„Erheben wir uns!“ – Das Lastenrad aus der besetzten Fabrik
von Martin Auer

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Lesedauer 4 Minuten.   

In der ehemaligen Fabrik des Autozulieferers GKN Automotive in Campo Bisenzio bei Florenz sollen nun statt Achsschäften für schwere Autos klimafreundliche Lastenfahrräder und umweltfreundliche Solarpaneele und Batterien gebaut werden. Das planen die Beschäftigten, die das Werk seit zweieinhalb Jahren besetzt halten. Unterstützt werden sie dabei von einem breiten Bündnis von Klima-Aktivist:innen, Wissenschaftler:innen und großen Teilen der Bevölkerung.

Kündigung per Email

Am 9. Juni 2021 erhielt die gesamte Belegschaft per Email die Kündigung. Drei Jahre zuvor hatte die Beteiligungsgesellschaft Melrose Industries das britische Traditionsunternehmen GKN übernommen und in mehrere eigenständige Unternehmen aufgeteilt. Schon damals schlossen sich an die hundert Beschäftigte zum Collettivo di Fabbrica GKN zusammen. Das Motto von Melrose „Buy, Improve, Sell“ ließ sie vermuten, dass das Unternehmen zerschlagen werden sollte.

Am Tag des Kündigungsschreibens besetzten sie die Fabrik und beschlossen eine unbefristete Betriebsversammlung abzuhalten. Dadurch erhielt die Besetzung einen legalen Rahmen. Es ging zunächst darum, den Abtransport der Maschinen im Wert von vielen Millionen Euro und der noch lagernden Achsen zu verhindern.


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Zusammenarbeit mit der Wissenschaft

Gemeinsam mit Wissenschaftler:innen der Universität Pisa erarbeiteten sie einen „Reindustrialisierungsplan“ mit zwei unterschiedlichen Szenarien: Die modernen Maschinen der Fabrik könnten Achsen statt für PKWs für Busse oder Züge produzieren. Das zweite Szenario war radikaler: Die Fabrik könnte auf die Erzeugung von Elektrolyseanlagen für die Herstellung von grünem Wasserstoff umgerüstet werden. Der Plan betonte, dass er den Leitlinien des EU-geförderten italienischen „Aufbau- und Resilienzplans“ (PNRR) entsprach und in diesem Rahmen öffentlich gefördert werden konnte.

Gemeinsam für Arbeitsplätze und Klima

Gleichzeitig suchte das Kollektiv den Kontakt mit Klimaaktivist:innen. Im Herbst 2021 nahm es an den Protesten gegen den G20-Gipfel in Italien teil. Im September 2022 organisierte es gemeinsam mit Fridays for Future den Klimastreik in Florenz mit 40.000 Teilnehmer:innen.

In einer gemeinsamen Erklärung heißt es:

„Wir werden nie wieder zulassen, dass Verlagerungen, Entlassungen und Prekarität unter dem Vorwand der Klimakrise gerechtfertigt werden. Wir werden auch nicht zulassen, dass eine Verzögerung oder Umgehung des ökologischen und klimatischen Übergang mit der Verteidigung der bestehenden Arbeitsplätze gerechtfertigt wird.“

Zermürbungstaktik

Ein neuer Besitzer versprach im Dezember 2021 einen Transformationsplan, der sich auf erneuerbare Enegien stützen sollte, und und zahlte den Arbeiter:innen auch bis November 2022 ein „Transformationsgeld“. Alle Arbeitsplätze sollten erhalten bleiben.

Das Arbeiter:innenkollektiv vermutete von Anfang an, dass es dem neuen Eigentümer nur darum ging, Zeit zu gewinnen – und das mit Hilfe öffentlicher Gelder. Das würde bedeuten, vom Staat Gelder für Personalentlassungen zu bekommen, dem Werk Maschinen im Wert von mehreren Millionen Euro zu entziehen, darauf zu warten, dass die Mobilisierung der Arbeiter:innen nachlassen und sie nach einem Jahr der Ungewissheit bei 60 Prozent Gehalt gehen würden.

Ab da erhielten die Arbeiter:innen keinen Lohn, aber – da über ihre Klage auf Lohnfortzahlung nicht entschieden war – auch kein Arbeitslosengeld. Viele mussten sich neue Jobs suchen, unterstützten aber weiter die Bewegung.

Reindustrialisierung von unten

Nachdem sie ein Jahr lang hingehalten wurden, gaben die Arbeiter:innen die Hoffnung auf öffentliche Unterstützung für den Reindustrialisierungsplan auf und begannen mit dem Projekt der „Reindustrialisierung von unten“. Gemeinsam mit der Forscher:innengruppe erstellten sie den „Lebenslauf“ der Fabrik, kartierten das Fabriklayout, inventarisierten alle Maschinen und die logistische Infrastruktur. Mit diesem Wissen untersuchten sie verschiedene Projekte, bei denen sie die vorhandenen Maschinen und Fähigkeiten für die Umstellung auf nachhaltige Mobilität und erneuerbare Energien nutzen konnten. Dazu wurde die Möglichkeit der Entwicklung von Lastenfahrrädern untersucht, sowohl für die Nahlogistik als auch für den Warenumschlag in großen Lagerhäusern. Der erste vollständig „made in GKN“-Prototyp eines Lastenfahrrads, lackiert in den Farben der A-Liga Fußballmannschaft von Florenz, wurde im Februar 2023 präsentiert, mit begeisterten Rezensionen von Fachzeitschriften wie Bike Italia.

Gleichzeitig präsentierten sie ihren Vorschlag für die Umwandlung des Werks in eine Solidargemeinschaft für erneuerbare Energien. Dafür sollen auch siliziumfreie Solarpaneele und kobalt- und lithiumfreie Batterien entwickelt und erzeugt werden. Sobald das Kerngeschäft in Betrieb ist und berechnet wird, wie viel Energie benötigt wird, um es am Laufen zu halten, kann die überschüssige Produktion wieder in das allgemeine Netz eingespeist werden, wovon das gesamte Gebiet profitieren soll.

Übernahme durch die Beschäftigten

Nahezu zeitgleich, ebenfalls im Februar 2023, gab der Besitzer die Liquidation der Firma bekannt. Die Antwort der Beschäftigten darauf ist der Plan, den Betrieb in eine Genossenschaft umzuwandeln. Die gesetzliche Grundlage dafür ist in Italien das Macora-Gesetz von 1985. Es regelt das Vorkaufsrecht der Belegschaft bei Betriebsschließungen wegen Insolvenz oder aus anderen Gründen und ermöglicht die Fortführung des Unternehmens als Mitarbeitergenossenschaft. Einige Hundert solcher Unternehmenssanierungen sind seit dem Erlass gelungen.

Ein Unternehmen fürs Gemeinwohl

Doch die GKN-Beschäftigten wollen das Modell erweitern: Durch die aktive Beteiligung der Bevölkerung soll garantiert werden, dass das neue Unternehmen gemeinwohlorientiert arbeitet: „Wir wollen die Region, welche es uns ermöglicht hat, so lange Widerstand zu leisten, in die Verwaltung der ersten öffentlichen, nachhaltigen und gemeinwohlorientierten Fabrik Italiens einbeziehen“, heißt es in dem Plan.

In einem ersten Schritt starteten die Arbeiter:innen mit Unterstützung von Fridays for Future und ein Crowdfunding, um die Kosten der Genossenschaftsgründung und die Akquisition von Fördermitteln zu finanzieren, weiters die Kreditraten für die neuen Produktionsanlagen und Unterstützung der ersten Mitglieder, die die gesetzlich vorgeschriebenen Genossenschaftsanteile von 4.000 Euro aufbringen müssen. Die angestrebten 75.000 Euro wurden um fast 100.000 Euro übertroffen.

Zehntausend Mal hundert

Die laufende Phase ist das Kapital-Crowdfunding (Equity Crowdfunding), das eine Million Euro aufbringen soll. Es richtet sich an Bürger:innen, Verbände, Bewegungen, Arbeiter:innen, Gewerkschaftsmitglieder und solidarische Aktivist:innen. 10.000 Anteile zu je 100 Euro werden ausgegeben, jedoch müssen mindestens fünf Anteile erworben werden. Die Stückelung in Anteile zu 100 Euro soll es Menschen oder Vereinen, die nicht mehr aufbringen können, ermöglichen, gemeinsam mit anderen Anteile zu kaufen. Bis zum Juni 2024 soll diese erste Million aufgebracht werden. Mehr Informationen zur Zeichnung gibt es hier.

Inzwischen gibt es drei Prototypen des Lastenfahrrads: ein muskelbetriebenes und zwei elektrische Räder (davon eines für Frachtladung und eines für den „häuslichen“ Gebrauch). Die Prototypen werden derzeit in den Straßen von Florenz von der ethischen/fairen Liefergenossenschaft Robin Food eingesetzt. Das Fahrrad heißt „Insorgiamo!“ – „Erheben wir uns!“

Quellen:

https://insorgiamo.org
https://taz.de/Besetzte-Fabrik-bei-Florenz/!5904996/
https://jacobin.com/2023/04/italy-gkn-factory-occupation-transform-production-workers-jobs-climate-change

Titelfoto: Margherita Caprilli



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Die Kolonisierung der Zukunft beenden – Interview mit Prof. Dr. Christoph Görg
von Martin Auer

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Christoph Görg

Universitätsprofessor Dr. Christoph Görg arbeitet am Institut für soziale Ökologie an der Universität für Bodenkultur in Wien. Er gehört zu den Herausgeber:innen und Leitautor:innen des APCC Special Report Strukturen für ein klimafreundliches Leben, und ist Autor des Buchs: Gesellschaftliche Naturverhältnisse. Mit ihm spricht Martin Auer von °CELSIUS.

Eine der Kernaussagen des Kapitels „Soziale und politische Ökologie“, für das Professor Görg Leitautor ist, besagt, dass „bisherige Innovationsgebote (wie grünes Wachstum, E-Mobilität, Kreislaufwirtschaft, energetische Nutzung von Biomasse)“ nicht ausreichen, um ein klimafreundliches Leben zu ermöglichen. „Der globale Kapitalismus beruht auf dem industriellen Metabolismus, der auf fossile und damit endliche Ressourcen angewiesen ist und damit keine nachhaltige Produktions- und Lebensweise darstellt. Eine gesellschaftliche Selbstbegrenzung der Ressourcennutzung ist notwendig.“

Zu hören ist das Interview auf AlpenGLÜHEN.

„Die Kolonisierung der Zukunft beenden – Interview mit Prof. Dr. Christoph Görg
von Martin Auer
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