Ungehorsame Wissenschaftler:innen
von Martin Auer

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Immer mehr Klimawissenschaftler:innen kommen zum Schluss, dass es nicht genügt, die Ergebnisse ihrer Forschungen den Regierungen zur Verfügung zu stellen, schreibt Daniel Grossman in der jüngsten Ausgabe der Zeitschrift nature1. Sie sind empört und verzweifelt darüber, dass immer düsterere Prognosen und immer schlimmere Extremwetterereignisse nicht die erforderlichen Handlungen hervorrufen. Als Beispiel zitiert der Beitrag die Geowissenschaftlerin Rose Abramoff und den Astrophysiker Peter Kalmus, die beide mit spektakulären Aktionen Festnahmen und den Verlust ihrer Jobs riskierten.

Kalmus zum Beispiel blockierte im April 2022 zusammen mit drei Kolleg:innen den Zugang zu einer Filiale der Bank J. P. Morgan in Los Angeles, die große Summen in fossile Unternehmen investiert. Er wurde wegen Besitzstörung festgenommen. Gemeinsam mit Abramoff störte er eine Konferenz der American Geophysical Union mit einem Banner der Scientist Rebellion. Abramoff verlor ihren Job beim Oak Ridge National Laboratory in Tennessee. Kalmus wurde von seinem Arbeitgeber Jet Propulsion Laboratory nur verwarnt.

Abramoffs politisches Erwachen geschah 2019, als sie diverse Kapitel des IPCC-Reports begutachtete. Der neutrale Ton des Dokuments, der der Größe der drohenden Katastrophe nicht gerecht wurde, empörte sie. Am 6. April 2022 kettete sie sich während eines Klimaprotests an den Zaun des weißen Hauses. Sie wurde am selben Tag festgenommen wie Kalmus auf der anderen Seite des Kontinents. Seither setzte sie 14 spektakuläre Aktionen, von denen sieben zu einer Festnahmen führten.

Das sind nur zwei Beispiele für eine ständig wachsende Gruppe Gruppe von Wissenschaftler:innen, die sich nicht mehr damit begnügen wollen, ihre erschütternden Erkenntnisse neutral formuliert in Papers und Zeitschriften zu veröffentlichen. Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Fabian Dablander (Universität Amsterdam)2 hat ergeben, dass 90 Prozent von 9.220 befragten Forscher:innen der Ansicht sind, dass „fundamentale Veränderungen der sozialen, politischen und ökonomischen Systeme notwendig sind“. Für die Studie wurden Forscher:innen in 115 Ländern befragt, die zwischen 2020 und 2022 in wissenschaftlichen Journalen publiziert hatten. Die Befragung wurde an 250.000 Autor:innen verschickt. Studienautor Dablander räumt ein, dass vermutlich ein Ungleichgewicht zugunsten der politisch denkenden Autor:innen besteht, weil die eher bereit sein würden, den Fragebogen auszufüllen und zurückzuschicken. 78 Prozent der Antwortenden hatten Fragen des Klimawandels außerhalb ihrer Kollegenschaft diskutiert. 23 Prozent hatten sich an legalen Protesten beteiligt und 10 Prozent – beinahe 900 Wissenschaftler:innen – an Aktionen des zivilen Ungehorsams.. Der Unterschied zwischen Wissenschaftler:innen, die mit Klimafragen beschäftigt sind und Forscher:innen anderer Disziplinen ist deutlich: An Protesten beteiligten sich 2,5 Mal so viele Klimaforscher:innen wie Nichtklimaforscher:innen. Unter den Teilnehmer:innen an Aktionen des zivilen Ungehorsams überwogen Klimaforscher:innen 4:1.

Eine andere Studie von Viktoria Cologna (Universtät Zürich)3 von 2021 hat ergeben, dass von 1.100 Klimawissenschaftler:innen 90 Prozent sich zumindest einmal öffentlich in Klimafragen engagiert hatten, etwa durch Presseinterviews, Briefings für Entscheidungsträger:innen oder auf Social Media. Oft befürchten Wissenschaftler:innen, dass sie an Glaubwürdigkeit verlieren, wenn sie sich politisch äußern. Doch Colognas Studie, die auch Nicht-Wissenschaftler:innen einbezog, ergab, dass 70 Prozent der Deutschen und 74 Prozent der Amerikaner:innen es begrüßen, wenn Wissenschaftler:innen sich aktiv für Klimaschutzmaßnahmen einsetzen.

Titelfoto: Stefan Müller via Wikimedia. CC BY – Aktivist von Scientist Rebellion, wird von der Polizei nach Brückenblockade unter Anwendung von Schmerzgriffen abgeführt.


1 Nature 626, 710-712 (2024) doi: https://doi.org/10.1038/d41586-024-00480-3, bzw. https://www.nature.com/articles/d41586-024-00480-3

2 Dablander, F., Sachisthal, M. & Haslbeck, J. Preprint at PsyArXiv https://doi.org/10.31234/osf.io/5fqtr (2024).

3 Cologna, V., Knutti, R., Oreskes, N. & Siegrist, M. Environ. Res. Lett. 16, 024011 (2021).



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Global Tipping Points Report: Fünf Kippsysteme im Erdsystem schon jetzt gefährdet – doch es gibt auch positive gesellschaftliche Kippunkte
Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

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Kipppunkte stellen einige der größten Risiken für die lebenserhaltenden Systeme der Erde und die Stabilität unserer Gesellschaft dar. In einem bislang einmaligen Vorhaben hat ein großes internationales Forschungsteam auf der COP28 einen umfassenden Bericht über Kipppunkte im Erdsystem und ihre potenziellen Auswirkungen sowie Möglichkeiten für gesellschaftliche Veränderungen veröffentlicht. Mehr als 200 Forschende aus aller Welt haben an dem „Global Tipping Points Report“ mitgewirkt. Der über 500 Seiten umfassende Bericht ist ein maßgeblicher Leitfaden zum aktuellen Wissensstand über Kipppunkte. Er beschreibt Möglichkeiten zur Beschleunigung dringend benötigter Veränderungen und skizziert Optionen, wie die Politik die Risiken und Chancen von Kipppunkten besser steuern kann.

„Dieser Bericht ist der bisher umfassendste Überblick über Kipppunkte im Erdsystem“, erklärt Sina Loriani vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), einer der Hauptautoren des Berichts. „Das Überschreiten von Kippunkten kann grundlegende und mitunter abrupte Veränderungen auslösen, die das Schicksal wesentlicher Teile unseres Erdsystems für die nächsten Hunderte oder Tausende von Jahren unumkehrbar bestimmen könnten. Diese Kipppunkt-Risiken sind potenziell verheerend und sollten mit Blick auf heutige und künftige Generationen sehr ernst genommen werden, trotz der verbleibenden wissenschaftlichen Unsicherheiten.“

5 Kippsysteme derzeit gefährdet, 3 weitere in Gefahr bei Überschreitung von 1.5°C

Fünf große Kippsysteme laufen bereits Gefahr, bei der derzeitigen globalen Erwärmung ihren jeweiligen Kipppunkt zu überschreiten, so die Forschenden in ihrem Bericht: Der grönländische und der westantarktische Eisschild, die subpolare Wirbelzirkulation im Nordatlantik, Warmwasserkorallenriffe und einige Permafrost-Gebiete. Wenn die globale Erwärmung auf 1,5°C ansteigt, könnten mit borealen Wäldern, Mangroven und Seegraswiesen drei weitere Systeme in den 2030er Jahren vom Kippen bedroht sein.

In dem Bericht fassen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Informationen über Kippsysteme und die damit verbundenen Temperaturschwellen aus Studien über Klimaveränderungen in der Erdgeschichte, heutigen Erdbeobachtungen und Computersimulationen zusammen. Die Autoren weisen darauf hin, dass systematischere Untersuchungen, wie das vom PIK geleitete Tipping Point Modelling Intercomparison Project (TIPMIP), erforderlich sind, um in Zukunft genauere Erkenntnisse über Kipppunkte und die damit verbundenen wissenschaftlichen Unsicherheiten zu gewinnen.

„Unsere Analyse zeigt übereinstimmende Kernaussagen in der bisher veröffentlichten Forschung zu Kipppunkten im Erdsystem auf. Sie verdeutlicht, dass der gegenwärtige Klimawandel und der Verlust der Natur grundlegende Veränderungen in Schlüsselelementen des Erdsystems verursachen könnten, mit weitreichenden Folgen für Milliarden von Menschen auf der ganzen Welt“, sagt Jonathan Donges vom PIK, einer der Hauptautoren des Berichts. „Zu diesen Auswirkungen gehören ein beschleunigter Anstieg des Meeresspiegels, veränderte Wettermuster und geringere landwirtschaftliche Erträge – diese haben das Potenzial, negative soziale Kipppunkte auszulösen, die zu gewaltsamen Konflikten oder dem Zusammenbruch politischer Institutionen führen könnten. Kipppunkte sind auch nicht unabhängig voneinander, sondern stehen in enger Wechselwirkung: Die Überschreitung eines Kipppunkts im Erdsystem oder in der Gesellschaft könnte wiederum ein anderes Kippsystem destabilisieren, wodurch Kippkaskaden möglich werden.“

Positive Kippunkte im Gesellschaftssystem

Unter der Leitung der Universität Exeter haben mehr als 200 Forschende aus verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen die verfügbaren Belege für die Veränderungen des Erdsystems für den Global Tipping Points Bericht zusammengetragen und geprüft. Das Forschungsteam unterstreicht, dass positive Kipppunkte für den notwendigen transformativen Wandel hin zum raschen Ausstieg aus fossilen Brennstoffen und der Verringerung der Emissionen aus der Landnutzung entscheidend sein können, um den Planeten zu stabilisieren und negative Auswirkungen von Erdysstem-Kipppunkten auf Gesellschaften zu vermeiden. Wenn man die Erkenntnisse über Kippdynamiken auf Gesellschaftssysteme anwendet, zeigt sich, dass solche wünschenswerten Veränderungen unter den richtigen Bedingungen selbstverstärkend wirken können. Ein Großteil des Berichts hebt daher die Potenziale für abrupte soziale und technologische Veränderungen hervor und verdeutlicht, dass solche nichtlinearen Veränderungen bereits heute auf den Märkten für erneuerbare Energien und Elektrofahrzeuge zu beobachten sind. Der Bericht hebt mehrere Optionen zur Beschleunigung der Transformation hervor, wie etwa koordinierte Anstrengungen, um positive gesellschaftliche Kipppunkte in den Sektoren Energie, Verkehr und Ernährung auszulösen, und das Vertiefen von Wissen über Kipppunkte in einem IPCC-Sonderbericht.

„Die Welt befindet sich nicht mehr in einem Zustand des schrittweisen und linearen Wandels“, fasst PIK-Direktor Johan Rockström zusammen. „Das bedeutet, wir müssen einen rasanten und tiefgreifenden Wandel über mehrere Sektoren und Regionen hinweg auslösen, indem wir aus den fossilen Brennstoffen aussteigen und gleichzeitig positive soziale und wirtschaftliche Kipppunkte nutzen. Die Anreize und Hebel für eine Transformation müssen sich so grundlegend ändern, dass wir als Gesellschaft einen neuen, nachhaltigen Kurs einschlagen. Der Global Tipping Points Bericht bietet den ersten umfassenden Leitfaden, um uns über die bevorstehenden Gefahren und Chancen aufzuklären.“


Report: 
T.M. Lenton, D.I. Armstrong McKay, S. Loriani, J.F. Abrams, S.J. Lade, J.F. Donges, M. Milkoreit, T. Powell, S.R. Smith, C. Zimm, J.E. Buxton, L. Laybourn, A. Ghadiali, J. Dyke (eds) (2023): The Global Tipping Points Report 2023. University of Exeter, Exeter, UK. 

Webseite zum Reporthttps://global-tipping-points.org/

Titelbild: KI



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Die Klimakosten des Kriegs in Gaza und Israel
von Martin Auer

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In einer Kurzstudie haben Benjamin Neimark von der Queen Mary University of London und vier Kolleg:innen die klimatechnischen Auswirkungen der ersten 60 Tage des Kriegs zwischen Israel und Hamas errechnet. Die CO2-Emissionen in diesem Zeitraum waren so hoch wie die der 20 durch die Klimaerhitzung verwundbarsten Länder. Über 99 % dieser 281.000 Tonnen CO2 (entspricht etwa dem Verbrennen von 150.000 Tonnen Kohle) wurden durch die Bombardierung des Gaza-Streifens und die Bodenoffensive der israelischen Armee verursacht. Einbezogen wurden Emissionen vom Treibstoff für Flugzeuge, Panzer und andere Fahrzeuge, und die Emissionen durch die Herstellung und das Explodieren von Bomben, Artilleriegeschossen und Raketen. Andere Treibhausgase wie zum Beispiel Methan wurden in die Studie nicht einbezogen. Fast die Hälfte der CO2-Emissionen wurde durch die US-amerikanischen Flugzeuge verursacht, die militärischen Nachschub nach Israel brachten.

Die Raketen, die von der Hamas auf Israel abgefeuert wurden, verursachten ungefähr 713 Tonnen CO2 (entspricht 300 Tonnen verbrannter Kohle).

36 bis 45 % aller Gebäude in Gaza sind zerstört worden. Der Wiederaufbau dieser 100.000 Gebäude in Gaza wird mindestens 30 Millionen Tonnen CO2 verursachen. Das entspricht den jährlichen Emissionen von Neuseeland.

Generell verursachen die Militärs der Welt 5,5 % der globalen Emissionen, mehr als die zivile Luftfahrt und die Schifffahrt zusammengenommen. Beim Klimagipfel COP28 in Dubai standen die Zusammenhänge zwischen Krieg, Sicherheit und der Klimakatastrophe zwar auf der Agenda, doch das führte nicht zu irgendwelchen wirksamen Schritten, um die Militärs in die Verantwortung zu nehmen und mehr Transparenz zu erreichen.



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COP28 – Erstmals: „…weg von fossilen Energiesystemen“
von Renate Christ

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COP28 ist zu Ende und es ist Zeit Bilanz zu ziehen.

Die COP begann eher unerwartet mit einem positiven Schritt. Der Fonds für Verluste und Schäden, um den jahrelang – zuletzt in Scharm El-Scheich – gerungen wurde, wurde formell eingesetzt und mit finanziellen Zusagen gefüllt. Auch wenn die Summe von 700 Millionen US$ (zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Artikels) nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann, war es eine wichtige vertrauensbildende Maßnahme.

Global Stocktake

Haupttagesordnungspunkt dieser COP war die erste globale Bestandsaufnahme „Global Stocktake“ zur Frage: sind wir kollektiv auf dem Weg, die Ziele von Paris zu erreichen? Sie dient als Basis für die Entwicklung der nächsten nationalen Beiträge für den Zeitraum 2025 bis 2030. Das heißt man blickt zurück auf das, was seit Paris erreicht wurde und nach vorne, was notwendig ist, um die Ziele einzuhalten. Ein wesentlicher Punkt, war die Forderung nach einem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Dies ist insofern bedeutsam, als in 30 Jahren internationaler Klimapolitik zwar viel über Emissionen und Konzentrationen geredet wurde, die eigentliche Ursache, nämlich die fossilen Brennstoffe aber nie direkt beim Namen genannt wurde. Entsprechend kontroversiell waren die Debatten und der letztendlich erzielte Kompromiss hat Stärken und Schwächen.

1,5°C Ziel ausdrücklich verankert

Klar ist, ohne Pariser Abkommen (PA) würde die Erwärmung noch stärker voranschreiten, nämlich auf nahezu 4°C. Wenn alle in den unter dem Pariser Abkommen vorgelegten nationalen Beiträge (NDC) vollinhaltlich umgesetzt werden ist ein Temperaturanstieg von 2,1°C bis 2,8°C zu erwarten. Dass sie wirklich voll umgesetzt werden, ist allerdings nicht immer anzunehmen. Auch Österreich hinkt den selbst gestellten Zielen hinterher. Das heißt, es passiert etwas, aber viel zu langsam und viel zu wenig. Die Wissenschaft sagt klar, die Auswirkungen von Klimaänderungen sind wesentlich geringer bei 1,5°C Erwärmung als bei 2°C. Daher kämpfen vor allem vulnerable Länder für die Einhaltung der 1,5°C Grenze. Allerdings sind dazu drastische Emissionsreduktionen in diesem Jahrzehnt – d.h. bis 2030, dem Zeitrahmen für die nächsten NDCs – nötig.

Wenn auch nicht formell bindend, sind das 1,5°C Ziel und die damit verbundenen Erfordernisse in der COP28 Entscheidung fest verankert, nämlich 43% Reduktion der Treibhausgase bis zum Jahr 2030, 60% Reduktion bis 2035 und Netto Null in 2050. Für alle weiteren Entscheidungen gibt das die Richtung an, sozusagen als „Polarstern“.

Umstieg weg von fossilen Energiesystemen

Der zentrale und hart umkämpfte Paragraph spricht erstmals von einem Umstieg weg von fossilen Energiesystemen in diesem kritischen Jahrzehnt (d.h. bis 2030), um Netto-Null in 2050 zu erreichen. Dieser Passus hat in einer früheren Version des von der Präsidentschaft vorgelegten Textes völlig gefehlt und auch alle anderen Maßnahmen wurden nur unter „könnte“ aufgezählt. Intensive Verhandlungen am letzten Tag haben endlich zu einem Kompromiss geführt, der ein klares Signal an die Wirtschaft sendet, dass das fossile Zeitalter zu Ende geht. Als weitere konkrete Maßnahmen werden eine Verdreifachung von erneuerbaren Energiequellen und eine Verdopplung der Energieeffizienz bis 2030 genannt, eine Verminderung von Methanemissionen und der Schutz von natürlichen Senken.

Schlupflöcher und der Einfluss der Öl-, Gas- und Kohlelobby

Problematisch sind allerdings einige Schlupflöcher, die den Einfluss der mächtigen Öl-, Gas- und Kohlelobby und einen wachsenden Einfluss der Atomlobby zeigen. Aber auch eine Reihe von Schwellenländern, vor allem solche die in den letzten Jahren stark in Kohlekraftwerke investiert haben oder Öl- und Gasvorkommen haben, haben Problem mit einer raschen Transformation und wollen flexiblere nationale Ausstiegspläne. So wird im Text die Rolle von Gas für die Energiesicherheit während des Umstiegs betont. Die Beendigung von Förderungen für fossile Brennstoffe wird auf „ineffiziente“ beschränkt und im Verkehrssektor wird nur von einer Reduktion der Emissionen gesprochen. Im Energiesektor wird die Nutzung von Kernenergie, CO2 Speicherung (Carbon Dioxide Capture Utilisation and Storage – CCUS) und sogenannte „low carbon“ Wasserstoffproduktion ausdrücklich erwähnt und statt Kohleausstieg findet man eine vage Formulierung zur Reduktion von „unabated“ Kohlekraftwerken, d.h. ohne CCUS. Die Erwähnung von CCUS ist insofern problematisch, als diese Technologie zwar seit Jahren bekannt ist, sich aber nie wirklich zur Marktreife entwickelt hat und ein Vertrauen darauf die Nutzung von fossilen Brennstoffen prolongieren könnte, ohne das angestrebte netto-null Ziel zu erreichen.

Abgesehen von den mit Technologien wie Kernkraft oder CCUS verbundenen Risiken und Kosten ist der Zeitraum für die Umsetzung in großem Umfang einfach zu lang, um innerhalb der 1,5°C Grenze zu bleiben. Wichtig wäre auch, und das fehlt im Schlussdokument, dass in keine neuen Kohleminen, Öl- und Gasbohrungen und andere fossile Infrastruktur investiert wird. So haben Investitionen in Flüssiggasterminals und Gasinfrastruktur in vielen Industriestaaten, auch in Österreich, zu einem gewissen Vertrauensverlust geführt. Es geht jetzt darum, wie konsequent Länder den Ausstieg aus fossiler Energie angehen, ohne Kompromisse und sogenannte Übergangstechnologien. Zu bemerken ist die immer stärker werdende Rolle der Zivilgesellschaft in der Klimapolitik, die in Dubai auf eine klare Entscheidung gepocht hat, damit ambitionierten Ländern den Rücken gestärkt hat und die hoffentlich auch konsequentes Handeln einfordern wird.

Klimawandelanpassung

Ein weiterer Fortschritt dieser Konferenz ist die Einigung auf Rahmenbedingungen für ein globales Ziel für Klimawandelanpassung. Dies ist wichtig, um gezielte Maßnahmen zur Verminderung von klimabedingten Risiken zu identifizieren, zu planen und umzusetzen und dadurch Verluste und Schäden zumindest verringern zu können.

Klimafinanzierung

Wie bisher waren auch Fragen der Finanzierung zentral, wobei das Thema sehr komplex ist, beginnend mit der Frage: was ist eigentlich Klimafinanzierung? Obwohl eine Reihe von neuen Finanzierungszusagen gemacht wurde, reichen die Summen bei weitem nicht aus, um Entwicklungsländer bei der Transformation weg von fossilen Brennstoffen und den notwendigen Anpassungsmaßnahmen entsprechend zu unterstützen, ohne die Schuldenlast zu erhöhen. Finanzierung ist daher einer der wichtigsten Tagungsordnungspunkte für COP29, die im November 2024 in Baku, Aserbaidschan stattfinden wird. Wichtig wird COP30, die in Belem in Brasilien stattfinden wird, denn bis dahin müssen die neuen und verschärften nationalen Beiträge vorgelegt werden. Es ist viel zu tun in den nächsten zwei Jahren.

Renate Christ ist selbstständige Beraterin für Klimawandel und Umweltservices. Sie leitete mehr als zehn Jahre lang das Sekretariat des IPCC.

Titelfoto: CNCD-11.11.11, CC BY-NC-SA



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USA: Umweltorganisationen unterstützen den Streik der Automobil-Arbeiter:innen
von Martin Auer

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Am Freitag, 15. September hat der Streik der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW)gegen die drei großen amerikanischen Automobilhersteller General Motors, Ford und Stellantis (Früher Fiat-Chrysler) begonnen. Über 100 Umweltorganisationen wie Fridays for Future USA oder Greenpeace und andere zivilgesellschaftliche Organisationen unterstützen den Streik in einem offenen Brief.

Worum geht es bei dem Streik?

Es geht um die Kollektivverträge für 145.000 Arbeiter:innen. Die Gewerkschaft fordert eine Viertage-Woche zu 32 Stunden. Der Präsident der Gewerkschaft, Shawn Fain, erklärte, dass Automobilarbeiter:innen oft sieben Tage in der Woche 10 bis 12 Stunden am Band stehen würden, um über die Runden zu kommen. Die Gewerkschaft fordert auch massive Lohnerhöhungen. Die CEOs der „Großen Drei“ haben sich in den letzten vier Jahren Gehaltserhöhungen um durchschnittlich 40 % genehmigt. Die Gewerkschaft fordert für die Arbeiter:innen Stundenlöhne von rund $32,00. Im Jahr 2007 betrug der Anfangslohn $19,60. Berücksichtigt man die Inflation seither, würde das heute $28,69 entsprechen. Doch tatsächlich beträgt der Anfangslohn heute $18,04. In den letzten 20 Jahren wurden 65 Fabriken der „Großen Drei“ geschlossen, mit katastrophalen Folgen für die umliegenden Gemeinden. Die UAW fordert ein „Familienschutzprogramm“: Wenn eine Fabrik geschlossen wird, sollen betroffene Arbeiter:innen die Möglichkeit bekommen, bezahlte gemeinnützige Arbeit zu verrichten. Der Streik beginnt an jeweils einem der Standorte der großen Drei in Detroit, mit insgesamt über 12.000 Beschäftigten.

Quelle: CBS News (https://www.cbsnews.com/news/uaw-strike-update-four-day-work-week-32-hours/)

Warum unterstützen Umweltorganisationen den Streik?

In dem offenen Brief weisen die Organisationen darauf hin, dass die Beschäftigten und ihre Gemeinden in den letzten Monaten beispiellose extreme Hitze, Rauchverschmutzung, Überschwemmungen und andere Katastrophen erlebt haben. „Die Führungskräfte Ihrer Unternehmen haben in der Vergangenheit Entscheidungen getroffen, die diese beiden Krisen in den letzten Jahrzehnten verschärft haben – was zu weiterer Ungleichheit und zunehmender Umweltverschmutzung geführt hat.“ In den nächsten Jahren, so der Brief, muss der Übergang weg von fossilen Brennstoffen und Verbrennungsmotoren gemeistert werden. Mit dieser Verschiebung ergibt sich für die Arbeitnehmer:innen in den Vereinigten Staaten eine Chance, von einer Wiederbelebung und Erneuerung der Fertigungsindustrie, einschließlich Elektrofahrzeugen und kollektiven Transportmitteln wie Bussen und Zügen, als Teil der Revolution der erneuerbaren Energien zu profitieren. „Der Übergang zu Elektrofahrzeugen“, heißt es weiter, „darf kein ‚Wettlauf nach unten‘ sein, der die Arbeitnehmer:innen weiter ausbeutet.“

Der Brief schließt: „Wir und Millionen Amerikaner:innen wollen, wofür die UAW verhandelt: familienerhaltende, gemeinschaftsfördernde, gewerkschaftlich organisierte Arbeitsplätze in einer grünen Energiewirtschaft; einer Wirtschaft, die uns allen ermöglicht, auf einem lebendigen Planeten den Lebensunterhalt zu verdienen.“

Unterzeichnet haben unter anderem: Fridays for Future USA, 350.org, Greenpeace USA, Friends of the Earth, Labor Network for Sustainability, Oil Change International, Union of Concerned Scientists neben 109 weitere Organisationen.

Quelle: https://www.labor4sustainability.org/uaw-solidarity-letter/

Kein Entweder-Oder zwischen guten und grünen Jobs

Trevor Dolan von Evergreen Action erklärte dazu: „Wir müssen uns nicht zwischen guten und grünen Arbeitsplätzen entscheiden. Konzerntitanen werden versuchen, unsere Bewegung zu spalten, indem sie uns vor eine falsche Wahl stellen. Sie werden versuchen zu argumentieren, dass der Bau saubererer Autos wichtiger sei als die Unterstützung der Arbeitnehmer:innen. Aber wir wissen es besser. Unsere kollektive Bewegung kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Arbeitnehmer:innen direkt von den Klimaschutzmaßnahmen profitieren. Evergreen und die Umweltbewegung sind bereit, den Arbeitnehmer:innen zur Seite zu stehen, denn ein fairer Übergang zu einer Zukunft mit sauberer Energie bedeutet nicht nur den Einsatz sauberer Technologie, sondern auch die Förderung einer Wirtschaftsagenda der Arbeiter:innenklasse, die Arbeitnehmer:innen und Gemeinschaften unterstützt. Es obliegt dem Präsidenten und der Klimabewegung, die UAW in diesem Kampf weiter zu unterstützen und dazu beizutragen, dass der Übergang zu Elektrofahrzeugen nicht zu einem Wettlauf der Unternehmen nach unten wird.“

Quelle: https://www.citizen.org/news/uaw-ev-transition/

Unternehmen haben auch Verantwortung gegenüber den Steuerzahler:innen

Erika Thi-Patterson vom Public citizen’s Climate Program: „Der Inflation Reduction Act wird Milliarden von Steuergeldern in die Bemühungen der Autohersteller um den Übergang zu Elektrofahrzeugen pumpen. Da die Steuerzahler:innen den Übergang vorantreiben, müssen die Autohersteller der Schaffung von Millionen guter, gewerkschaftlich organisierter Arbeitsplätze für ihre Mitarbeiter:innen Priorität einräumen – neben der Umstellung auf grünen Stahl, dem nachhaltigen Recycling von Elektrofahrzeugbatterien und einer robusten Transparenz für Verbraucher:innen und Gemeinden.“

Quelle: https://www.citizen.org/news/uaw-ev-transition/

Das Titelbild zeigt ein Wandgemälde von Diego Rivera im Detroit Institute of Arts aus den Jahren 1932 bis 33, das die Arbeit in den Ford-Werken von Detroit zum Thema hat.
Aufnahme: Cdschock via flickr, CC BY 2.0



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Offener Brief zur Bedeutung einer Bodenschutzstrategie für Österreich

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Anlässlich der ÖROK-Sitzung am 27. September 2023 hat die Fachgruppe Bodenverbrauch der S4F Österreich einen weiteren offenen Brief formuliert, um erneut auf die Bedeutung einer Bodenschutzstrategie für Österreich aufmerksam zu machen.

Sehr geehrte/r Frau Landeshauptfrau/ Herr Landeshauptmann,

als lebendes Ökosystem bildet der Boden die Grundlage für die landwirtschaftliche Produktion, unser Trinkwasser, den Erhalt der Biodiversität und nicht zuletzt für unser eigenes Wohlergehen. Doch unsere Böden stehen unter zunehmendem Druck. Durch jeden Quadratmeter versiegelten Boden verlieren wir nicht nur die Basis für den Anbau unserer Lebensmittel, sondern auch die Möglichkeit zum Beispiel Kohlenstoff (und damit CO2) und Wasser zu speichern. Wir, Wissenschaftler:innen der Scientists for Future der Fachgruppe Boden, haben mit großer Sorge zur Kenntnis genommen, dass die in einem breiten Diskurs erarbeitete nationale Bodenschutzstrategie noch immer nicht beschlossen worden ist. Die aktuelle Praxis ohne Strategie gefährdet die Nahrungsmittelversorgung, fördert Überschwemmungen und führt zu hohen Kosten [1,2]. Jeder Tag ohne einen nationalen „Fahrplan“ bedeutet den Verlust weiterer wertvoller landwirtschaftlicher und biologisch aktiver Flächen. Boden ist eine nicht vermehrbare Ressource und kann nicht ersetzt werden.

In Österreich liegt es in der Hand der Bundesländer, hier geeignete Maßnahmen durch die überörtliche Raumplanung zu setzen. Die Bodenstrategie gibt ihnen dazu Vorschläge in die Hand. Viele dieser Vorschläge werden in den einzelnen Bundesländern bereits erfolgreich angewendet, doch gilt es nun diese zu bündeln und österreichweit umzusetzen. Und es ist Aufgabe von Bund und Ländern Ziele und Maßnahmen zur Reduktion des „Bodenverbrauchs“ festzulegen, um die von der EU festgelegten Netto-Null-Flächenneuinanspruchnahme bis spätestens 2050 zu erreichen [3,4]. Dazu braucht es einen nationalen Schulterschluss – nicht nur der Bundesländer, sondern aller administrativen Ebenen. Denn letztendlich müssen die Gemein-den gemeinsam mit Betrieben und den Bürger:innen vor Ort die Umsetzung bewerkstelligen und mittragen.

Vor diesem Hintergrund sehen wir eine zügige Beschlussfassung der Bodenstrategie als einen notwendigen ersten Schritt, damit dringend erforderliche Maßnahmen rasch umgesetzt und weitere Instrumente für den Erhalt unserer Böden entwickelt werden können. Als ein sehr wirksames Instrument sei eine Erhebung aller Gewerbe- und Industriebrachen und der Leerstände von Gebäuden angeführt. Durch eine Förderung der Nutzung dieser ca. 40.000 ha könnte ein Großteil des Bedarfs abgedeckt werden, ohne dass es zu neuen Bodenverlusten kommt.

Handeln wir nicht jetzt, werden zukünftige Lösungen deutlich mehr Konfliktpotential in sich bergen, weil die Einschnitte in die Lebensgewohnheiten der Menschen in Österreich immer gravierender werden.

In diesem Sinne tragen wir gerne mit unserem Wissen zu einer gemeinsamen Gestaltung unseres Lebensraumes bei und würden uns über die Möglichkeit direkter Gespräche freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

DI Dr. Christina Hummel (Scientists for Future, Koordinatorin Fachgruppe Boden)
Univ.-Prof. DI Dr. Dr.h.c. mult. Martin H. Gerzabek (Universität für Bodenkultur Wien, ÖAW)
DI Gaby Krasemann (Universität Klagenfurt, Scientists for Future)
DI Dr. Sigrid Schwarz (Vizepräsidentin, Österreichische Bodenkundliche Gesellschaft)
DI MSc. Gerlinde Krawanja-Ortner (Bodenkunde, GeoPark Karnische Alpen)
Priv.Doz. DI Dr. Johannes Tintner-Olifiers (Umweltwissenschaftler, denkstatt gmbH)
DI Barbara Steinbrunner, MSc (Institut für Raumplanung, TU Wien)
DP DI Franz Fehr, MSc (UniNEtZ, Universität für Bodenkultur Wien)


1 https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/Bund_2023_17_Lebensmittel.pdf
2 https://www.hagel.at/wp-content/uploads/2023/07/PK-Studie_Flaechenentwicklung.pdf
3 https://info.bml.gv.at/dam/jcr:0d5df73f-114b-447d-8186-cbf0d68fbe3e/Studie%20UBA%20Bodenverbrauch.pdf
4 https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/PDF/?uri=CELEX:52021DC0699


Der offene Brief steht hier zum Download bereit.


Titelbild: geri cleveland auf Pixabay



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Nachhaltigkeit an Schulen mit gebührender Dringlichkeit stärken – Offener Brief an Bildungsminister

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Offener Brief der Teachers For Future, AG Schule der Scientists for Future, Psychologists For Future, Parents For Future & Grandparents For Future

Sehr geehrter Herr Bundesminister Polaschek!

Als Lehrer*innen, Wissenschaftler*innen, Psycholog*innen und (Groß-)Eltern eint uns angesichts der Klimakrise die Sorge um unsere Kinder und Jugendliche.

Wir begrüßen die feste Verankerung von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in den neuen Lehrplänen, mit deren Umsetzung Schulen „Modelle für eine zukunftsfähige Lebensgestaltung“ werden können.

Nachhaltigkeit ist ein Gerechtigkeitskonzept mit dem Ziel, allen Menschen weltweit – heute und in Zukunft – ein gutes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten zu ermöglichen.

BNE will daher nicht nur Faktenwissen vermitteln, sondern auch junge Menschen ermutigen und befähigen, eine wünschenswerte Zukunft aktiv mitzugestalten. Dies funktioniert, wenn Schule das, was sie lehrt, auch selbst lebt. Dieser „Whole School Approach“ beinhaltet unter anderem den Weg zu Klimaneutralität in Bezug auf Verpflegung, Schulweg und -reisen sowie im Umgang mit Energie. Ohne strukturellen Rückhalt ist es für Lehrende schwer bis unmöglich, auch noch diesen Herausforderungen gerecht zu werden. Zur raschen und erfolgreichen Umsetzung der ehrgeizigen Ziele des neuen Lehrplans brauchen sie daher mehr förderliche Strukturen, die nur mithilfe des BMBWF wirkungsvoll auf- und ausgebaut werden können.

Um die Erderhitzung auf 1,5°C zu stabilisieren und gravierende soziale, wirtschaftliche und ökologische Konsequenzen zu mindern, müssen unsere gemeinsamen Bemühungen noch in dieser Dekade wirksam werden. Wir schlagen zunächst drei konkrete und schnell umsetzbare Maßnahmen vor, die auf der Expertise von Wissenschaftler*innen, Psycholog*innen, Lehrkräften und Eltern sowie dem Forderungskatalog von Teachers For Future basieren:

1. Jede Schule braucht eine*n Klimabeauftragte*n! Diese Lehrperson ist an ihrer Schule Ansprechperson für Klimaschutz und nachhaltige Entwicklung, sie koordiniert lokale Klimaprojekte, motiviert und unterstützt Kolleg*innen. Um immer am Puls der Zeit zu sein, treffen sich Klimabeauftragte regelmäßig und besuchen Fortbildungen.

2. Nachhaltigkeit braucht Vorrang! Eine fixe Verankerung in der Schulqualitätsarbeit (QMS) macht gelebte Nachhaltigkeit zum expliziten gemeinsamen Ziel. Dieser strukturelle Rückhalt erleichtert es den Lehrkräften, beherzt den Weg in Richtung Klimaneutralität einzuschlagen und für die erfolgreichen Schritte mit gemeinsam entwickelten Kriterien Sorge zu tragen.

3. Der Weg zur Nachhaltigkeit braucht Zeit! Klimabildung braucht regelmäßig einen bedeutenden Platz in pädagogischen Konferenzen, um kurz-, mittel- und langfristige Fortschritte im Unterricht und in der Schulorganisation gemeinsam zu bewirken. Dies beginnt mit Sensibilisierung und Aufklärung, der Integration der damit einhergehenden Gefühle wie Überforderung, Angst und Wut sowie dem Stärken engagierter Schüler*innen, und endet erst mit einem CO2-neutralen, nachhaltigen Schulbetrieb.

Angesichts der außerordentlichen Dringlichkeit der Klimakrise bitten wir Sie daher bis November 2023,

1. die Finanzierung strukturell verankerter, bezahlter Klimabeauftragter an allen Schulen und deren Koordination in den Bildungsdirektionen ab dem kommenden Schuljahr 2024/25 zu garantieren, sowie deren Arbeit sowohl öffentlich als auch in Kooperation mit den Bildungsdirektionen zu stärken,

2. Klimaneutralität, klimagerechte Bildung und Ökologisierung des Schulalltags als verpflichtende Entwicklungs-Themen für alle Schulen zu verankern und damit echte Klimaneutralität 2040, zu der sich Österreich verpflichtet hat, unmissverständlich zu priorisieren,

3. sich in den regelmäßigen Treffen mit den Bildungsdirektionen dafür einzusetzen, dass sich mindestens eine pädagogische Konferenz pro Schuljahr dem Thema BNE widmet, und dass einmal pro Semester Vertreter*innen von Scientists & Teachers For Future und anderen Expert*innengruppen zu diesen Treffen eingeladen werden.

Wir betonen die wissenschaftlich gesicherte Dringlichkeit dieser beispielhaft genannten Handlungsoptionen. Das BMBWF ist ausgezeichnet aufgestellt und in der Lage, ihre positive Umsetzung zu ermöglichen. Im Rahmen der Möglichkeiten als zivilgesellschaftliche Organisationen möchten wir diese Entwicklung konstruktiv und tatkräftig begleiten.

Mit besten Grüßen

Teachers For Future

Scientists For Future

Psychologists For Future

Parents For Future

Grandparents For Future

Kontakt:

Teachers For Future Österreich:

Scientists For Future Österreich:


Titelbild: 潜辉 韦 auf Pixabay



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Wo bleibt die Bodenschutzstrategie?

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Update zum Offenen Brief der Fachgruppe Bodenverbrauch

Am 4. Mai veröffentliche die Fachgruppe Bodenverbrauch der S4F einen offenen Brief, in dem sie eine Stellungnahme zum Verbleib der Bodenstrategie für Österreich forderte. ÖROK-Migliedern und Expert:innen arbeiteten bereits im November 2022 eine Strategie aus, sie wurde aber immer noch nicht politisch beschlossen. Etliche Wissenschaftler:innen unterzeichneten den Brief, um ihre Unterstützung zu signalisieren. Die Antwort des Ministeriums und Rückantwort der FG Bodenverbrauch gibt es in diesem Beitrag.

Zur Veröffentlichung des offenen Briefs wurde zu einem Pressegespräch mit Diskurs. Das Wissenschaftsnetz geladen. Hier sprachen die Expert:innen Renate Christ (Biologin, ehemalige Leiterin des IPCC Sekretariats, CCCA), Martin Gerzabek (BOKU, Bodenforschung, ÖAW), Franz Fehr MSc. (BOKU, Agrarwissenschaft, UniNEtZ), Ulrich Leth (TU Wien, Mobilität) und Gaby Krasemann (AAU, Stadtplanerin) zum Thema.

Der offene Brief kann hier eingesehen werden (Unterschriftenliste Stand 08.5.23):


Die Antwort des Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft (BML) folgte am 6. Juni mit Ende Juni als geplantem Termin, sich dem Thema zu widmen. Das Antwortschreiben des Ministeriums kann hier eingesehen werden:


Nachdem kein Beschluss folgte, reagierte die FG Bodenverbrauch am 11. Juni mit einem erneuten Antwortschreiben, indem die Gruppe ihre wissenschaftliche Unterstützung anbietet und eine langfristige Netto-Null-Flächeninanspruchnahme fordert und begründet. Das Antwortschreiben der FG Bodenverbrauch kann hier nachgelesen werden:


Titelbild: Tama66 auf pixabay



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Stellungnahme der S4F Salzburg zum Regierungsübereinkommen von ÖVP und FPÖ

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Pressemitteilung vom 2. Juni 2023

„Das Regierungsübereinkommen von ÖVP und FPÖ enthält einiges Positive, aber auch deutliche Schwachstellen, die der Notwendigkeit entschiedeneren Handelns gegen die Klimakrise entgegenstehen“, heißt es in einer Stellungnahme von Scientists for Future Salzburg, die gestern an Landeshauptmann Dr. Haslauer und die weiteren mit Umwelt- und Klimafragen befassten Regierungsmitglieder übermittelt wurde. Begrüßt wird etwa der weitere Ausbau des Öffentlichen Verkehrs, der Zubringer- sowie Radinfrastrukturen, die Fortführung geförderter ÖV-Ticktes. Maßnahmen im Energiebereich, beispielsweise die geplante Einführung eines Renovierungsbonus, werden ebenfalls positiv beurteilt. 

Auch der Ausbau erneuerbarer Energieanlagen stehe im Regierungsprogramm, allerdings ohne konkrete Ausbauziele, kritisieren die Experten von Scientists for Future: „Im Bereich Windenergie wird das Projekt Windsfeld explizit genannt – es gibt allerdings keine Zielsetzung für den in dieser Legislaturperiode angestrebten Leistungsausbau. Wir hätten uns im Koalitionsvertrag aber eine Bestätigung von mind. 250 GWh Windenergie gewünscht, was mit dem Windsfeld allein nicht machbar ist. Auch das Ziel von mind. 500 GWh aus Photovoltaikanlagen wird nicht explizit bestätigt.“  Der Austausch von Heizanlagen mit fossilen Brennstoffen solle zwar unterstützt werden, jedoch fehlten auch hier konkrete Ziele, bis wann bestehende Anlagen ersetzt sein müssen.  

Auch im Mobilitätsbereich fehle Wesentliches: „etwa die Zielerreichung im Bereich der Elektromobilität, wie im Masterplan Klima+Energie 2030 festgehalten, sowie die Notwendigkeit einer grundlegenden Mobilitätswende.“ Die Pläne für den weiteren Ausbau des Flughafens, etwa wieder Kurzstreckenflüge nach Wien, seien mit einer wirksamen Klimapolitik nicht vereinbar. Energieeffizienz werde angesprochen und Energieberatung betont, „eine Verbrauchsreduktion im Kontext nachhaltiger Konsum- und Mobilitätsstile jedoch nicht angesprochen – außer indirekt im Verweis auf die fortzuführende Umweltbildung.“

Im Umwelt- und Klimakontext interessant ist auch die Betonung des sparsamen Umgangs mit Grund und Boden. Die Vermeidung übermäßiger Bodenversiegelung „sei ein Gebot der Stunde“, steht im Regierungsübereinkommen. Eine effizientere Nutzung von bestehendem Wohnraum werde angesprochen, die Maßnahmen zur Leerstandsnutzung bleiben aber vage, so die Scientists. „Wir wollen Zweitwohnsitzobjekte verstärkt für die Hauptwohnsitznutzung mobilisieren“, sei da lediglich zu finden. Positiv wird der Hinweis auf das Bauen mit Holz als klimaschonendem und regionalem Rohstoff gesehen. 

Auch im Bereich Biodiversität orten die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen Positives und Negatives: Der Bereich Naturschutz sei ein konfliktreiches Feld. Das Ziel, diesen Konfliktbereich mit Stakeholdern partnerschaftlich zu entwickeln, sei zu begrüßen.  Die Beschneidung von Verfahrensrechten und Änderungen bei Verfahren müsse jedoch wohl überlegt werden, vor allem in den potentiellen Konfliktbereichen Wasserkraft, Hochwasserschutz und Landwirtschaft. In der Stellungnahme heißt es: „Wir begrüßen die Beibehaltung der Landesumweltanwaltschaft und haben Verständnis für die Absicht, dass für die raschere Errichtung erneuerbarer Energieanlagen Verfahrensanpassungen notwendig sind. Wir weisen gleichzeitig darauf hin, dass Ausnahmen nicht breit im ´öffentlichen Interesse´ möglich sein sollen, sondern nur für die Erzeugung erneuerbarer Energien.“ Positive oder negative Auswirkungen auf Biodiversität und Naturhaushalt sollten bei der Priorisierung und Förderung von Projekten berücksichtigt werden.

Von FPÖ-Regierungsmitgliedern wird Anerkennung des menschengemachten Klimawandels gefordert

Kritisiert wird von Scientists for Future, dass die menschengemachte Klimakrise nicht explizit angesprochen wird:  „Es gibt im Regierungsübereinkommen leider kein eigenes Kapitel zu Klimaschutz, Klimawandelanpassung oder Biodiversität.“ Klimaschutz komme zwar in der Überschrift des Abschnittes 6.2 vor, im Text würden aber beispielsweise die Maßnahmen des bestehenden und beschlossenen Masterplans Klima- und Energie 2030 nicht erwähnt. Unklar sei daher, ob dessen Ziele für den Bereich Klimaschutz und Klimawandelanpassung weiterhin Gültigkeit haben und eine Zielerreichung verfolgt wird.

Es finde sich auch kein Wort über die sich beschleunigende Klimakrise und wie man ihr proaktiv auf Landesebene begegnen könnte, „zB durch ein umfassendes Klimaschutzgesetz auf Landesebene, das integriert Klimaschutz, Energiewende und Klimawandelanpassungsnotwendigkeiten konkret adressiert.“ Da seitens der FPÖ der menschengemachte Klimawandel immer wieder relativiert werde, heißt es in der Stellungnahme: „Wir wünschen uns eine explizite Bestätigung von allen FPÖ-Regierungsmitgliedern, dass der Klimawandel menschengemacht und der Alpenraum besonders betroffen ist und sie – unabhängig von der Position ihrer Bundespartei – im Rahmen ihrer Ressortzuständigkeiten den CO2-Ausstoß in Salzburg zumindest den Zielpfaden der Klima- und Energiestrategie SALZBURG 2050 massiv reduzieren werden.“

Das Resümee der Scientists: „Der grundlegende Paradigmenwechsel bleibt ausgespart. 

Betont wird die weitere Steigerung des Lebensstandards sowie der Wettbewerbsfähigkeit der Salzburger Wirtschaft ohne ökologische Spezifizierung. Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft werden zwar im Zusammenhang mit Förderungen erwähnt – Nachhaltigkeit auch im Kontext von Tourismus, am Wachstumsmodell wird aber festgehalten. Zielkonflikte mit einer nachhaltigen Entwicklung werden nicht gesehen beziehungsweise ausgeblendet. Die Frage nach der Notwendigkeit einer drastischen Reduzierung des Ressourcen- und Energieverbrauchs wird nicht gestellt – Stichwort „starke Entkopplung“ von Wirtschaftsleistung und Ressourcenverbrauch. Die Erreichung der Klima- und zukünftigen Biodiversitätsziele bleibt daher fraglich.“

„Ein gemeinsames Angehen der ‚multiplen‘ Krisen, die sich uns stellen, sind wir den gegenwärtigen und insbesondere den jungen und künftigen Generationen schuldig. Es gibt eine ethische und moralische Verpflichtung, entschiedener basierend auf wissenschaftlicher Evidenz zu handeln“, so die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, die die Klima- und Biodiversitätspolitik der neuen Landesregierung weiterhin bewerten wollen.

Die Stellungnahme im Wortlaut Das Regierungsübereinkommen im Wortlaut

Die Verfasser des Textes: Dr. Markus Gastinger, Politikwissenschaftler, Mag. Hans Holzinger, Geograph und Nachhaltigkeitsexperte (0699.11370178), Dr. Gunter Sperka, Chemiker und Klimaexperte (0650 4331430), Univ.Prof. Andreas Tribsch, Biodiversitätsexperte (0662.80445504)
Unterstützt von weiteren S4F-Mitgliedern

Titelbild: Werner Pfennig auf Pexels



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