Den Glasgower Klimapakt nutzen:
Einschätzung der Konferenzergebnisse der COP26
von Fachkollegium der S4F

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Trotz Mängeln hat der Glasgower Klimapakt mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen.  Er kann und soll von den Klimagerechtigkeitsbewegungen genutzt werden, um die Einhaltung der Ziele von den nationalen Regierungen einzufordern. Zu diesem Schluss kommt das aus 32 Expert*innen bestehende Fachkollegium der Scientists for Future Österreich. 

Worum ging es?

Die COP26 in Glasgow hatte ambitionierte Ziele. Die wichtigsten waren

  • die Nachschärfung der Klimaziele der Vertragsstaaten des Pariser Abkommens, die eigentlich schon 2020 hätte erfolgen sollen und bedingt durch die Pandemie verschoben wurden,
  • die Fertigstellung und Verabschiedung des Regelwerks zur Operationalisierung des Pariser Abkommens sowie
  • die Umsetzung und Nachschärfung der Klimafinanzierungszusagen an den globalen Süden.

Die Konferenzergebnisse werden von Seiten der verhandelnden Delegationen teilweise als Durchbruch und teilweise zumindest als ein Zwischenerfolg gewertet, von Fridays for Future – Aktivist:innen sowie anderen NGOs und Umweltverbänden als unzureichend, zu zaghaft, zu spät kritisiert.

Zur Einordnung

Dass sich 193 Staaten seit 1995 jährlich treffen, um an den internationalen Verhandlungen zur Stabilisierung des Weltklimas teilzunehmen, soll zur Einstimmung nochmals erwähnt sein. Dass diese Staaten unterschiedliche Interessen an den Verhandlungstisch bringen, ja dass hier die Verursacher der Klimakrise mit den am stärksten Betroffenen verhandeln, sollte auch nicht aus den Augen verloren werden, wenn man sich an einer Einschätzung der Ergebnisse einer solchen Konferenz versucht. Dass die Lösung der Klimakrise international politisch verhandelt wird, ist ein zivilisatorischer Fortschritt, der seinesgleichen in anderen Bereichen sucht. Selbstverständlich ist dieser diplomatische Erfolg alleine noch kein Grund zum Jubeln – die Klimakrise geht auch nach der COP26 weiter und ob, wie vom britischen Verhandlungsleiter in den Raum gestellt, das Pariser 1,5°C-Ziel mit dem verabschiedeten Glasgow Climate Pact tatsächlich in Reichweite bleibt, darf und muss kritisch hinterfragt werden.

Was wurde beschlossen?

Vor dem Hintergrund dieser Vorbemerkungen sollen nun die wichtigsten Ergebnisse und Nicht-Ergebnisse der COP26 kurz beleuchtet werden. Das Ziel heißt jetzt eindeutig 1,5°C, nämlich zusätzliche Erwärmung der globalen Mitteltemperatur bis 2100 gegenüber dem vorindustriellen Niveau. Die Erkenntnis, dass eine Erwärmung um 2°C oder auch „deutlich darunter“, wie es im Pariser Abkommen steht, zu für den Menschen katastrophalen Auswirkungen führen würde, die in vielen Erdteilen Anpassungsgrenzen überschreiten werden, hat sich durchgesetzt. Statt Klimaneutralität zu erreichen, also global gesehen den Ausgleich von Emissionen und Senken von Treibhausgasen (THG) “in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts”, soll dies nun bis 2050 gelingen. Der Emissionspfad zu diesem Ziel hin ist ganz wesentlich: Die Klimaerwärmung ist primär von der Konzentration der THG in der Atmosphäre abhängig und nicht von einer Momentaufnahme der THG-Emissionen im Jahr 2050. Werden die jährlichen Emissionen zunächst langsamer reduziert, muss später eine stärkere Abnahme stattfinden, um 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Dann sind aber in Summe mehr THG in die Atmosphäre gelangt als bei einem Reduktionspfad, der schon früh ein rasches Sinken der Emissionen forciert, und dann auch flacher verlaufen darf (siehe Blogbeitrag https://at.scientists4future.org/2021/11/13/joeri-rogelj-wie-15c-noch-zu-retten-waren-mit-50-prozent-wahrscheinlichkeit/).

Die national festgelegten Beiträge (nationally determined contributions, NDCs) der Staaten, die in Paris festgeschrieben wurden und eigentlich schon im Vorfeld der COP26 hätten nachgeschärft werden sollen, reichen immer noch nicht aus, um überhaupt nur in die Nähe des 2°C-Zieles zu kommen. Daher sollen sie ab nun in regelmäßigen Intervallen nachgeschärft werden. Damit hat man nun eine wesentlich raschere Handhabe, auf zu schwache Klimaziele zu reagieren. Das ist auch notwendig, denn mit den derzeit in Kraft befindlichen Maßnahmen zum Klimaschutz steuern wir auf eine Erwärmung von 2,7°C bis 2100 zu, und selbst bei voller Umsetzung aller neuen NDCs, die in Glasgow präsentiert wurden, beträgt diese noch 2,1°C. Wir erinnern an die katastrophalen Folgen einer um 2°C wärmeren Welt, die der IPCC im 2018 veröffentlichen Special Report zur globalen Erwärmung von 1,5°C dargelegt hat (https://www.ipcc.ch/sr15/).

Abbildung 1: Auswirkungen der aktuell implementierten Klimaschutzmaßnahmen (policies & action), der Umsetzung bisheriger NDCs (2030 targets only), der Umsetzung neu eingereichter NDCs (pledges & targets) sowie eines optimistischen Szenarios der vollen Implementierung aller angekündigten Ziele (optimistic scenario) auf die Zunahme der globalen Mitteltemperatur bis 2100.
Quelle: https://climateactiontracker.org/publications/glasgows-2030-credibility-gap-net-zeros-lip-service-to-climate-action/

Weiters wurde das Regelwerk zum Pariser Abkommen finalisiert und verabschiedet, welches nunmehr die tatsächliche Operationalisierung des Pariser Abkommens ermöglicht. Seit 2018, als die meisten Elemente des Regelwerks fertiggestellt wurden, fehlten noch die konkrete Ausgestaltung der kooperativen Ansätze sowie der gemeinsame Zeitrahmen z. B. für die regelmäßige Übermittlung der nationalen Reduktionsziele sowie deren Bewertung. In Glasgow wurden Beschlüsse zu beiden Themen gefasst, um den Handel mit Kohlenstoffgutschriften, einen Kohlenstoffmarkt und einen Rahmen für nicht marktbasierte Ansätze zu operationalisieren. Außerdem wurde das Transparenzrahmenwerk vollständig fertiggestellt und die Tabellen, Gliederungen und anderen Formate für die verpflichtenden regelmäßigen Berichte vereinbart. Dies wird es den Staaten ermöglichen, ihre ersten Transparenzberichte über die Entwicklung der jeweiligen nationalen THG-Emissionen im Rahmen des Pariser Abkommens im Jahr 2024 vorzulegen.

Der Einstieg in den Schutz von Wäldern sowie die – wenn auch verwässerten – expliziten Hinweise auf die Notwendigkeit, aus Kohle auszusteigen und klimaschädliche Subventionen für die fossile Energienutzung zu streichen, sind für die COP neue Ergebnisse, wiewohl Zweiteres implizit schon im Pariser Abkommen steckt. Es kann auch nur der erste Schritt sein, Öl und Gas müssen folgen!

Unsere Einschätzung: Licht und Schatten

Auch neben den Verhandlungen der Vertragspartner:innen sind wichtige Vereinbarungen getroffen worden, für die nicht die Zustimmung aller Länder notwendig war. Mittlerweile finden sich „Willige“ zusammen, die bereit sind, weiter zu gehen als die Abkommen vorschreiben. Das sind teils Staaten, z. T. aber auch Sektoren (z. B. Finanz) oder Firmen (z. B. Autoindustrie). So kamen im Rahmen der COP Abkommen über die Reduzierung von Methan, zur Beendigung der Entwaldung und verstärkter Wiederaufforstung, Selbstverpflichtungen verschiedener Industrien und auch die von Costa Rica und Dänemark initiierte „Beyond Oil and Gas Alliance“ zustande. Das sind wichtige Signale außerhalb des UNFCCC- und COP-Rahmens, die Konsequenzen haben und u. a. in der Wirtschaft Veränderungen in Gang setzen können.

Diese positiven Ergebnisse dürfen nicht von der Tatsache ablenken, dass wesentliche Ziele nicht erreicht sind – allen voran Verpflichtungen, die tatsächlich zur Einhaltung des 1,5°C-Zieles führen, aber auch die unzureichende Finanzierungsbereitschaft zur Behebung schon jetzt auftretender Klimaschäden in Ländern des globalen Südens. Wenn durch das Nicht-Einhalten von Zusagen des globalen Nordens der globale Süden als Mitstreiter in der Klimapolitik verloren geht, werden auch radikale Emissionsminderungen des globalen Nordens das Klima nicht stabilisieren können.

Die gesellschaftliche Transformation erfordert Veränderungen auf allen Ebenen und in allen Bereichen (“Mehrebenenansatz”). Verbindlichen globalen Vereinbarungen kommt dabei eine Schlüsselrolle zu, um die notwendigen Rahmenbedingungen und somit Planungssicherheit für die darunterliegenden Ebenen sicherzustellen. Deren Umsetzung liegt allerdings bei den Nationalstaaten, die sich mit Annahme des COP26-Schlussdokumentes alle zur Mitwirkung verpflichtet haben.

Worauf es jetzt ankommt, ist, den Glasgower Climate Pact zu nutzen, um die Einhaltung der Reduktions- aber auch Anpassungs- und Klimafinanzierungsziele von den nationalen Regierungen einzufordern. Durch die verschärften und eindeutigen Ziele hat der Glasgower Climate Pact mehr Schlagkraft als das Pariser Abkommen und kann von den Klimagerechtigkeitsbewegungen entsprechend genutzt werden.

Siehe zu dieser Thematik auch das Interview mit Renate Christ in unserem Blog

Titelfoto:  Felipe Werneck/Observatório do Clima via Flickr



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