Anpassung fokussieren, schaden nach Meinung der Wissenschaftler*innen der Biodiversität und den Diensten, die die Natur den Menschen bietet:

  • Großflächiger Anbau von Bioenergie-Monokulturen. Solche Nutzpflanzen schaden dem Ökosystem, wenn sie große Flächen beherrschen. Im kleinen Maßstab angewandt kann der Anbau von Bioenergiepflanzen Vorteile für Klimaschutz und Artenerhalt bieten.
  • Bäume anpflanzen in Ökosystemen, die historisch keine Wälder waren und Aufforstung mit Monokulturen, insbesondere exotischen Arten. Das kann zwar zur Milderung des Klimawandels beitragen, ist aber schädlich für die Artenvielfalt, Nahrungsmittelproduktion, hat auch keine erkennbaren Vorteile für die Anpassung an den Klimawandel und kann lokale Bevölkerungen vom Land verdrängen.
  • Bewässerungskapazitäten erhöhen. Dies wird oft als Antwort auf die Bedrohungen durch Dürre gesehen, doch kann es zu Konflikten um Wasser und Dammbauten führen und zu dauernder Schädigung des Bodens durch Versalzung.
  • Alle Maßnahmen, die zu eng auf die Eindämmung des Klimawandels fokussieren, sollen im Hinblick auf ihren Gesamtnutzen und mögliche Risiken evaluiert werden. Zum Beispiel kann der Einsatz erneuerbarer Energien dazu führen, dass anderswo der Bergbau große Landflächen zerstört. Auch manche technische Maßnahmen wie Dammbauten oder Flutschutzmauern können sich negativ auswirken, indem sie die Wanderrouten mancher Spezies unterbrechen oder Lebensräume zerschneiden. Solche negative Wirkungen lassen sich minimieren durch die Entwicklung alternativer Batterien, die Produktion langlebiger Produkte, effiziente Recycling-Systeme für mineralische Ressourcen und Bergbaumethoden, die Nachhaltigkeit in Bezug auf Umwelt und Gesellschaft berücksichtigen.

Die Natur kann nicht alles tun

Die Autor*innen betonen, dass die Natur uns effektive Möglichkeiten bietet, den Klimawandel einzudämmen, doch dass diese nur dann wirksam werden können, wenn sie auf einer ambitionierten Verringerung aller von Menschen verursachten Treibhausgas-Emissionen fußen.

„Land und Meer tun schon sehr viel – sie nehmen 50 Prozent des von Menschen verursachten CO2 auf – aber die Natur kann nicht alles tun“, sagte Ana María Hernández Salgar, Vorsitzende des IPBES.

Gesichtet: F. F.

Titelfoto: Gerhard Mauracher: Enger Moor, Salzburg. Quelle: Wikimedia Commons, CC BY-SA

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CO2 einfangen und verwerten – Was ist möglich?

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Quelle: Lehner, Markus (2021): Carbon Capture and Utilization (CCU). CCCA Factsheet #32. Online zugänglich unter https://ccca.ac.at/fileadmin/00_DokumenteHauptmenue/02_Klimawissen/FactSheets/32_carbon_capture_and_utilization_20210426.pdf

Wie können wir verhindern, dass immer mehr CO2 in der Atmosphäre abgeladen wird? Einerseits, indem wir Energie nicht mehr aus fossilen Brennstoffen gewinnen, sondern aus erneuerbaren Quellen. Andererseits aber auch dadurch, dass wir verhindern, dass das CO2, das bei industriellen Prozessen entsteht, in die Atmosphäre gelangt. Gearbeitet wird an zwei Gruppen von Technologien. Bei der einen geht es darum, Kohlenstoff langfristig zu speichern: Carbon Capture and Sequestration (CCS). Bei der zweiten Gruppe geht es darum, CO2 zu nutzen, um daraus kohlenstoffhaltige Produkte zur Weiterverarbeitung zu gewinnen: Carbon Capture and Utilization (CCU). Zur zweiten Gruppe von technischen Möglichkeiten hat das Climate Change Center Austria (CCCA) kürzlich sein 32. Factsheet herausgebracht.1

Einfangen oder zurückholen?

In erster Linie geht es bei CCU darum, CO2 einzufangen, bevor es in die Atmosphäre gelangt. Dafür kommen vor allem die Abgase aus der Zement- und Stahlproduktion in Frage. Es werden aber auch Methoden entwickelt, um CO2 direkt aus der Luft zu gewinnen (Direct Air Capture). Grundsätzlich wird sehr viel Energie benötigt, um CO2 zu gewinnen, und zwar umso mehr Energie, je geringer die Konzentration von CO2 ist. Daher ist CCU nur sinnvoll, wenn bei einem Prozess nicht mehr CO2 freigesetzt als gewonnen wird. Die gesamte CO2-Bilanz eines solchen Prozesses muss beachtet werden. Im Wesentlichen heißt das, dass der Prozess sinnvoll nur mit „sauberer“ Energie betrieben werden kann.

Für die CO2-Gewinnung aus Punktquellen (also direkt ab Schlot, sozusagen), sind Technologien schon bis zur industriellen Reife entwickelt. Herstellen könnte man im Prinzip alle Produkte, die Kohlenstoff enthalten. Interessant wäre zum Beispiel die Produktion von Harnstoff für Stickstoffdünger oder Kunstharze, oder von Polyol, dessen Endprodukt Polyurethan aus dem Baumarkt als PU-Schaum bekannt ist. Auch Methanol könnte man so gewinnen, das Ausgangsbasis für viele verschiedene chemische Produkte ist. Synthetischer Diesel und synthetisches Kerosin könnten ebenfalls erzeugt werden.

Geforscht wird auch daran, mineralische Rohstoffe durch Reaktion mit CO2 in Karbonate umzuwandeln, die dann zum Beispiel als Baustoff-Zuschläge verwendet werden könnten. Hier werden auch Möglichkeiten zur langfristigen Speicherung von Kohlenstoff untersucht.

Wie groß wäre der Nutzen von CCU?

Wie viel CO2 könnte auf diese Weise nun eingespart oder gar zurückgeholt werden? Hier gehen die Schätzungen sehr weit auseinander: Sie reichen von mehreren 100 Millionen Tonnen CO2 im Jahr bis zu 10 bis 15 Gigatonnen im Jahr 2050. Da der von Menschen verursachte CO2-Ausstoß 35 Gigatonnen (nach anderen Schätzung 40 Gigatonnen) pro Jahr beträgt, könnte das je nachdem einen Tropfen auf den heißen Stein bedeuten oder einen bedeutenden Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels. Grund für diese unterschiedlichen Einschätzungen ist, dass viele dieser Verfahren sich noch in der Entwicklung befinden, und dass ihre Wirtschaftlichkeit noch nicht absehbar ist. Je nach Produkt dürften sie die Kosten 50 € bis 1000 € pro Tonne genutztem CO2 nicht überschreiten, damit der Prozess gewinnbringend eingesetzt werden kann.

Derzeit steht für die industrielle Anwendung der Prozesse auch nicht genügend Strom aus erneuerbaren Quellen zur Verfügung. Und diese Prozesse brauchen, wie schon anfangs erwähnt, sehr viel Energie. Außerdem ist für die Klimawirksamkeit entscheidend, wie lange der Kohlenstoff in den Produkten gebunden bleibt: Bei Treibstoffen wird das CO2 schon nach Tagen oder Wochen wieder freigesetzt, bei Baustoffen kann das erst nach Jahrzehnten sein.

Es ist also noch nicht wirklich abzuschätzen, welche Bedeutung CCU bei der Eindämmung des Klimawandels wirklich haben kann. Doch in einigen Bereichen ist es dringend nötig, die Technologie voranzutreiben: Bei der Zementproduktion fallen fast 8 Prozent aller CO2-Emissionen an. Dieses CO2 muss möglichst schnell eingefangen werden. Grünes Kerosin aus einem CCU-Prozess wäre ebenfalls eine Möglichkeit, die Emissionen im Luftverkehr relativ schnell zu reduzieren.

Das Factsheet ist online frei zugänglich.

Gesichtet: A: B.

Titelbild: Richard Hurd: Exxon oil refinery near Chicago (edited). CC BY-SA 2.0


1 In einem weiteren Sinn könnte man unter CCU zum Beispiel auch Aufforstung und die Nutzung des Holzes als Baustoff oder Rohstoff für Treibstoff oder chemische Produkte verstehen. Das Factsheet bezieht sich aber auf CCU im engeren Sinn.

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