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Scientists for Future Niederösterreich:
Ostumfahrung Wr. Neustadt schadet den Bemühungen, die Pariser Klimaziele einzuhalten

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Stellungnahme von S4F-Niederösterreich zum Offenen Brief von FFF, BFF, WWF, VCÖ und “Vernunft statt Ost-Umfahrung”

Die Organisationen Fridays for Future, Build for Future, World Wide Fund For Nature, Verkehrsclub Österreich und Vernunft statt Ostumfahrung haben am 1. Juni einen offenen Brief an Bundeskanzler Kurz, Bundesministerinnen Gewessler und Köstinger und Landeshauptfrau Mikl-Leitner veröffentlicht, in dem sie sich gegen den Bau der Ostumfahrung Wiener Neustadt aussprechen. Scientists for Future Niederösterreich geben dazu die folgende Stellungnahme ab:

Die Scientists for Future in Niederösterreich halten fest, dass die inhaltlichen Aussagen des „Offenen Briefs“ zur Ost-Umfahrung bei Wiener-Neustadt vom 01. Juni 2021 nach wissenschaftlichem Ermessen korrekt sind. Wiener Neustadt ist die Stadt in Österreich, die bereits jetzt gemessen an der Bevölkerungsdichte den höchsten Flächenverbrauch aufweist. Trotzdem sollen durch den Bau der Umfahrung Ost weitere Grünflächen versiegelt werden. Die Umgehungsstraße würde die Attraktivität des Autos weiter erhöhen. Da Autos auf absehbare Zeit nicht klimaneutral sein werden, schadet das Projekt unseren Bemühungen, die Pariser Klimaziele einzuhalten.

Scientist for Future Niederösterreich stellen außerdem fest, dass Infrastrukturprojekte im Hinblick auf die Klimaziele die Nachfrage nach Mobilität aktiv lenken sollten, anstatt die Nachfrage passiv zu bedienen. Zusätzliche Angebote für Auto-Mobilität erzeugen zusätzliche Nachfrage nach Auto-Mobilität im Stile einer selbsterfüllenden Prophezeiung (Rebound-Effekt). Für das Erreichen der Klimaziele ist es aus wissenschaftlicher Sicht zwingend erforderlich, bevorzugt umweltfreundliche Verkehrsinfrastruktur-Projekte voranzutreiben.

Der offene Brief im Wortlaut:

01.06.2021

Betreff: „Offener Brief“ an die Politik zu Klima- und Bodenschutz sowie Ernährungssicherheit

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Kurz,
sehr geehrte Frau Bundesministerin Gewessler,
sehr geehrte Frau Bundesministerin Köstinger,
sehr geehrte Frau Landeshauptfrau Mikl-Leitner,

Österreich verbraucht rund 13 Hektar Boden pro Tag und liegt bei den Straßenkilometern pro Kopf im europäischen Spitzenfeld. Dennoch werden derzeit im ganzen Land neue große Straßenprojekte geplant und genehmigt. Diese Projekte widersprechen allen Klimazielen und versiegeln wertvolle Böden, wodurch mittel- und langfristig die Ernährungssicherheit bedroht wird. Nicht zuletzt zerstört die Verbauung wertvolle Erholungsräume für die Bevölkerung. Und wir als heutige Erwachsenen-Generation haben die große Verantwortung unseren Kindern eine intakte Umwelt zu übergeben.

Ein besonders negatives Beispiel für ein solches Straßenbauprojekt ist die geplante „Ostumfahrung“ in Wiener Neustadt. Wiener Neustadt hat den höchsten Flächenverbrauch pro Kopf in Österreich, trotzdem soll für das Straßenprojekt fruchtbares Ackerland versiegelt und eine Natura-2000-Au zerschnitten werden. 20 Hektar werden für die Trasse zubetoniert, auf 60 Hektar sollen zusätzliche Gewerbeflächen entstehen. Es ist somit die seit Jahren klimaschädlichste Weichenstellung im südlichen Niederösterreich.

In der Verkehrswissenschaft ist vielfach bestätigt, dass zusätzliche Straßen zu zusätzlichem Verkehr führen. Selbst nach den Prognosen des Bauherrn (Land NÖ) wird dieses Projekt der Stadt, die aufgrund von Fehlern in der Raumplanung unter Quell- und Zielverkehr leidet, keine Entlastung bringen. Auf fast allen Abschnitten wird es sogar mehr Verkehr geben – und das trotz der prognostizierten knapp 15.000 Fahrzeuge pro Tag auf der „Ostumfahrung“. Klima- und naturverträgliche verkehrstechnische Alternativen hat die Politik nicht geprüft.

Durch die sich verschärfende Klimakrise und die adaptierten Klimaziele haben sich die Rahmenbedingungen grundlegend verändert. Deshalb ist die Bundesregierung gefordert, alte Straßenbauprojekte, die vor vielen Jahren geplant wurden, vor dem Hintergrund der neuen Klimaziele und unter Einbeziehung der öffentlichen Interessen Naturschutz, Gesundheit und regionale Ernährungssicherheit zu stoppen und neu zu bewerten. Das Umweltrecht muss mit konkreten Maßnahmen verbessert werden, damit es der akuten Klima- und Biodiversitätskrise gerecht wird.

Parallel dazu braucht es einen “Bodenschutz-Vertrag” gegen den ausufernden Flächenfraß. Das Land Niederösterreich hat es in der Hand, die klima- und gesundheitsschädliche „Ostumfahrung“ zu stoppen. Die bessere, weil nachhaltige und zukunftsorientierte Lösung, ist unter Einbeziehung unabhängiger Fachleute ein zeitgemäßes Mobilitätskonzept für Wiener Neustadt und das Umland zu entwickeln – enkelfit, weil klima- und naturverträglich.

WWF, VCÖ, BFF, FFF, Vernunft statt Ostumfahrung

Bild: Übersichtsplan des Landes Niederösterreich

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Mai 2021: Höchste jemals gemessene CO2-Konzentration in der Atmosphäre

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Das NOOA Observatorium auf dem Mauna Loa in Hawaii meldete für Mai die höchste jemals gemessene CO2-Konzentration. Sie betrug im Monatsdurchschnitt 419,13 ppm. Zum Vergleich: Im Mai 2020 betrug sie 417 ppm. Der Anstieg entspricht dem der letzten Jahre. Der wirtschaftliche Rückgang durch die Covid-19-Pandemie hat in den Messungen praktisch keine Spur hinterlassen. „Wir brauchen Einschnitte, die viel schärfer und viel nachhaltiger sind als die durch Covid-19 bedingten Schließungen“, sagt Ralph Keeling, der Leiter des Beobachtungsprogramms auf dem Mauna Loa. Sein Vater Charles Keeling entdeckte als erster, dass der CO2-Gehalt der Atmosphäre trotz jahreszeitlicher Schwankungen von Jahr zu Jahr steigt. Nach ihm ist die Keeling-Kurve benannt, die diese Schwankungen und den Anstieg aufzeichnet.

Keeling-Kurve
Quelle: Wikimedia Commons CC BY-SA 4.0


Im Mai wird regelmäßig die höchste CO2-Konzentration gemessen. Danach beginnen die Pflanzen auf der Nordhalbkugel, der Atmosphäre CO2 zu entziehen.

Titelbild: Gerd Altmann auf Pixabay

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Schutz des Ozeans: Vorteile für Artenvielfalt, Produktion von Nahrungsmitteln und Klima

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Quelle: Sala, E., Mayorga, J., Bradley, D. et al. (2021) Protecting the global ocean for biodiversity, food and climate. Nature 592397–402 (2021).

Der Meeresboden ist das größte CO2-Reservoir auf der Erde. Besonders auf lange Sicht ist dies für uns wichtig – Der Meeresboden kann CO2 über Jahrtausende binden. Der Boden kann den gebundenen Kohlenstoff jedoch wieder als CO2 ins Wasser abgeben, wenn er beschädigt wird. Auslöser dafür können Schleppnetze sein, die beim industriellen Fischfang über den Meeresgrund gezogen werden. Das CO2, das dabei freigesetzt wird, kann eine Versauerung des Meeres verursachen. Dies kann sich wiederum negativ auf die Artenvielfalt und die Produktion von Nahrungsmitteln durch den Ozean auswirken.

Der Meeresboden ist weltweit der größte CO2-Speicher, wird jedoch kaum geschützt

Trotzdem stehen weltweit nur 7 % der Meere unter irgendeiner Form von Schutz und nur 2,6 % unter vollständigem oder besonderem Schutz. 26 Meeresbiolog*innen, Klimaexpert*innen und Ökonom*innen haben deshalb kürzlich einen Entwurf modelliert, der zeigen soll, welche Areale des Ozeans geschützt werden sollten, um drei Ziele zu erreichen: die Artenvielfalt im Meer zu erhalten, die Nahrungsproduktion zu fördern und klimaschädliche Emissionen zu verringern. 

Ziel 1: Die Artenvielfalt im Meer erhalten

Hinsichtlich der Biodiversität können 90 % der maximalen Vorteile erreicht werden, wenn insgesamt 21% des gesamten Ozeans geschützt werden. Und zwar wären das 6 % der Hochsee und 43 % der ausschließlichen Wirtschaftszonen der Küstenländer.(Ausschließliche Wirtschaftszone ist die 200-Seemeilen-Zone, in der ein Küstenstaat das alleinige Recht zur wirtschaftlichen Nutzung hat.) Diese Zahlen gelten allerdings nur für eine global koordinierte Verteilungsstrategie der Schutzgebiete. Wenn die einzelnen Länder hingegen basiert auf nationalen Prioritäten schützen, müssten 44 % des gesamten Ozeans geschützt werden, um dasselbe zu erreichen. Internationale Zusammenarbeit ist also für den Artenschutz im Meer besonders wichtig.

Ziel 2: Produktion von Nahrungsmitteln fördern

Die Forscher*innen gehen davon aus, dass sich in vollständig oder besonders geschützten Meereszonen Fische und wirbellose Meerstiere vermehren würden, und sich von da aus dann in die ungeschützten Gebiete verbreiten würden, wo sie gefischt werden könnten. Würden 5,3 % des Ozeans in strategisch angelegten Zonen so geschützt, während der Fischfang sich auf die restlichen Meeresgebiete beschränkt, könnten bis zu 8,3 Megatonnen mehr Meeresfrüchte produziert werden als aktuell. Dies würde 90 % der Vorteile beinhalten, die für die Erhöhung der Nahrungsmittelproduktion erreicht werden können. Schützenswerte Zonen für dieses Ziel befinden sich vor allem in ausschließlichen Wirtschaftszonen.

Ziel 3: Klimaschädliche Emissionen verringern

Auf Basis von Satellitendaten schätzen die Forscher*innen, dass etwa 1,3 % des Meeres jährlich mit Grundschleppnetzen befischt werden. Dabei werden zwischen 0,58 und 1,47 Gigatonnen CO2 freigesetzt (Zum Vergleich: Die gesamten globalen CO2-Emissionen betragen 42 Gigatonnen jährlich). Wie viel genau davon in die Atmosphäre übergeht, ist zwar nicht klar, dennoch verändert der CO2-Gehalt im Wasser und im Boden die Umweltbedingungen und hat so Auswirkungen auf die Biodiversität und die Produktivität des Ozeans hinsichtlich Nahrungsmittel. 90 % der Risiken durch diese CO2-Freisetzung könnten allerdings durch 3,6 % Schutz, vor allem in ausschließlichen Wirtschaftszonen durchgeführt werden. Die ausschließliche Wirtschaftszone Chinas oder die europäischen Küstenregionen des Atlantiks sowie aufstrebende Regionen sind besonders von der CO2-Freisetzung bedrohte Gebiete.

In ihrer Studie identifizierten die Forscher jeweils Regionen für die einzelnen Ziele, die aus strategischer Sicht besonderen Schutz benötigen. In allen drei Fällen ist es effektiv Bereiche zu schützen, die durch menschliche Aktivitäten besonders bedroht sind. Dies sind vor allem Regionen, in denen großflächig industrieller Fischfang betrieben wird. Die Länder, die diese Regionen verwalten, können am meisten dazu beitragen, die Kohlenstofflager im Meeresgrund zu schützen und die Auswirkungen auf das Klima zu verringern. 

Ein besserer Schutz des Ozeans: Eine Win-Win-Win-Situation

Insgesamt können also Umwelt, Menschheit und Wirtschaft vom Schutz des Ozeans und seiner Arten profitieren. Um dies besonders effektiv zu gestalten, müssen die Nationen allerdings zusammenarbeiten und schnell handeln. So können die unterschiedlichen Vorteile am besten ausgeschöpft werden. 


Gesichtet: M.A.
Der zitierte Artikel ist zum Beispiel mit einem Zugang von der Universität Wien erreichbar.

Foto von PxHere

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Scientists for Future bei der Fahrraddemo gegen die Lobauautobahn

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Mehr als 1.500 Menschen sind am 3. Juni einem Aufruf von „Fridays For Future“ gefolgt und haben auf Fahrrädern gegen den geplanten Bau des Lobautunnels protestiert. Auch die RG Ost der Scientists for Future war mit dabei.

Es ist erwiesen, dass eine Erhöhung der Verkehrskapazitäten zu mehr Verkehrsaufkommen führt, was die Klima-Ziele gefährdet. Aus wissenschaftlicher Sicht ist daher die Kritik an Verkehrs-Projekten wie dem Lobau-Tunnel gerechtfertigt, weshalb sich S4F-Wien mit den Protest-Bewegungen solidarisieren und ihre Unterstützung aussprechen. Argumente und Kritik sind valide und müssen ernst genommen werden.

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Eine weitgehende Umstellung auf Radfahren und Gehen wäre der effektivste Weg, die Emissionen aus dem städtischen Verkehr zu senken

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Referenz: Brand, Christian et al. (2021) „The climate change mitigation effects of daily active travel in cities“. In: Transportation Research Part D 93, 102764. Online unter https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920921000687

Die Treibhausgas-Emissionen aus dem Verkehr zu reduzieren ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir beim Klimaschutz stehen. In der EU sind von 1990 bis 2017 die Emissionen in allen Bereichen gesunken, außer im Verkehr. Die benzin- und dieselgetriebenen Fahrzeuge durch elektrische zu ersetzen, wird nicht ausreichen, um mit dem notwendigen Tempo Klimaneutralität zu erreichen.

Radfahren und Gehen sind bekanntlich die nachhaltigsten Formen des Personenverkehrs. Doch wie viel an Treibhausgas-Emissionen kann dadurch wirklich eingespart werden? Das wurde bis jetzt noch nicht eingehend untersucht.

Doch die hier zitierte Studie, die heuer in der Fachzeitschrift Transportation Research veröffentlicht wurde, hat sich mit der Frage gründlich befasst. Das Ergebnis ist eindrucksvoll.

Der Inhalt

Die Studie nahm den Verkehr in sieben europäischen Städten unter die Lupe: Antwerpen, Barcelona, London, Gerebro, Rom, Wien und Zürich. 3.836 Personen füllten 9.859 „Fahrtenbücher“ für jeweils einen Tag aus und berichteten insgesamt über 34.203 zurückgelegte Wege. Sie produzierten durchschnittlich 3,18 kg CO2 pro Person und Tag, doch die Hälfte der Teilnehmenden produzierte weniger al 0,81 kg CO2 pro Tag. Ein kleiner Teil, nämlich 10 Prozent der Personen, produzierte die meisten Emissionen, nämlich 59 Prozent. Mit dem Auto zurückgelegte Wege trugen 70 Prozent zu den Emissionen bei und mit dem Fahrrad zurückgelegte Wege 1 Prozent. Der Rest fiel auf öffentlichen Verkehr und andere Fahrzeugtypen. Dabei wurden die Emissionen während des gesamten Lebenszyklus des Verkehrsmittels einbezogen, also von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis zur Entsorgung – deswegen führt natürlich auch Radfahren zu Emissionen.

Die Ergebnisse

Die Berechnungen ergaben: Wer eine Autofahrt durch eine Fahrt mit dem Fahrrad ersetzt, senkt seinen täglichen Emissionen um zwei Drittel. Daraus ergibt sich, dass eine allgemeine Umstellung von Auto- zu Fahrradverkehr der effektivste Weg wäre, die Emissionen aus dem Stadtverkehr rasch zu reduzieren, und zwar rascher, als es durch technologische Veränderungen alleine möglich wäre.

Die Studie ist öffentlich zugänglich auf https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1361920921000687 und steht unter der Creative Commons Lizenz CC BY IGO

Titelfoto: pixabay

Gesichtet: M.H.

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Der stille Frühling: Warum das Artensterben ein Problem ist, das wir umgehend angehen sollten

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Zusammenfassung des Vortrags „Silent Spring – Biodiversität in der Krise“ von Franz Essl

Im Alltag fällt es zwar nicht unbedingt immer auf, aber wir befinden uns in einer Krise, die die Vielfalt der Arten bedroht – weltweit und in Österreich. Silent Spring – der stille Frühling – zeichnet ein Bild der Auswirkungen eines Artensterbens, das Realität werden kann. Franz Essl geht in seinem Vortrag „Silent Spring – Biodiversität in der Krise“ auf Ursprünge und Auswirkungen des Artensterbens ein, das uns Menschen nicht nur betrifft, sondern das wir auch in der Hand haben.

"Silent Spring" von Franz Essl | Online-Vortragsreihe Uni Wien

Rückblick: Das vom Menschen verursachte Massensterben

Die Anfänge des durch den modernen Menschen verursachte Massensterbens werden rückblickend bereits in der Besiedlung der einzelnen Kontinente deutlich. Mehr als 50 % der ausgerotteten Großsäuger zu dieser Zeit sind dem Menschen zuzuschreiben. Der noch relativ junge Übergang zur Landwirtschaft und das folgende exponentielle Wachstum von Weltbevölkerung und Ressourcen intensivierten das Artensterben weiter. Heute leben wir im „Anthropozän“: Das Zeitalter, in dem der Mensch die Biosphäre dominiert. Dies drückt sich auch in der Population bestimmter Arten aus: Etwa 95 % der heute lebenden großen Säugetiere sind Nutztiere des Menschen. Die Populationen anderer großer Säugetiere hingegen stellen Franz Essl zufolge „Inseln in einer von Menschen geprägten Welt“ dar.

Die Wirtschaft als übergeordnetes System: Ein unrealistisches Weltbild der industrialisierten Welt

Die Dominanz des Menschen in der Biosphäre entspricht dem Weltbild, das in der industrialisierten Welt vorherrscht: Die Natur wird hierbei als ein System gesehen, das vom wirtschaftlichen System für den Menschen nutzbar gemacht wurde, z.B. in Form von Landwirtschaft, Abbau von Rohstoffen, Sport oder Urlaub. In dieser Ansicht existiert Natur eingebettet in das wirtschaftliche System. Dass diese Ansicht nicht der Realität entsprechen kann, zeigt sich bereits in der Abhängigkeit des Menschen von einem intakten Ökosystem. Dieses liefert Nahrung und Lebensraum. In einem realistischen Weltbild ist das wirtschaftliche System also vielmehr eingebettet in das System der Gesellschaft, das wiederum eingebettet ist in das Ökosystem der Erde. Ein funktionierendes, stabiles Ökosystem und Artenvielfalt wirken daher wie ein sicheres Fundament für einen lebenswerten Planeten. Raubbau daran kann deshalb nicht endlos betrieben werden. Dies zeigt sich auch im Aussterben von Arten.

Schlechtere Zustände trotz zunehmendem Problembewusstsein

In einigen Punkten gerät der Planet bereits an seine Grenzen, u. a. in der Unverletzlichkeit der Artenvielfalt. Der globale Trend zeigt zwar, dass sich ein stärkeres Bewusstsein für Artenschutz bildet: Es werden mehr Schutzmaßnahmen getroffen. Die Zustände verschlechtern sich aber trotzdem. Die klimatischen Bedingungen spielen hierbei eine wichtige Rolle. Je mehr sich die Erde erwärmt, desto mehr Arten sind bedroht: Selbst für das Erreichen des Klimaziels von 1,5° C Erderwärmung im Vergleich zur vorindustriellen Zeit wird ein Artensterben von 6 % der Insekten, 8 % der Pflanzen und 4 % der Wirbeltiere prognostiziert. Dies erscheint jedoch sehr gering im Vergleich mit der Prognose bei einer Erderwärmung von 3,2° C: In diesem Fall würden 49 % der Insekten, 44 % der Pflanzen und 26 % der Wirbeltiere aussterben. 

Dringender Handlungsbedarf: Das Artensterben in Österreich

Ein für Österreich besonders anschauliches Beispiel für die Auswirkung des Klimawandels auf die Artenvielfalt sind die Fichtenwälder: Bereits jetzt werden diese durch den Borkenkäfer geschädigt. Diese Tiere fühlen sich bei warmem, trockenem Klima besonders wohl, während Fichten Wärme und Trockenheit weniger gut vertragen. Bei zunehmender Erderwärmung breitet sich der Borkenkäfer weiter aus, während sich die Anzahl der Gebiete, in denen Fichten überleben können, stetig verringert. Auch die Population von Brutvögeln, wie dem Rebhuhn oder der Feldlerche, geht zurück. Dies ist wiederum auf das Sterben von Insektenarten zurückzuführen, die den Vögeln als Nahrungsquellen dienen. Im internationalen Vergleich ist das Artensterben in Österreich sogar gravierender als im Durchschnitt: Jede dritte Art steht hierzulande auf der roten Liste und gilt damit als vom Aussterben bedroht.

Wo ansetzen? Klima- und Umweltschutz als wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches Ziel

Franz Essl schließt seinen Vortrag mit den großen Stellschrauben, die bewegt werden müssen, um eine Trendwende herbeizuführen. Er plädiert für den Stopp des Biodiversitätsverlustes bis 2030 als politisches Ziel. In Österreich wird eine Landwirtschaft benötigt, die ihre Prioritäten in ihrer Klima- und Naturfreundlichkeit sieht, da immerhin 25 % der CO2 Emissionen aus der Landnutzung kommen. Auch weniger Flächenversiegelung ist eine Maßnahme. Hierfür sind politische Instrumente notwendig, die solches Wirtschaften fördern. Die aktuellen Maßnahmen sind dafür nicht ausreichend.

Doch auch als Einzelperson ist man Teil des Systems, das sich verändern muss. Also kann auch im Kleinen etwas bewirkt werden, z. B. mit politischem Engagement, Umweltaktivismus oder den täglichen Konsumentscheidungen. Denn ähnlich wie die Veränderung der Umwelt und das Aussterben von Arten bestehen Systemänderungen aus vielen kleinen Einzelveränderungen.

Der komplette Vortrag von Franz Essl mit vielen weiteren Details, Zahlen und einem Diskussionsteil ist unter https://www.youtube.com/watch?v=aV467tQaFHU abrufbar.
Gesichtet: M. A.

Titelbild: G. Brändle, Wikimedia, CC BY 3.0

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Wie man vom Klimawandel spricht, ohne etwas dagegen zu tun
Diskursive Taktiken der Klimaschutz-Verzögerung
von Martin Auer

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Studie: Lamb, William F.; Mattioli, Giulio; Levi, Sebastian; Roberts, J. Timmons; Capstick, Stuart; Creutzig, Felix et al. (2020): Discourses of climate delay. In: Glob. Sustain. 3. DOI: 10.1017/sus.2020.13 .

Dieser Artikel kann gerne als Vortrag verwendet werden. Die Folien dazu finden sich in der Präsentationensammlung von Scientists for Future unter Autor*innenvorträge.

Im Zuge der Klimawandeldiskussion haben wir verschiedene Taktiken kennengelernt, um Maßnahmen gegen Klimawandel zu verhindern. Da gibt es die direkte Leugnung, dass der Klimawandel menschengemacht sei. Dann ein Herunterspielen der Auswirkungen des Klimawandels. Und schließlich direkte Angriffe auf die Person von Wissenschaftler*innen und Aktivist*innen.

Eine vierte Variante hat bisher zu wenig Aufmerksamkeit bekommen: Diskurse, die anerkennen, dass der Klimawandel real ist, die aber darauf abzielen, Maßnahmen zu verhindern oder zumindest zu verzögern.

Die Autor*innen der Studie Discourses of Climate Delay (erschienen in der Zeitschrift Global Sustainability, herausgegeben von Cambridge University Press) haben diese Diskurse untersucht und vier Hauptgruppen herausgearbeitet:

1. Individualismus: Die Verantwortung abwälzen

Diese Taktik zielt darauf ab, den Einzelnen die Verantwortung für klimagerechtes Verhalten aufzubürden. Einige Beispiele: „Das Leitprinzip der Yale-Universität beruht darauf, dass der Konsum von fossilen Brennstoffen die Wurzel des Klimawandelproblems ist, nicht ihre Produktion“ (Yale-Universität). Oder die Social-Media-Kampagne von BP: „Unsere Kampagne ‚Kenne deinen CO2-Fußabdruck‘hat ein Erlebnis geschaffen, das Menschen nicht nur ermöglicht, ihren jährlichen CO2-Emissionen zu entdecken, sondern ihnen auch ermöglicht, auf vergnügliche Art darüber nachzudenken, wie sie sie verringern können, und ihre Selbstverpflichtungen mit der Welt zu teilen.“

https://www.six.agency/projects/bp-kycf

Eine weitere Taktik, die Verantwortung abzuwälzen, ist Whataboutism, also die Rhetorik: „Und was ist mit …?“ Dabei wird mit dem Finger auf große CO2-Verursacher gezeigt wie zum Beispiel China. „Wir sind eine Nation, die 1,8 Prozent des globalen CO2 produziert, also verstehe ich nicht, warum wir unsere Aluminiumschmelzen, unsere Stahlproduktion und jetzt auch unsere Raffinerien schließen sollten.“ (Der UK-Politiker Nigel Farage). Ähnlich operieren einzelne Sektoren, wenn zum Beispiel der Transport-Sektor fordert, die Landwirtschaft sollte ebenfalls mit einem CO2-Preis belegt werden und umgekehrt die Landwirtschaft fordert, erst sollten die Leute kleinere Autos kaufen.

Oft wird auch das Trittbrettfahrer-Argument verwendet: Wenn nicht alle Individuen, alle Industrien oder alle Länder gleichzeitig ihre Emissionen reduzieren, dann wird irgendjemand von den Reduktionen anderer profitieren. Wie Donald Trump sagte: Beim Pariser Abkommen ginge es „weniger um das Klima als darum, dass andere Länder einen finanziellen Vorteil über die USA erlangen.“

2. Nicht-transformative Lösungen propagieren

In diese Kategorie fällt technologischer Optimismus: technologischer Fortschritt wird in der Zukunft rasche Verminderungen der Emissionen ermöglichen: „Die menschliche Erfindungsgabe ist unbegrenzt, auch wenn die Ressourcen der Erde begrenzt sind“, schreibt das Cato-Institut. Diese Hoffnungen sind in Einzelfällen gerechtfertigt, meinen die Autor*innen, werden aber oft von empirisch nicht haltbaren Behauptungen begleitet. „Man sagt mir, dass elektrische Flugzeuge schon am Horizont sind“ (UK-Gesundheitsminister Matt Hancock). Dazu gehört auch die Behauptung, Marktanreize allein würden genügen, um technologischen Fortschritt hervorzubringen, Regulierungen seinen nicht notwendig.

Eine weitere Taktik ist, fossile Energieträger als Teil der Lösung anzupreisen. Die amerikanische Ölindustrie pumpt zig Millionen Dollar in Werbung, die „sauberere“ fossile Brennstoffe anpreist.

https://asia.nikkei.com/Opinion/Going-green-should-not-mean-eradicating-fossil-fuels

Oft werden auch Erfolgskriterien so definiert, dass sie leicht erreicht werden können. Ambitionierte Klimaziele werden beschlossen, aber ohne konkrete Schritte zur Umsetzung. So kann sich eine Regierung vor der Bevölkerung rühmen, beim Klimaschutz weltführend zu sein.

Auf einer eher ideologischen Ebene scheuen viele Akteure davor zurück, restriktive Maßnahmen zu setzen. Die Autor*innen nennen dies: Keine Peitsche, nur Zuckerbrot („No sticks, just carrots“). Man befürwortet etwas den Bau von Hochgeschwindigkeitsbahnen, bezeichnet aber eine Vielflieger-Abgabe als zu „paternalistisch“ oder zu belastend für die Bevölkerung.

3. Die Nachteile betonen

Nicht selten werden die Kosten von Klimaschutzmaßnahmen ins Treffen geführt, ohne zu berücksichtigen, dass fehlender Klimaschutz noch weit höhere Kosten verursacht. Hier zielt man dann oft auf die einkommensschwächeren Gruppen, denen man nahelegt, dass auf sie besonders schwere Lasten zukommen.

Besonders gern wird hier soziale Gerechtigkeit ins Spiel gebracht: „Wir können nicht zulassen, dass Klimaschutz unseren Wohlstand und unsere Jobs gefährdet“ (der deutsche Wirtschafts- und Energieminister Peter Altmaier). Oder UK-Finanzminister Robert Jenrick: Eine Flugticket-Steuer würde „hart arbeitende Familien treffen und ihnen die Chance nehmen, einen Auslandsurlaub zu genießen“.

Eine andere Form dieses Diskurses zielt generell auf Wohlstand und Fortschritt ab: „Würden morgen keine fossilen Energien mehr verwendet, wären die ökonomischen Folgen katastrophal – zum Beispiel wäre Hungersnot die Folge, wenn den Traktoren der Sprit ausgeht“ ( David J. O’Donnell, Associate Director, Massachusetts Petroleum Council). „Fossile Brennstoffe so schnell wie möglich aufzugeben, wie viele Umweltaktivisten fordern, würde das Wachstum bremsen, das Milliarden von Menschen aus der Armut geholt hat“ (Bjørn Lomborg, Präsident des Copenhagen Consensus Centre).

Dann fällt in diese Kategorie noch der Maßnahmen-Perfektionismus. Hier wird ein besonders vorsichtiges Vorgehen gefordert, um nicht die öffentliche Unterstützung zu verlieren. So verteidigt Peter Altmaier einen niedrigen CO2-Preis mit dem Argument: „Wir haben auch eine Verantwortung für den sozialen Frieden in diesem Land“. Er übergeht dabei die Möglichkeiten, Überzeugungsarbeit zu leisten und einen öffentlichen Konsens für gerechte Klimaschutzmaßnahmen herbeizuführen.

4. Aufgeben

Hier wird in Zweifel gezogen, dass die Klimakatastrophe überhaupt noch abgewendet werden könne. Die politischen, sozialen oder biophysikalischen Herausforderungen seien einfach zu groß. „Die Emissionen in den nächsten fünf oder zehn Jahren komplett zu reduzieren, müssten wir radikal praktisch jede menschliche ökonomische und soziale Produktion neu orientieren, eine Aufgabe, die kaum vorstellbar und noch weniger durchführbar ist“ (Kommentar in der New York Times).

https://www.newyorker.com/culture/cultural-comment/what-if-we-stopped-pretending

Eine Variante ist das Verbreiten von Weltuntergangsstimmung: Alles, was man tun könnte, ist sowieso zu wenig und kommt zu spät. „Die Klima-Apokalypse kommt. Um auf sie vorbereitet zu sein, müssen wir akzeptieren, dass wir sie nicht verhindern können“ (Kommentar im New Yorker).

Abschließend meinen die Autor*innen, dass alle diese Diskurse durchaus überzeugend sein können. Sie bauen auf berechtigten Bedenken und Befürchtungen auf. Doch sie werden zu Verzögerungstaktiken, wenn sie die Wirklichkeit verzerrt darstellen anstatt aufzuklären, wenn sie auf Gegnerschaft statt Konsens abzielen oder wenn sie unterstellen, dass Handeln nicht möglich sei.

Die Studie ist frei zugänglich

Titelbild: Nach https://pxhere.com/en/photo/1370585, CC 0​, Bearbeitung: Martin Auer, CC BY

Durchgesehen: HF

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Gabriele Spilker über Klimawandel und Politikwissenschaft

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Unter dem Motto “Open your Course for Climate Crisis” (OC4CC) holen Wissenschaftler*innen und Lehrer*innen in der Woche vom 17.5 bis 23.5 2021 die Klimakrise in Klassenzimmer und Lehrveranstaltungen. Zusammen mit „Fridays For Future“, „Students For Future“, „Teachers for Future“ und „Scientists for Future“ soll die Klimakrise auch während der Pandemie die dringend nötige Aufmerksamkeit bekommen.

Gabriele Spilker vom Fachbereich Politikwissenschaft und Soziologie der Universität Salzburg spricht über Klimawandel und Politikwissenschaft.

Gabriele Spilker | Kurzvideo-Reihe: Der Klimawandel in meinem Fachgebiet
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Günther Getzinger über Klimawandel und Technikphilosophie

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Unter dem Motto “Open your Course for Climate Crisis” (OC4CC) holen Wissenschaftler*innen und Lehrer*innen in der Woche vom 17.5 bis 23.5 2021 die Klimakrise in Klassenzimmer und Lehrveranstaltungen. Zusammen mit „Fridays For Future“, „Students For Future“, „Teachers for Future“ und „Scientists for Future“ soll die Klimakrise auch während der Pandemie die dringend nötige Aufmerksamkeit bekommen.

Günther Getzinger von der Technischen Universität Graz sprich über Klimawandel und Technikphilosophie.

Günther Getzinger | Kurzvideo-Reihe: Der Klimawandel in meinem Fachgebiet
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