Ein Spaziergang auf die richtige Seite: Warum wir vom Klimastreik am 3.3. nicht fernbleiben sollten

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Lesedauer 5 Minuten.

Ein Aufruf und Meinungsbeitrag von Ivo Ponocny

Da gehen also Menschen für die Zukunft auf die Straße – aber ist meine Zeit dafür nicht zu schade? Was bringt das, wenn ich auch noch dort herumstehe?

So empfinden viele. Ich möchte ihnen antworten: zu diesen Menschen zu gehören ist für sich allein bereits ein überzeugender Grund, dabei zu sein. Tatsächlich erweist sich in vielen Studien das Gefühl, sich zu den Guten zählen zu dürfen, als eines der wirkungsvollsten Motive für das Engagement gegen die Erderhitzung.

Und das mit Recht! Denn ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: Man wird uns alle einmal danach bewerten, ob wir auf diese Bedrohung für uns und die Nachkommenden reagiert oder einfach nur zugesehen haben. Niemand von uns wird einmal der Frage unserer Kinder entgehen, warum wir nicht für sie auf der Straße waren. Mein Sohn hat mich das schon gefragt, und wie froh wäre ich, hätte ich mehr vorzuweisen. Viel mehr. Viel, viel mehr. 

Warum ist es überhaupt wichtig, auf der Straße zu sein?

Weil effizienter Klimaschutz durch mangelnden politischen Willen jahrzehntelang verhindert wurde und noch immer wird. Das Notwendige unterblieb und unterbleibt, weil kein ausreichender Druck aus der Bevölkerung besteht. Sehen wir uns die jüngsten Wahlergebnisse an: weiterhin satte Mehrheiten für jene Parteien, die in der Erhebung durch die Scientists for Future die geringste Bereitschaft zum Klimaschutz zeigen. Dies lässt sich beim besten Willen nicht als Botschaft an die Verantwortlichen interpretieren, endlich den Klimaschutz ernst zu nehmen (eigentlich sogar als die, ihn möglichst unernst zu nehmen). Das der Jugend zu erklären, wird einmal nicht leicht sein – besonders für jene, die nie sichtbar protestiert haben.

Weshalb fehlt dieser Druck? Weil unser Gehirn auf Gefahren wie die Erderhitzung schlecht reagiert: zu abstrakt, zu schleichend, zu langfristig, und nicht zuletzt zu unbequem, sich dagegen zu wappnen. Wir sind mehr die „Aus den Augen, aus dem Sinn!“-Typen. Aber CO2 ist unsichtbar. Es qualmt nicht, es raucht nicht, es stinkt nicht, es ist nicht einmal unheimlich, es überfällt uns auch nicht plötzlich in dunklen Winkeln, um uns zu fressen. Eine harmlose Spinne aktiviert uns mehr als die Aussicht auf Dürre, Brände, Überschwemmungen und anderen Naturkatastrophen. Wir wissen nur über die Zusammenhänge, aber wir können sie nicht fühlen.

Glücklicherweise gibt es eine Einrichtung, die dort „Wissen schafft“, wo unsere unmittelbare sinnliche Erfahrung zu kurz greift. Bei aller Skepsis genießt diese Wissenschaft großes Vertrauen: Bedenkenlos liefern wir uns ihren Schlussfolgerungen aus, wenn wir in ein Flugzeug steigen, zuversichtlich unterziehen wir uns medizinischen Operationen und schlucken pharmazeutische Medikamente, und weder bezweifeln wir die Existenz unsichtbarer WLAN-Signale, wenn wir am Laptop streamen, noch die wissenschaftlichen Aussagen über die Atmosphäre oder was darüber liegt. 

Einen Moment gibt es jedoch, wo wir plötzlich unsere kritische Geisteshaltung in uns selbst entdecken: Er kommt immer dann, wenn die Wissenschaft etwas Unbequemes schlussfolgert. Wir glauben ihr, wenn sie uns Medikamente verschreibt, aber nicht, wenn sie in unserem Lebenswandel ein Problem sieht. Wir bezweifeln nicht die Physik des Wetters, es sei denn, sie deutet auf unser Fehlverhalten hin. Wir vertrauen fest darauf, dass die Technik noch rechtzeitig Lösungen gegen denselben Klimawandel erfinden wird, den wir zugleich so lange bezweifeln, wie aus ihm eine Einschränkung unseres Konsums abgeleitet werden müsste.

Die Skepsis gegenüber dem menschengemachten Klimawandel stellt geradezu ein Musterbeispiel dar: Die meisten bezweifeln weder den physikalischen Effekt von Treibhausgasen, noch dass CO2 ein Treibhausgas ist (eines von mehreren, um das nicht unerwähnt zu lassen), noch dass wir es in großen Mengen freisetzen, noch die Messmethoden, die dessen faktischen Anstieg belegen – aber entsprechend festzustellen, dass unser Verhalten die Erde erhitzt und wir es ändern sollten, dafür gebe es nicht den geringsten Anlass. Hand aufs Herz: Wie anders als durch Bequemlichkeit ist zu erklären, dass wir nichts an der ganzen Schlussfolgerung hinterfragen außer die unliebsamen Konsequenzen? Diese Tendenz, lieber die Kognitionen zu verändern als das Verhalten, kennt die Psychologie unter dem Schlagwort „kognitive Dissonanz“ bzw. „Rationalisierungsfalle“ schon seit Jahrzehnten. Es handelt sich offenbar einen grundlegenden psychologischen Mechanismus: Rationalisieren tritt an die Stelle von rationalem Denken, und Wertigkeiten können sich umdrehen: Vernunft erscheint den Unvernünftigen als extremistisch. 

Genau deshalb müssen wir auch auf die Straße: Damit dieses allzu bequeme Verdrängen nicht so einfach gelingt.

Die Kenntnislage ist in dieser Angelegenheit nämlich so eindeutig, wie es in einer Wissenschaft nur sein kann: Die Temperaturkurve (der berühmte steil nach oben zeigende „Hockeyschläger“) belegt genau jenen rapiden, dramatischen Anstieg, der aufgrund der menschengemachten Emissionen vorhergesagt wurde, dessen Geschwindigkeit aber jeden denkbaren natürlichen Effekt übertrifft – und dessen Fortführung offensichtlich fatal wäre.

Heißt das aber, dass die Wissenschaft – im Sinne der sogenannten „post-normalen Wissenschaft“ – Forderungen an die Gesellschaft stellen darf? Forderungen, wie energische Maßnahmen gegen die Erderhitzung zu ergreifen? Tatsächlich ist es die Aufgabe der Wissenschaft, möglichst objektive Fakten bereitzustellen, selbst wenn eine völlig wertfreie Wissenschaft aus vielen Gründen in Wahrheit gar nicht möglich ist. Wenn also nun Wissenschaftler*innen – ob individuell oder in Zusammenschlüssen wie den Scientists for Future – Stellung beziehen, sind das meines Erachtens gar nicht so sehr Forderungen „der Wissenschaft“ – sondern Forderungen, die auf moralischen Schlussfolgerungen aus wissenschaftlichen Fakten beruhen.

Wissenschaftler*innen können sich auf ihre Weise zu Wort melden, jeder Mensch kann demonstrieren gehen. Wir gehen ja auch spazieren, freiwillig, ohne äußeren Nutzen. Warum nicht mit dem nächsten Spaziergang etwas Gutes tun? Unsere Schritte einfach so lenken, dass wir auf der richtigen Seite stehen?

Wenn wir schon von der richtigen Seite sprechen: Ob man die Erderhitzung bekämpft oder zulässt, hat nichts mit Ideologie zu tun, schon gar nicht mit links, konservativ oder rechts, auch wenn das des Öfteren suggeriert wird. Da ist keine Ideologie dabei, in welcher die Zerstörung unserer eigenen Lebensgrundlagen und der unserer Kinder eine Tugend wäre. Die Wissenschaft ist sich einig: Mangelnder Einsatz für Klimaschutz würde unserem Land und unseren Kindern sowie Menschen in anderen Ländern und deren Kindern Schaden zufügen. Zerstören ist einfach nur zerstören: Solange wir das Klima schädigen, kämpfen wir für keinerlei Werte, wie auch immer sie aussehen mögen, wir sind nichts weiter als die Generation, die das Wohl ihrer eigenen Nachkommen für 30 Silberlinge verscherbelt.

Und um auch das nicht unerwähnt zu lassen: Gerade wer keine Geflüchteten im Land will, sollte das Klima bewahren. Die Menschenströme, die die Erderhitzung an unsere Grenzen treiben wird, werden den Schätzungen zufolge die Zahlen der letzten Jahre noch bei weitem übertreffen, vielleicht um ein Zehnfaches.

Was ist der Unterschied, ob wir am Klimastreik teilnehmen oder nicht?

Die Erderhitzung kam nicht von selbst. Sie war eine Entscheidung, und deren Fortsetzung ist es noch immer. Studien zeigen, dass Menschen viel weniger Aufwand treiben, um sich vor äußeren Bedrohungen zu schützen als vor solchen, für die sie selbst verantwortlich sind. Demonstrationen sind auch darum wichtig, um der Öffentlichkeit deutlich zu machen, dass es noch immer wir sind, die sich für oder gegen Klimaschutz entscheiden bzw. solche Entscheidungen an die Politik in Auftrag geben – oder eben nicht. Weitere Studien zeigen, dass Demonstrationen tatsächlich die öffentliche Meinung beeinflussen können und für deren langfristige Entwicklung eines der wirkungsvollsten Instrumente darstellen.

Natürlich kann eine einzelne Person nicht an der Politik vorbei das Klima retten. Und wahrscheinlich ändert sich auch nach dem 3.3. nicht unmittelbar etwas, egal wie viele Menschen auf der Straße stehen, und vor allem egal, ob ich dort stehe oder nicht. Das mag stimmen, aber wir können die öffentliche Wahrnehmung wieder ein Stück in die richtige Richtung verschieben. Es ist die freie Entscheidung jedes Einzelnen, sich für die gute Seite einzusetzen – oder das dafür Nötige zu unterlassen. Genau wie bei einer Wahl, wo man ja auch hingeht, obwohl mit an Unmöglichkeit grenzender Unwahrscheinlichkeit die eigene Stimme nicht den Ausschlag geben wird.   

Es wird auch nicht eine einzelne Demonstration die Welt verändern, genauso wenig wie ich meine Zähne retten werde, indem ich sie gerade heute putze. Wem von uns ist wohl an diesem Morgen der alles entscheidende Schlag gegen Karies geglückt? Dennoch haben die meisten von uns die Zahnbürste auch heute in die Hand genommen. Obwohl es doch eigentlich dieses eine Mal nichts bringt. 

Weil wir uns so und nicht anders verhalten, wenn uns etwas wichtig ist.

Und weil wir mit gutem Grund den Tag fürchten, an dem man uns fragen würde, wie wir Deppen unsere Zähne so vernachlässigen konnten. Was uns hier hilft: Es gibt eine soziale Norm, dass man Zähne putzt, und an die halten wir uns. Auch in Sachen Klimaverhalten gilt das Vorliegen starker klimafreundlicher Normen als entscheidend. Dadurch, dass wir sehen, was anderen wichtig ist, wird es auch für uns bedeutender. Wenn wir aber erkennen, dass sich niemand ernsthaft um etwas schert, bleiben auch wir eher gleichgültig. Es ist also unerlässlich, dass wir, wenn wir Klimaschutz wollen, dabei auch von anderen gesehen werden, um solche Normen zu schaffen. Volle Straßen sind ein Signal. Leere Straßen leider auch.

Deshalb meine ich zum Klimastreik: Gehen wir hin!

Wer heute nicht geht, geht morgen auch nicht.

Und wer auch morgen nicht geht, geht nie.

Sehen wir uns?

Titelbild: Markus Spiske auf pexels.com



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