Niemand soll immer mehr haben wollen müssen!
Suffizienz als Nachhaltigkeitsstrategie
von Martin Auer

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Lesedauer 7 Minuten.   

Unsere westliche Gesellschaft wird als „Konsumgesellschaft“ bezeichnet, auch als „Wachstumsgesellschaft“. Auf einem endlichen Planeten ist aber unendliches Wachstum nicht möglich, und auch nicht unendlich steigender Konsum, selbst wenn die konsumierten Güter immer effizienter hergestellt werden. Eine nachhaltige Entwicklung ohne Suffizienz – auf Deutsch: „Genügsamkeit“ – wird es nicht geben. Doch was genau ist das? Askese? Verzicht auf Wohlstand? Oder eine andere Art von Wohlstand?

„Suffizienz bedeutet, wenige Dinge intensiv zu genießen, statt sich mit so vielen Dingen zu umgeben, dass kein Genuss mehr möglich ist.“, schreibt der Ökonom Niko Paech1. Wörtlich bedeutet es: ausreichend versorgt sein, genug haben. Worum es dabei geht, ist, die vorhandenen Ressourcen so zu nutzen, dass sie sich wieder regenerieren können. Logisch ist leicht einzusehen, dass es gar nicht anders geht.

Dennoch steigern wir im Westen unseren Konsum von Jahr zu Jahr, und das meiste von dem, was uns die Technologie durch höhere Effizienz an Ressourcen einspart, wird von diesem steigenden Konsum wieder aufgefressen.

Ein durchschnittlicher PKW verbrauchte 1995 noch 9,1 Liter Kraftstoff auf 100 km und insgesamt verbrauchten deutsche PKW in diesem Jahr 47 Mrd. Liter. 2019 betrug der Durchschnittsverbrauch 7,7 Liter, doch der Gesamtverbrauch betrug immer noch 47 Mrd. Liter2.

1990 betrug die durchschnittliche Motorleistung von neu zugelassenen PKW in Deutschland 95 PS, 2020 aber 160 PS3.

2001 legten die Deutschen in ihren PKWs 575 Millionen km zurück, 2019 bereits 645 Millionen km. Diese Steigerung geht auf die größere Anzahl von PKW pro 1000 Einwohner:innen zurück4.

Der technische Fortschritt führte also nur dazu, dass Autos leistbarer, schneller und schwerer werden konnten, aber nicht zu einem geringeren Energieverbrauch.

Um die schlimmsten Folgen des Klimawandels zu vermeiden, müssen wir die durchschnittlichen globalen Treibhausgasemissionen von 6,8 Tonnen pro Kopf und Jahr (davon 4,2 Tonnen CO2)5 auf unter eine Tonne6 drücken. Und zwar schnell, nämlich bis zur Mitte des Jahrhunderts. Für Österreich liegt der Ausgangspunkt bei 13,8 Tonnen konsumbasierter Emissionen7. Die sind ungleich verteilt: Die obersten 10 % der Bevölkerung verursachen vier Mal so viele Emissionen wie die untersten 10 Prozent8. Die Aufgabe, die vor uns steht, ist also riesig. Um sie zu bewältigen, brauchen wir den technischen Fortschritt: erneuerbare Energien, Steigerung der Energie- und Ressourceneffizienz auf allen Gebieten. Dazu naturbasierte Lösungen wie die Wiederherstellung von natürlichen Landschaften, die viel mehr CO2 aufnehmen können als reine Baumpflanzungen. Aber das alles wird uns nicht schnell genug ans Ziel bringen, wenn wir nicht die Erzeugung – und damit den Verbrauch – von materiellen Gütern einschränken. Die größten Einsparungsmöglichkeiten gibt es bei Mobilität, Ernährung und Bauen und Wohnen. An der Suffizienz führt kein Weg vorbei. Die Autos auf den Straßen müssen weniger werden. Statt allein in einem 1,5 Tonnen schweren Auto zu sitzen, müssen wir uns einen Bus, eine Straßenbahn, einen Eisenbahnzug mit anderen teilen. Die grausame Massentierhaltung muss verschwinden, und damit auch das Billigfleisch im Supermarkt. Gleichzeitig braucht es massive Umverteilungsmaßnahmen, denn es kann nicht sein, dass die einen Biofleisch schlemmen, während andere sich nicht einmal am Sonntag ihr Schnitzel oder ihre Lammkoteletts leisten können.

Barrieren für Suffizienz

Die Notwendigkeit, nicht mehr zu verbrauchen als was nachwächst, ist leicht zu verstehen, doch diese Einsicht umzusetzen ist schwer. Warum ist das so? Warum ist es so schwer „genug“ zu sagen? Der Soziologe Oliver Stengel nennt fünf Barrieren, die einem suffizienten Verhalten entgegenstehen9:

Weniger Fleisch zu essen, beispielsweise, spart zwar Geld, hat aber andere Kosten: Gewohnheiten zu ändern erfordert Anstrengung. Man muss über seine Handlungen ständig nachdenken. Man muss wieder kochen lernen, man muss seinen Weg durch den Supermarkt ändern oder überhaupt woanders einkaufen, und vieles mehr.

Die zweite Barriere ist kulturell: Gesteigerter Konsum steht für Erfolg, man zeigt, dass man es sich leisten kann. Einschränkung steht für Askese, Rückschritt, Not. Besonders das eigene Haus und das große, schnelle Auto sind Statussymbole. Der Führerschein gehört zur Bildung wie der Schulabschluss, er ist das Symbol für Erwachsensein. Wer ständig geschäftlich herumfliegt, muss wohl eine wichtige Person sein, wer seinen Urlaub statt auf den Malediven im Gänsehäufel verbringt, ist ein armer Schlucker. Aber wenn du wirklich zur Elite gehören willst, musst du nach Bora Bora. Auch beim Essen geht es um Status, aber auch um Geschlechterrollen: Ein richtiger Mann grillt Fleisch im Garten und haut sich zwei Zentimeter dicke Steaks rein.

Die dritte Barriere ist: Wir orientieren uns am Verhalten anderer. Wir tun das, was „normal“ ist. Wir wollen keine Außenseiter sein, nicht als Spinner gelten. Aber die Spinner von gestern werden manchmal zu Vorreitern neuer Trends: Veganer:innen sind immer noch eine verschwindende Minderheit – in Österreich 2% der Erwachsenen. Aber jeder Supermarkt hat heute ein veganes Angebot.

Viertens neigen Menschen dazu, ihre Verantwortung abzugeben: Ich als Einzelner kann nichts tun, das muss „die Politik“ machen. „Die Politik“ wiederum macht die Wählerschaft verantwortlich. Und die Unternehmen machen die Kund:innen verantwortlich: Ihr kauft das, also produzieren wir es.

Konsum erhält das System

Fünftens aber gibt es systemische Gründe für den ständig steigenden Konsum. Unternehmen, die der marktwirtschaftlichen Konkurrenz ausgesetzt sind, müssen ständig die Arbeitsproduktivität erhöhen um nicht überholt zu werden. Daraus resultiert entweder ein Verlust von Arbeitsplätzen bei gleichbleibender Produktion, oder eine gesteigerte Produktion mit derselben Anzahl von Arbeitsplätzen. Und wenn der Markt gesättigt ist, wenn eh schon alle einen Fernseher haben, eine Waschmaschine, ein Handy, dann müssen die Bildschirme immer größer werden, die Waschmaschinen eine Hintertür haben, wo man noch während des Waschgangs Wäsche hineinstopfen kann, die Handys immer mehr Speicherplatz, leistungsfähigere Kameras usw. haben, damit man trotzdem noch etwas verkaufen kann. Das neue Modell lässt das vorhergehende veralten, entwertet es. Das hat denselben Effekt wie die Sollbruchstelle, die idealerweise am Tag nach Ablauf der Garantie das Gerät unbrauchbar macht.

Zu den ökonomischen kommen aber auch noch politische Barrieren. Wenn eine ganze Gesellschaft tatsächlich suffizient leben würde, würde das die „Politik“ vor immense Aufgaben stellen: Wenn der Konsum zurückgeht, bauen die Unternehmen Arbeitsplätze ab, verliert der Staat Steuereinnahmen, gerät das Pensionssystem in Schwierigkeiten und so weiter. Die „Politik“ will solche Schwierigkeiten möglichst vermeiden. Deshalb propagiert sie, je nach ideologischer Einstellung, „Klimaschutz mit Augenmaß“ oder „grünes Wachstum“, anstatt den Umbau des Systems ernsthaft in die Hand zu nehmen.

Das System der Marktwirtschaft und die zugehörige Politik drängen uns den Konsum auf. Von diesem Zwang heißt es sich zu befreien. Daher der Titel dieses Beitrags, der aus einem Aufsatz von Uta von Winterfeld stammt: Niemand soll immer mehr haben wollen müssen. Nach Winterfeld geht es um das Recht auf Suffizienz, nicht um die Pflicht dazu10.

Keine Angst ums Wohlbefinden

Das Ziel von Suffizienz ist nicht, auf Wohlbefinden zu verzichten. Misst man Wohlbefinden an der durchschnittlichen Lebenserwartung und den Konsum an den konsumbasierten Treibhausgas-Emissionen, dann sieht man zum Beispiel: US-Amerikaner:innen verursachen im Durchschnitt pro Person und Jahr 15,5 Tonnen CO2 und werden 76,4 Jahre alt. Die Einwohner:innen von Costa Rica verursachen 2,2 Tonnen CO2 und werden 80,8 Jahre alt11.

Suffizienz zielt darauf ab, Bedürfnisse auf möglichst ressourcensparende Weise zu befriedigen. Bedürfnisse lassen sich auf unterschiedliche Weise befriedigen. Von A nach B kann man auch anders als mit dem Auto kommen. Wer mit dem Fahrrad einkaufen fährt, spart nicht nur das Geld fürs Benzin, sondern auch fürs Fitnesszentrum. Wohlige Wärme kann man erzielen, indem man die Heizung aufdreht oder einen Pullover anzieht oder das Haus thermisch saniert. Wenn man seine Waschmaschine gut behandelt, kann sie 20 Jahre und länger halten. Zumindest können das ältere Modelle. Wenn alle Waschmaschinen doppelt so lange halten wie heute (normalerweise 5 bis 10 Jahre), müssen klarerweise nur halb so viele erzeugt werden. Angeschlagene Möbel lassen sich reparieren oder neu lackieren. Auch die Haltbarkeit von Kleidungsstücken lässt sich durch gute Behandlung verlängern. Richtig waschen, kleinere Schäden ausbessern, langweilig gewordene Stücke mit einer Freundin oder einem Freund tauschen. Und selber nähen verschafft mehr und dauerhaftere Befriedigung als Shoppen. Fast 40 % aller Kleidung wird nie getragen12. Diese Kleidung erst gar nicht zu kaufen verursacht keinerlei Verlust an Komfort.

Das Prinzip lautet: reduzieren (also von vornherein weniger Zeug kaufen, sich bei jedem Kauf fragen: Brauche ich das wirklich?), länger nutzen, reparieren, weiternutzen (z.B. weiterschenken und gebraucht kaufen), und erst ganz am Schluss recyceln. Es heißt aber auch, sich unabhängig zu machen von Moden und Trends. Teilen und gemeinsam nutzen schafft auch neue soziale Kontakte. Und was noch wichtig ist: Geld, das man sich durch einen bescheideneren Alltag erspart, nicht für eine Flugreise ausgeben, mit der man mit einem Schlag seine ganze CO2-Bilanz wieder ruiniert. Rebound effect heißt der Fachausdruck dafür, und einen solchen gilt es zu vermeiden. Wenn man auf Grund eines suffizienten Lebensstils einen Teil seines Einkommens nicht mehr braucht, kann man mit diesem Teil soziale Projekte oder Naturschutzprojekte unterstützen. Oder auch überlegen, Teilzeit zu arbeiten.

Suffizienz organisieren

Alles kann man freilich nicht den Einzelnen aufhalsen. Die Forderung an die Industrie muss sein, haltbare und reparierbare Produkte zu erzeugen, die Praxis des „geplanten Verschleißes“ zu beenden. Von A nach B mit eigener Kraft zu kommen ist leichter, wenn A und B näher zusammenrücken, also vor allem Wohnung, Arbeit und Versorgung. Da ist die Stadtplanung gefordert. Auch müssen Fußgänger:innen und Radfahrer:innen sich sicher fühlen können. Gemeinsam nutzen und teilen wird erleichtert, wenn die Wohnsituation dem gerecht wird durch Gemeinschaftsräume, Gemeinschaftsküchen, Do-it-yourself-Räume, Waschküchen usw.

Wenn allgemein jede Steigerung der Produktivität durch eine entsprechende Verkürzung der Arbeitszeit ausgeglichen würde, würde der Ausstoß an Gütern stabil bleiben. Die durchschnittliche jährliche geleistete Arbeitszeit ist im Euroraum seit 1995 um 6 % gesunken, die Produktivität aber um 25 % gestiegen13. Um den Lebensstandard von 1995 zu halten, könnten wir heute um 20 % weniger arbeiten als damals. Dies nur zur Veranschaulichung, denn tatsächlich müsste die Arbeit auch umstrukturiert werden, von der materiellen Produktion (und deren Verwaltung) hin zu Bildung, Wissenschaft, Gesundheit, Pflege, Kultur. Und es müssten auch die Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten gerechter verteilt werden. Arbeit einzusparen soll nicht dazu führen, dass einige Menschen weiter arbeiten wie bisher, während andere ohne Arbeit und ohne Einkommen bleiben.

Wirtschaft im Dienst von Mensch und Natur

Solange Gewinnmaximierung der Motor der Wirtschaft ist, kann Suffizienz im gesellschaftlichen Ausmaß nicht erreicht werden. Aber nicht jedes Unternehmen muss Gewinn machen. Die „Social Economy“ versteht sich als Wirtschaft im Dienst der Menschen und der Natur. Dazu zählen etwa das gemeinnützige bzw. genossenschaftliche Wohnen, erneuerbare Energiegemeinschaften, Handwerks- und Industrieunternehmen in Belegschaftshand, der genossenschaftliche Einzelhandel, Kredit-, Plattform- und Vermarktungsgenossenschaften, Initiativen solidarischer Landwirtschaft, NGOs im Bereich nachhaltiger Entwicklung und viele mehr14. Laut EU-Kommission gibt es in Europa rund 2,8 Millionen Organisationen der Social Economy. Sie schaffen mehr als 13 Millionen Arbeitsplätze und beschäftigen damit 6,3 % der Europäischen Erwerbsbevölkerung15. Weil solche Unternehmen nicht gewinnorientiert sind, unterliegen sie auch nicht dem Wachstumszwang. Eine Voraussetzung für Suffizienz, für die Möglichkeit zu sagen: „Es ist genug“, ist, dass demokratisch ausgehandelt wird, was, wie viel und wie produziert wird. Die Social Economy bietet diese Möglichkeit, wenn auch erst in bescheidenem Rahmen. Diesen nicht gewinnorientierten Zweig der Wirtschaft zu fördern und auszuweiten ist – neben dem Ausbau des Sozialstaats – eine der wesentlichen Voraussetzungen für die sozial-ökologische Transformation. Demokratisches Wirtschaften ist noch keine Garantie für nachhaltiges Wirtschaften. Es schafft erst die Möglichkeit, dass sich Vernunft und der Sinn für das „rechte Maß“ durchsetzen.


1Paech, Niko (2013): Lob der Reduktion. In: Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz, o.O.. oekom verlag.

2https://www.umweltbundesamt.de/daten/verkehr/endenergieverbrauch-energieeffizienz-des-verkehrs

3A. Ajanovic, L. Schipper, R. Haas (2012): The impact of more efficient but larger new passenger cars on energy consumption in EU-15 countries https://doi.org/10.1016/j.energy.2012.05.039 und .https://de.statista.com/statistik/daten/studie/249880/umfrage/ps-zahl-verkaufter-neuwagen-in-deutschland/

4https://www.forschungsinformationssystem.de/servlet/is/80865/

5https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_greenhouse_gas_emissions und https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_carbon_dioxide_emissions_per_capita

6https://www.umweltbundesamt.de/service/uba-fragen/wie-hoch-sind-die-treibhausgasemissionen-pro-person

7https://www.technik.steiermark.at/cms/dokumente/12449173_128523298/4eaf6f42/THG-Budget_Stmk_WegenerCenter_update.pdf

8https://greenpeace.at/uploads/2023/08/gp_reportklimaungerechtigkeitat.pdf

9Stengel, Oliver (2013): Steter Tropfen. Wider die Barrieren der Suffizienz, In: Suffizienz als Schlüssel zu mehr Lebensglück und Umweltschutz, o.O.. oekom verlag.

10Von Winterfeld, Uta (2007): Keine Nachhaltigkeit ohne Suffizienz. vorgänge Heft 3/2007, S. 46-54

11https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_carbon_dioxide_emissions_per_capita und https://en.wikipedia.org/wiki/List_of_countries_by_life_expectancy

12Greenpeace (2015): Wegwerfware Kleidung. https://www.greenpeace.de/publikationen/20151123_greenpeace_modekonsum_flyer.pdf

13https://www.bankaustria.at/files/analyse_arbeitszeit_19062023.pdf

14Social Economy Deklaration; https://static.uni-graz.at/fileadmin/_files/_event_sites/_se-conference/Social_Economy_Deklaration_20092023_web.pdf

15EU-Commission (2022): Factsheet Social Economy Action Plan, https://ec.europa.eu/social/BlobServlet?docId=24985&langId=en



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Die vielfältige Welt der Commons – von Wikipedia bis zum selbstverwalteten Park
von Martin Auer

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Lesedauer 4 Minuten.   

Die Ökonomin Elinor Ostrom hat gezeigt, dass selbstorganisierte Gruppen sehr wohl imstand sind, gemeinschaftliche Güter nachhaltig zu bewirtschaften – entgegen der pessimistischen Theorie von der „Tragödie der Commons“. Aber geht es hier nur um traditionelle Dorfgemeinschaften?

Die Welt der Commons ist reich und vielfältig, aber es ist oft unsere Erziehung, die uns den Blick dafür verstellt. Wir werden nämlich nicht als Egoisten geboren. Es sind die Verhältnisse, die wir als selbstverständlich erachten, die aus ursprünglich kooperationsbereiten sozialen Wesen den „homo oeconomicus“, den „rationalen Nutzenmaximierer“ machen. In einem Experiment1 mit 20 Monate alten Kindern ließ der Experimentator einen Löffel fallen und bemühte sich vergeblich, ihn mit der Hand zu erreichen. Die meisten Kinder erkannten seine Not und brachten ihm den Löffel. Das taten sie auch dann immer wieder, wenn er sich nicht einmal bedankte. Doch wenn er sie mit einer Süßigkeit belohnte, und die Belohnung nach ein paar Wiederholungen plötzlich ausblieb, verloren die meisten Kinder ihre Hilfsbereitschaft. Doch die Bereitschaft zur Kooperation ist nicht gleichbedeutend mit selbstverleugnendem Altrusimus. Commoners können durchaus Nutzenmaximierer sein, nämlich des gemeinschaftlichen Nutzens.

Das bekannteste Beispiel für ein funktionierendes Commons ist Wikipedia. Hier kann jede und jeder Wissen teilen und Wissen schöpfen. Diese Wissens-Allmende wird von den User:innen selbst verwaltet. Aus anarchischen Anfängen hat sich ein komplexes System von Checks und Balances entwickelt, das die Übernahme durch Trolle und andere Trittbrettfahrer:innen weitgehend abwehren kann. Sieht man sich zentral verwaltete Plattformen wie X oder Facebook an, sieht man, wie hoch dieser Erfolg einzuschätzen ist.

Auch das Computer-Betriebssystem Linux ist aus der Commons-Idee heraus entstanden. Jede und jeder kann es nutzen, und jede und jeder darf es verbessern, abwandeln, den eigenen Bedürfnissen anpassen. Alle Open Source Software orientiert sich am Commons-Prinzip. Aber es gibt auch Open Source Hardware – also frei nutzbare, patentfreie Konstruktionspläne vom Sessel bis zum Passivhaus.

Das Mietshäuser Syndikat in Deutschland ist ein Zusammenschluss von 187 Gemeinschafts-Wohnprojekten. Die Projekte sind so verschiedenartig wie ihre Entstehungsgeschichte. Manche sind aus rein praktischen Erwägungen entstanden, andere mit politischen und gesellschaftsverändernden Zielsetzungen oder um Abrissplänen zuvorzukommen. Das Syndikat nützt sein Konw-how und berät neue Projekte, organisiert Direktkredite von Privaten und unterhält einen Solidarfonds. Das Syndikat bietet aber vor allem den einzelnen Hausprojekten einen Schutz vor sich selbst. Um die Häuser dauerhaft dem Immobilienmarkt zu entziehen, schließt sich jeweils ein Hausprojekt mit dem Syndikat zu einer GmbH zusammen. Dadurch erhält das Syndikat in Fragen des Verkaufs oder der Umwandlung in Eigentumswohnungen ein gleichberechtigtes Stimmrecht.


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Omni Commons ist ein Gemeinschaftsprojekt von mehreren Kollektiven in Oakland, Kalifornien: Alle Projekte hier sind für alle Menschen zugänglich und werden gemeinschaftlich geführt: naturwisenschaftliches Labor, Hackerspace, Kunstatelier, Versammlungs- und Proberäume, Druckerei, Konzert- und Theaterraum, eine Schule, in der jede/r unterrichten und jede/r lernen kann, und eine Cafeteria, die Gratisessen aus geretteten Lebensmitteln ausgibt.

Im vorigen Jahr wurde der „alternative Nobelpreis“ – korrekte Bezeichnung: „Right Livelihood Award“ – an das Kooperativen-Netzwerk Cecosesola in Venezuela vergeben. Und zwar „Für die Errichtung eines gerechten und kooperativen wirtschaftlichen Modells als einer robusten Alternative zu profitgetriebenen Ökonomien“. Cecosesola (Central de Cooperativas de Lara) ist ein Netzwerk von ländlichen und städtischen Kooperativen im Andenvorland, das über 100.000 Familien in sieben venezolanischen Bundesstaaten mit erschwinglichen Gütern und Dienstleistungen versorgt. Und das seit 55 Jahren. Die Kooperativen produzieren und vertreiben Lebensmittel, bieten Gesundheitsdienste, Transport und sogar Bestattungen an. Sie betreiben vier große Märkte in der 1,25-Millionen-Stadt Barquisimento. Die Lebensmittel werden dort zu einem einheitlichen Kilopreis verkauft – 1 kg Tomaten kostet gleich viel wie 1 kg Kartoffeln. Die einzelnen Dorfgemeinschaften beraten mit den Angestellten der Genossenschaft, welche Produktionskosten sie haben: Saatgut, Bewässerungsrohre, Treibstoff für Pumpen, Maultiere, die das Gemüse bis zu den befahrbaren Straßen bringen… Die Kosten aller Gemeinden werden zusammengelegt, ebenso die Mengen der von jedem Dorf produzierten Gemüse. Daraus ergibt sich der einheitliche Kilopreis. Unterschiedliche Produktionsbedingungen in günstigen und weniger günstigen Lagen werden so ausgeglichen, Der Einheitspreis erspart eine Menge Bürokratie, es gibt keine Kosten für Marketing und Werbung, keinen Zwischenhandel. „Unser Maßstab sind einfach die Produktionskosten inklusive dem, was die Produzierenden zum Leben brauchen“, erklärt Kooperativenmitglied Noel Vale Valera. Dadurch liegen die Preise von Cecosesola deutlich unter den üblichen Marktpreisen. Über ein halbes Jahrhundert konnte die Kooperativen-Kooperative politische und wirtschaftliche Krisen überstehen, auch eine Hyperinflation, die 1917 fast 3.000 Prozent betrug. Nachzulesen in dem Buch „Die Welt der Commons“ von Silke Helfrich und David Bollier.2

Auf der Webseite des Buchs steht in einem sternförmigen Logo:„Open Access“. Open Access ist die Umsetzung des Commons-Gedankens in der Wissenschaft. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG bietet die folgende Definition: „Open Access (englisch für offener Zugang) ist der freie Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen und anderen Materialien im Internet. Ein unter Open-Access-Bedingungen publiziertes wissenschaftliches Dokument kann jede und jeder lesen, herunterladen, speichern, verlinken, drucken und damit entgeltfrei nutzen.“ In der Praxis heißt das zum Beispiel, dass man das Buch von Silke Helfrich als PDF herunterladen kann. Wissenschaftliche Journale sind teuer und die einzelnen Artikel im Internet sind meist hinter einer Bezahlschranke verborgen. Es gibt aber eben auch Open-Access-Zeitschriften, deren Beiträge genau wie die anderer Journale von unabhängigen Gutachter:innen geprüft sind (Peer-Review), aber im Internet ohne Bezahlung zugänglich sind. Aber nicht alles, was jemand als wissenschaftlich ins Internet stellt, darf sich Open Access nennen. Um die Qualität sicherzustellen gibt es das „Directory of Open Access Journals“ und das „Directory of Open Access Books“.

Nicht nur für wissenschaftliche, sondern für jegliche Art von Publikationen wurde „Creative Commons“ geschaffen. Das sind international standardisierte Lizenzen, die es den Produzent:innen ermöglichen, ihre Produkte so der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen, dass sie nicht von anderen vereinnahmt werden können. So können Inhalte uneingeschränkt oder mit verschiedenen Bedingungen geteilt werden. Am häufigsten wird eine Lizenz verwendet, die die Nennung der Autor:in verlangt und dass die Weitergabe unter derselben Bedingung erfolgt. Möglich ist auch die Beschränkung auf nichtkommerzielle Nutzung oder die Bedingung, dass das Werk nicht abgewandelt werden darf.

Zurück zu handgreiflicheren Commons. Haben Sie Lust auf „Kriacherln“? In Innsbruck Ecke Andreas-Hofer-Straße und Franz-Fischer-Straße, über der Zufahrt zur Tiefgarage, steht ein schöner, frei zugänglicher Mirabellenbaum. Verzeichnet ist er, wie tausende andere Obstbäume und Beerensträucher auf öffentlichem Grund, in der Karte von mundraub.org.

Und kennen Sie den einzigen selbstverwalteten Park von Wien? Es ist der Planquadratgarten im 4. Bezirk. Wie sich die Anwohner:innen in den 1970er Jahren diesen Gemeinschaftsgarten erkämpft und den Abbruch ihrer Häuser verhindert haben, und zwar mit tatkräftiger Unterstützung durch ein Fernsehteam des ORF, das können Sie auf der Webseite des Ersten Wiener Protestwanderwegs hören und sehen.

Titelbild: Wild Woods Farm in Iowa versorgt 200 Haushalte direkt mit 30 verschiedenen Gemüsearten. Das hier ist der wöchentliche Anteil, den sich Mitglieder an einer der sieben Pick-up-Stationen abholen können.
Foto: U.S. Dept. of Agriculture – Public Domain


1 Warneken, Felix/Tomasello, Michael (2008): »Extrinsic Rewards Undermine Altruistic Tendencies in 20-Month-Olds«, in: Developmental Psychology, Vol 44 (6), S. 1785-1788.

2 Silke Helfrich, David Bollier, Heinrich-Böll-Stiftung (Hg.) (2015): Die Welt der Commons. Muster gemeinsamen Handelns. Berlin, Boston, Bielefeld.



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Globale Commons – lokale Lösungen
von Martin Auer

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In ihrem Artikel „Revisiting the Commons“ von 19991 betont Ostrom, dass Erfahrungen von nachhaltig bewirtschafteten lokalen Commons nicht eins zu eins auf globale Commons wie die Atmosphäre oder die Weltmeere übertragen werden können. Traditionelle Commons beruhen oft auf jahrhundertelangen Prozessen von Versuch und Irrtum. Bei einem Fehlschlag konnten die Menschen bisher auf andere Ressourcen ausweichen. Da wir nur eine Erde haben, ist uns das global nicht möglich.

Was lässt sich von Strategien erfolgreicher Commons lernen? Sicherlich können sich acht Milliarden Menschen nicht auf einem Dorfplatz versammeln, um Regeln auszuarbeiten. Es sind Also die Staaten, die ihre Vertreter:innen an den Verhandlungstisch schicken. Dass es solche Verhandlungen und internationale Vereinbarungen wie das Pariser Abkommen überhaupt gibt, ist in der Geschichte der Menschheit noch nicht dagewesen. Auch dass es von allen Staaten anerkannte wissenschaftliche Gremien gibt wie den Welklimarat IPCC oder den Weltbiodiversitätsrat IPBES.

Doch die Vertreter:innen, die da verhandeln, müssen denen gegenüber, die sie vertreten,auch rechenschaftspflichtig sein, damit ihnen vertraut werden kann. Staatliche Verhandlungsteams neigen dazu, kurzfristige politische Erfolge über echte Nachhaltigkeit zu stellen, indem sie ein für die heimische Wirtschaft günstiges Ergebnis nach Hause bringen. Unabhängige Organisationen wie Climate Watch oder Climate Action Tracker überprüfen, wie zielführend die Versprechungen der einzelnen Staaten sind, wie glaubwürdig sie sind und wie weit sie letztlich eingehalten werden. Es braucht aber auch eine Öffentlichkeit, die solche Kontrollmöglichkeiten nutzt und ihre Vertreter:innen bei Bedarf zur Rechenschaft zieht.

Dass die globalen Probleme ohne die Erkenntnisse der Wissenschaft nicht bewältigt werden können, sollte klar sein. Doch die Verhandler:innen, die die Regeln ausarbeiten, müssen auch das Wissen und die Erfahrungen derer, die sie vertreten, mit einbeziehen.

Auch auf der globalen Ebene müssen nicht nur Regeln erarbeitet werden, es muss auch sichergestellt werden, dass die Regeln möglichst wenig gebrochen werden. Es muss die Möglichkeit zu Sanktionen geben. Die Erfahrung aus traditionellen Commons zeigt: Die meisten halten sich an die Regeln, solange sie sicher sind, dass die meisten sich an die Regeln halten.

Wesentlich für eine nachhaltige Bewirtschaftung von Commons ist Transparenz. Auch wenn nicht alle alles über alle wissen können: Die Möglichkeit zur Kontrolle muss vorhanden sein. Insbesondere große Akteure wie Konzerne müssen kontrollierbar sein. Um Transparenz sicherzustellen, genügt es auch nicht, dass ich mir Informationen beschaffen kann – ich muss sie verstehen. Bildungssysteme müssen möglichst breit Umweltwissen vermitteln.

Globale Gemeingüter, wie sie das Mercator Institute for Global Commons and Climate sieht
Mercator Research Institute on Global Commons and Climate Change (MCC) gGmbH, Berlin, Globale Gemeingueter MCC Research Institute, CC BY-SA 3.0

Warum gerade wir?

Die erste Hürde, um überhaupt zu gemeinsamem Handeln zu kommen, ist oft die Frage: Warum soll gerade ich, warum sollen gerade wir anfangen? Selbst die Bemühungen, die anderen an den Verhandlungstisch zu bringen, sind ja schon kostspielig.

Auf der globalen wie auf der lokalen Ebene kann der Gewinn von Ansehen ein Anreiz sein, den ersten Schritt zu tun. Viele Maßnahmen, die den Ausstoß von Treibhausgasen verringern – von denen also die ganze Weltbevölkerung profitiert – haben auch einen Nutzen für die lokale Bevölkerung und die eigene Staats-, Landes- oder Gemeindekasse. Begrünung der Städte durch Bäume und Parks bindet CO2, verbessert aber auch das Kleinklima in der Stadt. Beschränkungen für Verbrennungsmotoren verringern nicht nur den Ausstoß von CO2, sondern auch die lokale Luftverschmutzung durch Feinstaub. Das erspart immense Kosten im Gesundheitssystem. Zwei Milliarden Menschen auf der Erde heizen und kochen mit Holz, Dung und dergleichen und leiden unter der Luftverschmutzung innerhalb ihrer Behausungen. Diese Haushalte zu elektrifizieren – oder auch sie mit Gaskochern auszustatten – verringert die Entwaldung und damit die Bodenerosion und erspart ungeheure Kosten für Erkrankungen des Atmungssystems und der Augen. Sparsamer, genau berechneter Einsatz von Kunstdünger spart Geld, verlangsamt die Zerstörung der natürlichen Bodenfruchtbarkeit und verringert den Ausstoß von Lachgas, einem besonders potenten Treibhausgas.

Manche wirtschaftliche Anreize sind allerdings zweifelhaft. Wenn Länder in die Entwicklung erneuerbarer Energien investieren, um die Marktführerschaft für neue Technologien zu erringen, kann das zu einem Wettbewerb führen, der wiederum in der Überausbeutung von Ressourcen mündet, sowohl von Energie als auch von Rohstoffen wie Lithium, Kobalt, Bauxit (Aluminium) und anderen.

Alle diese CO-Benefits können ein Anstoß sein, unabhängig von dem, was andere tun, mit Klimaschutzmaßnahmen zu beginnen. Wenn ich mich statt ins Auto aufs Fahrrad setze, sind die Auswirkungen aufs Klima minimal – die Auswirkungen auf meine Gesundheit aber unmittelbar spürbar.

Multilevel Governance

Eine wichtige Erkenntnis aus Elinor Ostroms Forschungen ist, dass große Commons durch ineinander verschachtelte Institutionen, also durch Zusammenschlüsse von kleineren Commons verwaltet werden können. Entscheidungen werden nicht von der Obersten Instanz gefällt. Informationen und Beschlüsse fließen von unten nach oben und von oben nach unten. Die Aufgabe der oberen Instanzen ist vor allem, die Anliegen der unteren Instanzen zusammenzuführen und die Voraussetzungen für die Arbeit der unteren Instanzen zu schaffen.

Globale Commons und lokale Lösungen

Die Erhaltung der Wälder als Kohlenstoffspeicher ist von globalem Interesse für die Verhinderung der absoluten Klimakatastrophe. Jedoch: „Jedes einzelne formelle Gesetz, das dazu gedacht ist, ein großes Territorium mit verschiedenen ökologischen Nischen zu verwalten, muss notgedrungen in vielen der Lebensräume, für die es gelten soll, versagen“2, schrieb Ostrom 1999. Die besten „Hüter des Waldes“ sind die Menschen, die ihn kennen, weil sie dort leben. Der Schutz dieser Wälder vor Abholzung, Zerstörung durch Bergbau, Landgrabbing usw. ist in ihren unmittelbaren Interesse. Staatliche und überstaatliche Institutionen sollten also vor allem das Recht dieser Gemeinschaften auf Selbstorganisation garantieren und ihnen die Unterstützung geben, die sie dazu brauchen.

Die Bodenversiegelung in Österreich zu bremsen, ist ein nationales – und letztlich auch ein globales – Anliegen. Aber die Problemlagen sind von Region zu Region, von Gemeinde zu Gemeinde zu unterschiedlich.

Die Erhaltung der Bodenqualität in der Landwirtschaft erfordert je nach Landschaft unterschiedliche Maßnahmen und lokale Zusammenarbeit.

Energiesparmaßnahmen können in Hausgemeinschaften, Dorfgemeinschaften, Bezirken oder auf der Ebene von Städten ausgehandelt werden. Die Gestaltung des privaten und öffentlichen Verkehrs ist eine Frage der Raumplanung, die überall auf unterschiedliche Bedingungen stößt.

Auf all diesen Ebenen gibt es zwischen den beiden Extremen – die Regulierung dem Markt zu überlassen oder sie der zentralen Staatsgewalt zu übertragen – noch eine dritte Möglichkeit: die Selbstorganisation von Commons.

P.S.: Die Stadt Wien hat Elinor Ostrom einen Park im 22. Bezirk gewidmet

Titelbild: Public Domain via Rawpixel
Zuerst erschienen im Standard


1 Ostrom, Elinor et al. (1999): Revisiting the Commons: Local Lessons, Global Challenges. In: Science 284, S. 278–282. DOI: 10.1126/science.284.5412.278.

2 Ostrom, Elinor (1994): Neither Market nor State: Governance of Common-Pool Resources in the Twenty-First Century. Washington D.C. Online: https://ebrary.ifpri.org/utils/getfile/collection/p15738coll2/id/126712/filename/126923.pdf



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Commons – Wie Nachhaltigkeit gelingen kann
von Martin Auer

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Die Theorie von der „Tragödie der Commons“ taucht immer wieder in der Diskussion um die Klimakatastrophe und die planetare Krise auf. Laut ihr sind Gemeingüter unweigerlich der Übernutzung und dem Verfall preisgegeben. Die Politologin und Ökonomin Elinor Ostrom hat gezeigt, warum das nicht so sein muss und wie Ressourcen von selbstorganisierten Gemeinschaften oft über Jahrhunderte nachhaltig genutzt werden können.

Intelligente Wesen, die unseren Planeten beobachten, müssten zu dem Schluss kommen, dass sich hier eine schreckliche Tragödie abspielt: Wir Erdenmenschen zerstören unseren Planeten. Wir wissen, dass wir ihn zerstören. Wir wollen ihn nicht zerstören. Und doch scheint es, dass wir keinen Weg finden, die Zerstörung zu beenden.

Eine theoretische Formulierung dieses Phänomens stammt von dem US-amerikanischen Ökologen Garrett Hardin (1915 bis 2003). Mit seinem 1968 erschienenen Artikel „The Tragedy of the Commons1 – auf Deutsch: „Die Tragödie der Commons“ oder „Die Tragik der Allmende“ – hat er ein geflügeltes Wort geschaffen, das den Vorgang beschreibt, bei dem das Handeln Einzelner zu einem Ergebnis führt, das niemand gewollt hat. In dem Beitrag versucht Hardin zu zeigen, dass frei zugängliche Allgemeingüter wie die Atmosphäre, die Weltmeere, Fischgründe, Wälder oder gemeinschaftliche Weidegründe notwendig übernutzt und zugrunde gerichtet werden. Von der Gemeindeflur, der Weide, die von einem Dorf gemeinsam benutzt wurde, nimmt er auch den Begriff der „Commons“ beziehungsweise der „Allmende“. Eine solche gemeinschaftlich genutzte Weide dient ihm als Beispiel.

Die Rechnung geht ungefähr so: Auf einer Weide grasen 100 Kühe. Das sind gerade so viele, dass sich die Weide jedes Jahr regenerieren kann. Zehn dieser Kühe gehören mir. „Als rationales Wesen“, sagt Hardin, „strebt jeder Viehzüchter danach, seinen Nutzen zu maximieren“: Wenn ich jetzt statt zehn Kühen noch eine elfte auf die Weide schicke, verringert sich der Milchertrag pro Kuh um ein Prozent, weil jede jetzt weniger zu fressen hat. Zwar sinkt auch mein Milchertrag pro Kuh, aber da ich jetzt elf statt zehn Kühe habe, steigert sich mein gesamter Milchertrag um fast neun Prozent. Ich wäre also dumm, wenn ich auf die elfte Kuh verzichten würde, um die Weide nicht zu überlasten. Und noch dümmer wäre ich, wenn ich zusehen würde, wie andere Viehzüchter zusätzliche Kühe auf die Weide treiben, und ich als einziger die Weide schonen wollte. Der Milchertrag meiner zehn Kühe würde sich verringern, und die anderen hätten den Vorteil. Ich würde also bestraft werden dafür, dass ich mich verantwortungsvoll verhalte.

Derselben Logik müssen auch alle anderen Viehzüchter folgen, wenn sie nicht untergehen wollen. Und darum ist es so unausweichlich wie das Schicksal in der griechischen Tragödie, dass die Weide übernutzt wird und schließlich verödet.

Folgen von Überweidung am Rukwasee, Tansania
Lichinga, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Feindbild Bevölkerungswachstum

Um die Tragödie zu verhindern, gibt es laut Hardin nur zwei Möglichkeiten: entweder die Regulierung durch eine zentrale Verwaltung oder die Aufteilung der Gemeinschaftsgüter in private Parzellen. Ein Viehzüchter, der seine Kühe auf seinem eigenen Land weidet, wird darauf achten, seinen Boden nicht zu zerstören, so das Argument. „Entweder privates Unternehmertum oder Sozialismus“, formulierte er später. Die meisten Darstellungen der „Tragik der Allmende“ enden hier. Doch es ist gut zu wissen, welche weitergehende Schlussfolgerungen Hardin gezogen hat. Es sind Argumentationen, die immer wieder in der Debatte über die Klimakatastrophe auftauchen.

Die eigentliche Ursache für Übernutzung von Ressourcen sieht Hardin im Bevölkerungswachstum. Er macht das am Beispiel der Umweltverschmutzung fest: Wenn ein einsamer Pionier im Wilden Westen seinen Abfall in den nächsten Fluss geschmissen hat, war das weiter kein Problem. Ab einer gewissen Bevölkerungsdichte kann die Natur unseren Abfall nicht mehr aufnehmen. Doch die Lösung der Privatisierung, die – nach Hardins Ansicht – für Viehweiden funktionieren soll, funktioniert nicht für Flüsse, Meere oder die Atmosphäre. Die lassen sich nicht einzäunen, die Verschmutzung breitet sich überallhin aus. Da er einen direkten Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und Bevölkerungsdichte sieht, lautet Hardins Schlussfolgerung: „Die Freiheit zur Fortpflanzung ist nicht tolerierbar.“ („Freedom to breed is intolerable.“)

Rassismus und Ethno-Nationalismus

In einem späteren Artikel von 1974 mit dem Titel „Life Boat Ethics: the Case against Helping the Poor“ („Rettungsboot-Ethik: Plädoyer gegen Hilfe für die Armen“)2 wird er deutlich: Nahrungsmittelhilfe für arme Länder fördere nur das Bevölkerungswachstum und verschärfe so die Probleme der Übernutzung und Verschmutzung. Die Bevölkerung der reichen Länder, so seine Metapher, sitzt in einem Rettungsboot, das nur eine begrenzte Zahl an Menschen tragen kann. Das Boot ist umgeben von verzweifelten Ertrinkenden, die hineinwollen. Doch sie ins Boot zu lassen würde den Untergang aller bedeuten. Solange es keine Weltregierung gebe, die die Fortpflanzung der Menschen kontrolliere, sagt Hardin, sei eine Ethik des Teilens nicht möglich. „Für die vorhersehbare Zukunft ist unser Überleben davon abhängig, dass wir unser Handeln von der Ethik des Rettungsboots leiten lassen, so hart diese auch sein mag.“

Hardin schrieb 27 Bücher und verfasste 350 Artikel, von denen viele offen rassistisch und ethno-nationalistisch waren. Doch wenn Hardins Ansichten der Öffentlichkeit präsentiert werden, wird der weiße Nationalismus, von dem sein Denken geprägt war, weitgehend übergangen. Hauptsächlich auf Webseiten von weißen Suprematisten findet man Erörterungen seines vollständigen Gedankenguts. Wie die US-Organisation SPLC schreibt, wird er dort als Held gefeiert.3

Muss es also tragisch enden? Müssen wir wählen zwischen Diktatur und Untergang?

Der Streit um „Zentralgewalt“ oder „Privatisierung“ dauert bis heute an. Dass es zwischen den beiden Polen noch eine dritte Möglichkeit gibt, zeigte die US-amerikanische Ökonomin Elinor Ostrom (1933 bis 2012). Sie erhielt 2009 als erste Frau den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften für ihr Werk4, in dem sie sich intensiv mit den Fragen der Commons auseinandersetzte. In der Würdigung des Nobel-Komitees heißt es, dass sie gezeigt hat, „wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann“.

Jenseits von Markt und Staat

Elinor Ostrom
Foto: Prolineserver 2010, Wikipedia/Wikimedia Commons (cc-by-sa-3.0)

In ihrem 1990 erstmals erschienenen Buch „Governing the Commons“4 (deutsch: „Die Verfassung der Allmende – Jenseits von Markt und Staat“) stellte Ostrom Hardins These von der Tragik der Allmende auf den Prüfstand. Sie untersuchte vor allem praktische Beispiele für Gemeinschaften, die über lange Zeit hinweg eine Ressource nachhaltig verwaltet und genutzt haben, aber auch Beispiele für das Misslingen einer solchen Selbstverwaltung. Bei der theoretischen Analyse nutzte sie Spieltheorie, um zu zeigen, dass weder die Kontrolle durch eine äußere (staatliche) Macht noch die Privatisierung optimale Lösungen für die nachhaltige Nutzung und dauerhafte Erhaltung von Gemeingütern garantieren.

Im ersten Fall müsste die staatliche Gewalt vollständige Informationen über die Eigenschaften der Ressource und das Verhalten der Nutzer:innen haben, um schädliches Verhalten korrekt sanktionieren zu können. Sind ihre Informationen unvollständig, können ihre Sanktionen erst wieder zu Fehlverhalten führen. Je besser und genauer die Überwachung ist, umso teurer wird sie aber. Diese Kosten werden von Befürworter:innen staatlicher Kontrolle meist außer Acht gelassen.

Privatisierung wiederum erlegt den Nutzer:innen Kosten für Einzäunung und Überwachung auf. Im Fall einer aufgeteilten Viehweide kann es geschehen, dass das Wetter einige Gebiete begünstigt, während andere unter Trockenheit leiden. Die Viehzüchter können aber jetzt nicht mehr in die fruchtbaren Gebiete ausweichen. Das führt zur Überweidung der trockenen Gebiete. Im nächsten Jahr kann die Dürre dann wieder andere Gebiete treffen. Futter aus den fruchtbaren Gebieten zu kaufen erfordert die Einrichtung neuer Märkte, was auch wieder Kosten verursacht.

Der dritte Weg

Sowohl theoretisch als auch empirisch legt Ostrom dar, dass es zwischen Markt und Staat noch andere Lösungen gibt. Sie untersucht so unterschiedliche Fallbeispiele wie Gemeinschaftsalmen und Gemeinschaftswälder in der Schweiz und in Japan, gemeinsam verwaltete Bewässerungssysteme in Spanien und den Philippinen, Grundwasserverwaltungen in den USA, Fischereigründe in der Türkei, Sri Lanka und Kanada. Einige der erfolgreichen Systeme ermöglichen schon seit Jahrhunderten eine nachhaltige gemeinschaftliche Bewirtschaftung.
Ostrom stellt in ihren Fallstudien und auch in Laborexperimenten fest, dass nicht alle Nutzer:innen eines Gemeinschaftsguts gleichermaßen „rationale Nutzenmaximierer“ sind. Es gibt Trittbrettfahrer:innen, die immer eigennützig handeln und in Entscheidungssituationen nie kooperieren. Es gibt Nutzer:innen, die nur dann kooperieren, wenn sie sicher sein können, dass sie nicht von Trittbrettfahrer:innen ausgenützt werden. Es gibt solche, die bereit sind, die Zusammenarbeit zu suchen, in der Hoffnung, dass ihr Vertrauen erwidert wird. Und schließlich gibt es vielleicht auch noch ein paar echte Altruist:innen, die immer das Wohl der Gemeinschaft suchen.
Wenn es einigen gelingt, vertrauensvoll zusammenzuarbeiten und dadurch gemeinsam einen höheren Nutzen zu erlangen, können andere, die das beobachten, motiviert werden, ebenfalls zu kooperieren. Wichtig ist, dass alle das Verhalten der anderen beobachten können und auch den Nutzen des gemeinsamen Handelns erkennen können. Der Schlüssel für die Bewältigung der Probleme liegt also in der Kommunikation und der Bildung von Vertrauen.

Was erfolgreiche Commons auszeichnet

Verallgemeinert stellt Ostrom fest, dass die nachhaltige gemeinsame Nutzung eines Gemeinguts dann wahrscheinlicher ist, wenn die folgenden Bedingungen erfüllt sind:

  • Es gibt klare Regeln, wer zur Nutzung berechtigt ist und wer nicht.
  • Die Regeln für die Aneignung und Bereitstellung einer Ressource entsprechen den örtlichen Bedingungen. In unterschiedlichen Fischgründen werden zum Beispiel unterschiedliche Netze oder Fangleinen erlaubt. Gemeinsame Arbeiten im Wald oder bei der Ernte werden zeitlich festgelegt usw.
  • Die Nutzer:innen selbst legen die Regeln fest und ändern sie nach Bedarf. Da sie selbst von den Regeln betroffen sind, können sie ihre Erfahrungen einbringen.
  • Die Einhaltung der Regeln wird überwacht. In kleinen Gruppen können die Beteiligten das Verhalten der anderen direkt beobachten. Personen, die die Einhaltung der Regeln überwachen, sind entweder selbst Nutzer:innen oder sind von den Nutzer:innen bestellt und ihnen rechenschaftspflichtig.
  • Regelverletzungen werden sanktioniert. Meistens werden erstmalige Übertretungen milde behandelt, mehrmalige umso strenger. Je sicherer die Beteiligten sind, dass sie nicht von Trittbrettfahrer:innen ausgenützt werden, umso eher werden sie sich selbst an die Regeln halten. Wird jemand beim Regelbruch ertappt, leidet auch sein oder ihr Ruf.
  • Konfliktlösungsmechanismen sind schnell, kostengünstig und direkt, wie zum Beispiel örtliche Versammlungen oder ein von den Nutzer:innen bestelltes Schiedsgericht.
  • Der Staat erkennt das Recht der Nutzer:innen an, ihre Regeln selbst zu bestimmen. Die Erfahrung zeigt, dass staatliche Eingriffe in traditionelle Commons oft zu einer Verschlechterung geführt haben.
  • Eingebettete Organisationen: Wenn ein Gemeingut eng mit einem großen Ressourcensystem verbunden ist, zum Beispiel lokale Bewässerungssysteme mit größeren Kanälen, sind Verwaltungsstrukturen auf mehreren Ebenen miteinander „verschachtelt“. Es gibt nicht nur ein einziges Verwaltungszentrum.

Gemeinsam in den Holzschlag

Eine traditionelle Allmende zeigt dieses Video über eine „Waldnachbarschaft“ in Bladersbach, Nordrhein-Westfalen, deren Wurzeln bis in das 16. Jahrhundert zurückreichen.


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Charakteristisch für die Waldnachbarschaften ist der ungeteilte Waldbesitz einer Gemeinde als Erbenwald. Die angestammten Familien nutzen ihn gemeinschaftlich. Im Winter wird Brennholz geschlagen. Die gewählten „Deputierten“ geben jedes Jahr einen Teil des Waldes zur Holzung frei. Dieser Teil wird entsprechend der Anzahl der Familien unterteilt. Die Grenzen der „Örter“ werden durch das Einschlagen von dicken Ästen markiert, die jeweils eine Nummer eingeschnitzt bekommen. Wenn das Ausmessen abgeschlossen ist, werden die einzelnen Waldabschnitte unter den Familien verlost. Danach markieren die Inhaber:innen der Nachbarflächen von den Grenzpfählen ausgehend gemeinsam die Grenzen ihrer Gebiete.

Bis in die 1960er-Jahre wurden die Eichen in diesem Mischwald zur Gewinnung von Gerberlohe genutzt. Die Arbeit des Rindenschälens geschah im Frühjahr. Im Winter konnten Birken, Hainbuchen und Erlen gefällt werden. In einer früheren Phase wurden nicht die Waldflächen verlost, sondern die Waldnachbarn machten die Arbeit gemeinsam und verlosten später die Brennholzstapel. Der Wald ist ein „Niederwald“. Die Triebe der Laubbäume wachsen aus dem Wurzelstock nach. Nach 28 bis 35 Jahren müssen die mittelstarken Stämme geschlagen werden, sonst ist die Wurzel zu alt, um neue Triebe zu bilden. Durch die rotierende Nutzung kann sich der Wald immer wieder regenerieren.

Commons müssen aber keineswegs nur traditionelle Dorfgemeinschaften sein. In der nächsten Folge dieser kleinen Serie sollen einige heute funktionierende Commons vorgestellt werden, von Wikipedia bis zu Cecosesola, einem Zusammenschluss von Kooperativen in Ecuador, der seit über 50 Jahren 100.000 Familien mit erschwinglichem Obst und Gemüse, Gesundheits- und Bestattungsdiensten versorgt.

Titelfoto: Marymoor Park community garden, USA. King County Parks, CC BY-NC-ND


Fußnoten:

Hardin, Garrett (1968): The Tragedy of the Commons. In: Science 162 (3859), S. 1243–1248. Online: https://www.jstor.org/stable/1724745.

Hardin, Garrett (1974): Lifeboat Ethics_ the Case Against Helping the Poor. In: Psychology Today (8), S. 38–43. Online: https://rintintin.colorado.edu/~vancecd/phil1100/Hardin.pdf

Vgl.. https://www.splcenter.org/fighting-hate/extremist-files/individual/garrett-hardin

Ostrom, Elinor (2015): Governing the Commons. Cambridge: Cambridge University Press. Das Buch ist erstmals 1990 erschienen.



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