Der Doughnut als neues Wirtschaftsparadigma

Lesedauer 5 Minuten.   

von Martin Auer

Gibt es einen sicheren und gerechten Bereich („safe and just space“), in dem wir leben können, ohne den Planeten zu zerstören? Die Ökonomin Kate Raworth hat 2017 ein Modell eines solchen Bereichs entwickelt, das sie nach einer Süßigkeit benannt hat: „Doughnut Economics – Seven Ways to Think Like a 21st-Century Economist“. Sie schlägt eine neue Betrachtungsweise vor, die nicht das Wachstum der Wirtschaft, ausgedrückt in Geldwerten und Prozenten, zum Ziel hat, sondern die Erfüllung menschlicher Bedürfnisse.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP, früher auch Bruttosozialprodukt) wird definiert als der Marktwert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Landes in einem Jahr produziert werden; die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit einer Bevölkerung in einer Zahl zusammengefasst. Diese Zahl wird dann herangezogen, um Länder miteinander zu vergleichen und wirtschaftlichen Fortschritt zu messen.

Diese Zahl sagt nichts darüber aus, welche Waren produziert worden sind. Kohlköpfe und Flugzeugteile werden in einen Topf geschmissen. Ein giftiges Unkrautvernichtungsmittel unterscheidet sich von einem lebensrettenden Medikament nur durch den Preis. Die Kosten für den Bau einer Brücke erhöhen das BIP. Aber ist die Brücke schlampig gemacht und stürzt ein, dann erhöhen auch die Kosten für die Reparatur das BIP und tragen zum Wirtschaftswachstum bei, obwohl das doch eigentlich einen Schaden für die Gesellschaft darstellt.

„Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt“ hat die Band Geier Sturzflug 1982 gesungen und damit die Hitparaden gestürmt. Wenn man sich die gängigen wirtschaftspolitischen Aussagen ansieht, leben wir anscheinend noch immer für das BIP.

Wozu wirtschaften wir und womit müssen wir auskommen?

Wenn man als Ziel des Wirtschaftens ansieht, dass Menschen sich ernähren und kleiden können, ein Dach über dem Kopf haben, über Mobilität, Bildung, Gesundheitsvorsorge verfügen und alles andere, was sie brauchen, um ihr Menschsein zu verwirklichen, dann muss man nicht die Geldwerte miteinander vergleichen, sondern die Gebrauchswerte.

Raworth stellt die Frage: Was brauchen menschliche Wesen, um zu gedeihen? Und wie viele Ressourcen können sie verbrauchen, ohne ihre Lebensgrundlage dauerhaft zu schädigen? Die Antwort auf die erste Frage legt das Minimum fest, auf das alle Menschen ein Recht haben: die soziale Basis. Die Antwort auf die zweite Frage legt die ökologische Obergrenze fest: das Maximum an Ressourcen, die wir unserem Planeten jährlich entnehmen können, ohne dass Erdsysteme wie Klima, Biosphäre, Wasserkreislauf usw. in einen Zustand kippen, der sich radikal von dem unterscheidet, in den unsere menschliche Zivilisation sich entwickelt hat und von dem wir nicht wissen, ob und wie die Menschheit sich dann weiterentwickeln kann.

Der Bereich zwischen sozialer Basis und ökologischer Obergrenze ist der Bereich, in dem Menschen in Sicherheit und Gerechtigkeit gedeihen können. Diesen ringförmigen Bereich nennt Kate Raworth den „Doughnut“. Außerhalb des Doughnut zeigen die roten Bereiche, wie weit die jeweilige ökologische Grenze überschritten wird, sie zeigen ein Zuviel. Innen zeigen die roten Bereiche, wo die soziale Grenze unterschritten wird, also ein Zuwenig.

Oft wird kritisiert, dass menschliche Bedürfnisse doch individuell und kulturell verschieden sind. Aber niemand kann bestreiten, dass zum Beispiel Nahrung ein grundlegendes Bedürfnis für alle Menschen ist. Kulturell und individuell unterschiedlich ist, ob das Bedürfnis durch Reis, Brot oder getrüffelte Gänseleber befriedigt wird. Nahrung ist ein Grundbedürfnis, aber getrüffelte Gänseleber oder Kartoffelchips sind Präferenzen beziehungsweise Konsumwünsche. Was Grundbedürfnisse sind und was nicht, das kann eine Gesellschaft unter sich aushandeln. Raworth leitet ihre Annahmen über Grundbedürfnisse aus den Zielen für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen ab. Grundsätzlicher mit der Frage nach universellen menschlichen Bedürfnissen haben sich zum Beispiel Len Doyal und Ian Gough, Amartya Sen und Martha Nussbaum auseinandergesetzt.

Raworth schließt Wirtschaftswachstum nicht prinzipiell aus. Sie stellt dieses nur als Ziel infrage. Sie lehnt auch nicht Marktwirtschaft ab, doch kann der Markt nicht die alleinige Entscheidungsgrundlage für effizientes Wirtschaften liefern. Neben dem Markt sollen auch Staat, Haushalte und Gemeingüter zentral für die Wirtschaft sein. Raworth kritisiert das Bild des Homo oeconomicus, eines Einzelwesens, das rationale Entscheidungen zugunsten seines Eigeninteresses trifft. Menschen sind soziale Wesen, also voneinander ebenso wie von der lebendigen Natur abhängig. Menschen sind fähig zu kooperieren und Entscheidungen gemeinsam zu treffen.

Planetare Grenzen

Wie man in der Grafik sieht, bewegt sich die Menschheit derzeit weit außerhalb des sicheren und gerechten Bereichs. Von neun ökologischen Belastungsgrenzen sind sechs bereits überschritten. Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt nehmen in der öffentlichen Debatte großen Raum ein. Mit Landnutzungsänderung ist die Umwandlung von naturbelassenem Land wie Wäldern, Mooren, Savannen in landwirtschaftliche Flächen, Verkehrsflächen, städtische Flächen usw. gemeint.

Kaum im öffentlichen Bewusstsein ist, dass auch die Süßwassersysteme der Erde schon gefährlich verändert sind, dass zu viel Wasser aus Gewässern und dem Grundwasser entnommen wird („blaues Wasser“) und die Bodenfeuchtigkeit abnimmt („grünes Wasser“). Phosphor und Stickstoff sind die wichtigsten Nährstoffe für pflanzliches und tierisches Leben. Von beidem verbrauchen wir zu viel, hauptsächlich in Form von Düngemitteln. Die überschüssigen Nährstoffe werden ausgeschwemmt und gelangen in die Gewässer, was zur Überdüngung führt. Phosphor ist überdies eine begrenzte Ressource. Die Prognosen, wann die weltweiten Vorräte erschöpft sein werden, schwanken zwischen 50 und 200 Jahren.

Neuartige Substanzen sind Stoffe und Organismen, die im geologischen Sinn neuartig sind, die also vor der Ankunft des Menschen in dieser Form auf dem Planeten nicht existiert haben. Vor allem ist damit die Verschmutzung durch Plastik und andere menschengemachte chemische Produkte gemeint. Nicht alle chemischen Produkte sind schädlich. Aber von vielen weiß man noch gar nicht, ob sie schädlich sind, und allein die Zahl dieser Erzeugnisse hat die Grenze des Beherrschbaren überschritten.

Die soziale Basis

Im Inneren des Doughnuts sehen wir die wichtigsten Elemente der sozialen Basis. Zu den Grundbedürfnissen gehören: ausreichend Nahrung, sauberes Wasser und angemessene sanitäre Einrichtungen, Zugang zu Energie und sauberen Kochmöglichkeiten, Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, angemessenes Wohnen, ein Mindesteinkommen und angemessene Arbeit sowie Zugang zu Informationsnetzwerken und Netzwerken sozialer Unterstützung. Darüber hinaus wird gefordert, diese Ziele durch Geschlechtergleichheit, soziale Gerechtigkeit, politische Mitsprache sowie Frieden und Gerechtigkeit zu erreichen. Als Grundlage berufen sich die Wissenschaftler:innen auf die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen. Und man sieht, dass global bei den meisten dieser Elemente die soziale Basis unterschritten wird.

Ressourcenverbrauch und soziale Standards wachsen nicht im selben Verhältnis

Soziale Standards und Ressourcenverbrauch sind auf der Erde unterschiedlich verteilt. Eine Studie von Wissenschaftler:innen an den Universitäten von Leeds, Barcelona und der Universität für Bodenkultur Wien – The social shortfall and ecological overshoot of nations, veröffentlicht in der Fachzeitschrift Nature Sustainability − stellt fest, dass Milliarden von Menschen derzeit in Ländern leben, die die meisten der sozialen Schwellenwerte nicht erreichen, und dennoch die Menschheit kollektiv sechs der globalen biophysikalischen Grenzen überschreitet. Die Menschheit ist dem Erreichen der sozialen Schwellenwerte heute näher als Anfang der 1990er Jahre (mit bemerkenswerten Ausnahmen bei Gleichheit und demokratischer Qualität), aber es bleiben erhebliche Defizite.

Die Studie findet auch, dass es kein Land gibt, das sich innerhalb des Doughnuts befindet und sich kein Land in die Richtung eines sicheren und gerechten Raums bewegt.

„Trotz jahrzehntelanger Rhetorik über nachhaltige Entwicklung, verbrauchen Länder mit hohen sozialen Errungenschaften Ressourcen in einem Maß, das man nicht nachhaltig auf alle Menschen ausdehnen könnte, und ihr Ausmaß der ökologischen Überschreitung nimmt allgemein zu“, schreiben die Forscher:innen. „Obwohl Länder mit niedrigem Einkommen Fortschritte bei der Verringerung sozialer Defizite erzielt haben, überschreiten sie im Allgemeinen biophysikalische Grenzen schneller, als sie soziale Schwellenwerte erreichen. Das langsame Tempo des sozialen Fortschritts ist mit einer ökologischen Überschreitung auf globaler Ebene verbunden, die schon jetzt die Regenerationsfähigkeit der Biosphäre überfordert und die Menschheit einem hohen Risiko einer Destabilisierung des Erdsystems aussetzt.“

Es gibt eine ganze Reihe von Ländern, die die ökologischen Grenzen nur wenig überschreiten. In der Grafik, die nur eine kleine Auswahl von Ländern zeigt, findet man sie am linken Ast der roten Kurve. Auffallend ist, dass es unter diesen Ländern große Unterschiede in den erreichten sozialen Standards gibt. So erreicht Jordanien mit praktisch demselben Ressourcenverbrauch weitaus höhere soziale Standards als Uganda. Am oberen Ast der roten Kurve finden sich die Länder mit den höchsten sozialen Standards. Die Niederlande erreichen dasselbe soziale Niveau wie Österreich, bei geringerem Ressourcenverbrauch.

Auf der anderen Seite verbrauchen die USA weitaus mehr Ressourcen und erreichen doch nicht dieselben sozialen Standards. Mit steigendem Ressourcenverbrauch verbessern sich also die sozialen Standards ab einem gewissen Punkt kaum mehr. Kein Land erreicht den sicheren und gerechten Bereich des Doughnuts. Die Länder, die ihm am nächsten kommen, sind Costa Rica und Mauritius. Rund 27 Prozent der Fläche Costa Ricas stehen unter Naturschutz, die Energieversorgung kommt fast ausschließlich aus erneuerbaren Quellen. Die Analphabetenquote ist mit 4,2 Prozent nach Kuba die zweitniedrigste Mittelamerikas und eine der niedrigsten sowohl in den Industrie- als auch in den Entwicklungsländern. Die Lebenserwartung der Einwohner Costa Ricas ab der Geburt lag 2022 bei 77,3 Jahren.

Mit einem Wirtschaftsparadigma, dessen Ziel nicht das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ist, sondern die Erfüllung der menschlichen Bedürfnisse innerhalb der Belastungsgrenzen des Planeten, sollte ein Land wie Österreich es schaffen, seinen Ressourcenverbrauch zu senken, ohne seine sozialen Standards aufzugeben, indem es seine Ressourcen vernünftig und sparsam einsetzt. 

Quelle: Fanning, A.L., O’Neill, D.W., Hickel, J. & Roux, Nicolas: The social shortfall and ecological overshoot of nations. Nat Sustain 5, 26–36 (2022). https://www.nature.com/articles/s41893-021-00799-z

Titelfoto: Martin Auer

Der Beitrag erschien ursprünglich auf Der Standard

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